Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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jubelnd klingenden Melodien: Denn in ihnen liegt Israels ganze Geschichte, seine große Vergangenheit, seine traurige Gegenwart, seine gottverheißende Zukunft. Wenn sie an uns vorüberrauschen, entfaltet sich vor unseres Geistes Auge eine Fülle von Gesichten: Des Tempels unsagbare Herrlichkeit, der Leviten jauchzende Sängerchörc, die Priester, des heiligen Weihedienstes waltend, die erhabenen Gestalten der Erzväter, die Führer des Volkes, die mahnenden und warnenden Propheten, die ehrwürdigen Gestalten der Rabbinen, die bleichen Gestalten der Märtyrer des Mittelalters. Und als Refrain hören wir immer nur das eine Lied: „Wie können wir singen das Lied von Zion auf fremder Erde Das ist die unendliche Grundmelodic. Die Mischung der Stimmung ist aber der Musik selbst nicht günstig. Der weltliche Charakter wird auch auf die religiöse Musik übertragen. Diese selbst wird wohl hie und da zu den sieben freien Künsten gerechnet und nur von wenigen über die Poetik gestellt. Jacob L evi in Mainz zu Anfang des 15. Jahrhunderts wird als Begründer des deutschen Synagogengesanges angesehen. Aber dieser Synagogengesang entwickelte sich auf Kosten der wahren Andacht, er holt seine besten Motive aus fremden Quellen. Erst um die Zeit der italienischen Renaissance kann ein Prediger, Juda Muscato, die erste seiner berühmten Predigten der Musik weihen, der er eine hohe Mission anweist. Der Sage von der Windharfe Davids giebt er eine schöne allegorische Deutung, indem er den ganzen, auf einen Psalmvers sich stützenden Vorgang in das Innere der Seele des königlichen Sängers verlegt. Und ein Anderer, Samuel Arkevolti, schreibt eine Theorie der Musik. Aber auch er wendet sich mir Entschiedenheit gegen die Unterlage weltlicher Melodien für religiöse Lieder, die damals in Italien wie in Deutschland, in Frankreich wie in der Türkei heimisch gewesen. Als einziger jüdischer Musiker in der späteren Zeit des Mittelalters erscheint der Italiener Salomon Rossi. Aber auch er greift nicht in die Entwickelung ein, die sich in seltsamen Verirrungen gefällt. Das Alter der Synagogenmelodien wird künstlich erhöht, selbst die froinmsten religiösen Lieder werden zu frivolen weltlichen Melodien gesungen. Ja, zu einer Zeit, wo schon die Sonne deutscher Musik in ihrer vollen Höhe strahlt, zur Zeit eines Bach, eines Händel, Haydn, Mozart, Beethoven, wandert der jüdische Bettelmusikant, zugleich auch ein Melodienbettler, noch durch die Lande mit seinen beiden Sangesgenossen. Da kam auch für Israel eine neue Zeit. Die Sonne der Humanität strahlte in das enge Ghetto, die Posaune des Tages der Erlösung brach seine Mauern. Ueberall ertönte der Ruf nach Befreiung, und mit Bruderliebe schloß die Menschheit auch das sturmgebeugte Israel in seine Arme. Die alte Synagoge blieb nicht zurück. Auch sie hüllte sich in ein neues Festgewand, und unter den Männern, welche dieses Festgewand ihr anpaßten, steht unser Jubilar in der vordersten Reihe. So sind wir von unserer kurzen Wanderung durch die Geschichte der jüdischen Musik wieder zu Ihnen zurückgekehrt, mein theurer Herr Professor, der Sie dies große Werk vollbracht, die Musik der Synagoge, die lang entbehrte, schmerzlich vermißte, heiß ersehnte, wieder zu neuen Ehren zu bringen, dem alten Liede eine neue Weise unterzulegen. Ein altes Lied und eine neue Weise! Das alte Lied unwandelbarer Liebe und Treue und Ergebung in den Willen Gottes. Ihr Wahrspruch war allezeit das Schriftwort: „Mein Sang und Saitenspiel ist Gott!" Und Ihre Weise klang aus in dem fröhlichen Jubelton: „Gelobet seist du jederzeit, Frau Musica!" Ein weiser Mann sprach einst die Mahnung aus: „Haltet in Ehren Frau Musicam!" Dieser Mann hieß Martin L u t h e r, und auch hier zeigt sich die erhabene Macht der Tonkunst, die hoch über dem Trennenden aller Konfessionen und Parteien steht. Mag es in dieser Stunde erzählt werden, daß bei der 400jährigen Jubelfeier zu Ehren Martin Luthers in der protestantischsten Stadt Deutschlands, in jener Stadt, die Luther selbst das „Auge Gottes" genannt hat, in der Sebalduskirche zu Nürnberg, ein alter Davidspsalm in der Komposition unseres Jubilars ist gesungen worden. „Haltet in Ehren Frau Musicam!" Wir wollen diese Mahnung! aufrichtig beherzigen und den Künstler ehren, der die Tonkunst der! Synagoge zur Blüthe gebracht, der mit heiligem Eifer ihre Melodien! gesammelt und mit hoher Begabung gesungen, was ein Gott ihm j in die sangesfreudige Seele gelegt. \ „Leben athme die bildende Kunst, Geist fordr ich vom Dichter, Aber die Seele spricht nur Polyhymnia aus." Ein Waisenknabe, irrt das Lied durch die Lande, da begegnet ihm der Tondichter, er nimmt sich seiner mitleidig an, er bekleidet ihn mit seinen Melodien, und auf den Fittichen des Gesanges zieht es nun in alle Weiten, Freude und Segen verbreitend, das alte Lied, die neue Weise! Horch, durch die stille Nacht klingt in diesem Augenblick ein solch altes Lied in der neuen Weise, die unser Meister ihm gegeben: „Ich gedenke dir die Holdseligkeit deiner Jugend, die Siebe deiner Brautzeit, daß du mir nachgingst in der Wüste, in dem Land, dem saatlosen." Ist es uns nicht, verehrte Festversammlung, indem diese Weise an unserem Ohr vorüberrauscht, als vernähmen wir die Harmonien einer Zukunftsmusik, die nur Liebe und Versöhnung kündet, als hörten wir nun das Rauschen eines neuen Frühlings, j den unsere Dichