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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-01-01 · Heft 1 (1.1.1891) · p. Seite 6

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 1 (1.1.1891)
Date
1891-01-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Länder des Orients für den Islam erobert. Wie Sturmesbrausen, oft wohl zerstörend und verwüstend, durcheilten sie siegesnnithig die damals bekannte Welt, aber ein erfrischender Lebenshauch zog mit ihnen in alle die Länder, welche sie sich in Asien, Afrika und Europa unterworfen hatten. Kaum ein Jahrhundert, nachdem sie Bekenner des Islams geworden, waren die Araber die Träger der Bildung, die Förderer der Wissenschaft, auf allen Gebieten der Bildung und Wissenschaft die Lehrer ihrer Zeit geworden. An dem Geistesaufschwung der Araber nahmen die Juden, die unter den Arabern lebten, einen reichen und rühmlichen Antheil; einem ihnen eigenthümlichen Zuge folgend, den die Juden zu allen Zeiten bewährt haben, daß sie den Bienen gleich den Blüthenstaub aller Kulturcpochen in sich aufnahmen und verarbeiteten, wetteiferten auch die damals unter den Arabern lebenden Juden mit denselben in allen Künsten des Friedens und in allen Zweigen der Litteratur. In dichten Massen lebten die Juden der Gebiete, welche der Islam umfaßte, in den ehemals babylonischen Landstrichen, in dem Gebiete, welches nächst Palästina der klassische Boden der jüdischen Geschichte genannt werden darf. Jener Boden war nicht nur Zeuge der Thrünen, welche die von Nebuhadnezar dorthin geführten Juden weinten ob der verstimmten Zionsharfe, auf ihm hatten auch die Schulen geblüht, in denen die scharfsinnigen Talmudlehrcr wirkten; und von der Zeit ab, da diese den palästinensischen Schulen den Rang abliefen, blieb der Boden Babyloniens bis in das zehnte Jahrhundert der Mittelpunkt jüdischen Geisteslebens. Dort auf dem Boden Babyloniens hatte Abba Arekka das hochberühmte Lehrhaus zu Sura gegründet, Abba Arekka, der das herrliche Mnßafgebet für das Neujahrsfest geschrieben, und der, obgleich er Tausenden von Schülern Vorträge über die Mischnah hielt, doch den Ackerbau so hoch hielt, daß er seinem Sohne die Lebensregel gab: „Besser ein kleines Maß vom Acker als ein großes vom Waarenlager." Dort wirkte zu Nehard ea Samuel, der seiner großen astronomischen Kenntnisse wegen von sich rühmen konnte: „Mir sind die himmlischen Bahnen so bekannt, wie die Straßen Nehardeas", und der seinen Zeitgenoffen den Grundsatz einprägte, daß für den Juden die Landesgesetze nicht minder bindend sind als die Gesetze der Thora. Dort wirkte zu Pu mb ad st ha Abaju, unter dem das scharfsinnige Geistesspiel, welches wir talmudische Dialektik nennen, die höchste Entfaltung erreicht, und der den Ausspruch in dem Munde führte: „Der Mensch sei klug in der Gottesfurcht, seine Sprache sei mild und versöhnlich; er halte Frieden mit Brüdern und Verwandten, mit aller Welt, auch mit den Heiden, damit er überall unter den Menschen geliebt und geachtet sei." Dort wurde der babylonische Talmud abgeschlossen, der Rahmen, innerhalb deffen Alles eingeschlossen ist, was die jüdische Nation seit dem beginnenden Abschluß der biblischen Litteratur geistig durchlebt, erdacht und erstrebt hat, und in dein wir eine lebendige Vorführung des Glaubens, Denkens und Strebens des jüdischen Volkes innerhalb eines Zeitraums von inehr als 600 Jahren, durchleuchtet von dem Lichte der Religion, besitzen. Dort erstand unter der milden Herrschaft des Islam das jüdische Geistesleben zu neuer Blüthe, und die Schuleii zu Sura und Pumbaditha, deren Häupter sich nunmehr Gaonen nannten, errangen ein solches Ansehen, daß die jüdischen Gemeinden in Asien, Afrika und Europa sich willig den Entscheidungen unterwarfen, welche von denselben ausgingen. Dem jüdischen Volke war zu allen Zeiten eine große Empfänglichkeit für geistige Anregungen aller Art eigen, es wurde alle Zeit von den Völkern, in deren Mitte es lebte, mächtig beeinflußt — in gutem und auch in schlechtem Sinne — und so konnten auch die religiösen Spaltungen, welche in der zweiten Hälfte des siebenten Jahrhunderts die mohammedanische Welt durchzitterten, nicht ohne Rückwirkung auf die in ihr lebenden Juden bleiben. In vereinzelten Splittern lebten noch immer unter den Juden die Anschauungen der Sadducüer, welche die Tradition, die mündliche Ueberlieferung verwarfen und nur das schriftliche Gesetz für verbindlich erklärten; die Vertreter dieser Anschauung hatten keinen Anhang im Volke und konnten sich der Uebermacht des Talmuds gegenüber, der die Ausprägung der mündlichen Ueberlieferung bildet, nicht bemerklich machen. Nun spaltete sich aber auch der Islam in zwei Richtungen, in die Sunniten, welche neben dem schriftlichen Gesetze, dem Koran, auch eine mündliche Neberlieferung, die Sunna, anerkannten, und in die Schiiten, welche diese mündliche Ueberlieferung verwarfen, und der oft siegreiche Kampf, den die Schiiten gegen die Sunniten führten, erfüllte die Anhänger der gleichen Richtung unter den Juden, die scheinbar dem Untergänge verfallenen vereinzelten Juden der sadducäischen Anschauung mit dem Muth, sich zu sammeln und fester aneinander zu schließen. Und als ihnen in dem ebenso ehrgeizigen als gelehrten Anan und seinen gelehrten Nachfolgern hochbegabte Führer erwuchsen, lösten sic sich als eine besondere Sekte von dem Judenthum ab und stellten sich unter dem Namen der Karäer, die Männer der Schrift, in feindlichen Gegensatz zu den Anhängern des Talmuds, welche sie Rabbaniden nannten. Der Feind, der mit dem Karäerthum dem Judenthum erwuchs, barg für dasselbe eine große Gefahr, denn das Judenthum war damals einseitig geworden. Der Talmud war der einzige Zweig des Wissens, der gepflegt wurde, und auch dieser war nicht mehr der lebendige Strom, der die Geister erfrischte und den Lehrern die selbstständige Forschung in dem alten Schristthum gönnte; das Studium des Talmuds war eine dürre Gedüchtnißsache geworden; es hatte sich Rinde auf Rinde um den alten Stamm gelegt, der jedem frischen Reis den Durchbruch verwehrte. Der Talmud war dermaßen die allein herrschende Autorität geworden, daß die Bibel nur noch im Lichte des Talmuds geschaut wurde, und der ursprüngliche, belebende und erwärmende Hauch, der ihr entströmt, den Schulen und Gemeinden abhanden gekommen war. Da war es, wie Frühlingsluft, welche die Eisesfeffel sprengt, die von dem' Karäismus ausging, Frühlingshanch, der auch seinen Weg in die jüdischen Gemeinden fand, dem viele jüdische Kreise gern sich öffneten. Da der Karäismus die Tradition und damit die Autorität des Talmuds verwarf und nur das schriftliche Gesetz allein anerkannte, niußte er sich der Bibelforschung befleißigen, mußte durch das Eindringen in die Gesetze der hebräischen Sprache einen selbstständigen Weg für die Erklärung der Schrift gewinnen und in der Philosophie, die damals in den arabischen Schulen emsig betrieben wurde, das Mittel suchen, seine religiösen Meinungen in Grundwahrheiten darzustellen. Diese Rückkehr zur Bibel, dieses wissenschaftliche Erfassen derselben war der Frühlingshauch, der eine mächtige Anziehungskraft auf gar viele Kreise im jüdischen Volke übte und gar manche veranlaßte, sich dem Karäismus zuzuwenden. Der Karäismus war aber nicht die einzige Gefahr, die dem Judenthum drohte, es erwuchs ihm ein Gegner in seinein eigenen Schooße. Geistige Bewegungen haben das Eigenthümliche, daß sie, dem wilden Gießbach gleich, die Dämme durchbrechen und die von ihnen Erfaßten veranlassen, jedes Ziel und Maß zu überschreiten. Hatte man bis dahin an Bibelforschung sickgar nicht gewagt, so riß die voll dem Karäismus ausgehende Bewegung hervorragende Geister innerhalb der jüdische» Kreise hin, sich einer maßlosen Bibelkritik zlizuwenden, wie das scharfe Sezienneffer, wie der Prozeß des Chemikers, die heiligen Schriften bis auf ihre innersten Bestandtheile zu zersetzen und aufzulösen und also, wie Chiwi ans Bnlch es that, die heiligen Schriften ihres göttlichen i

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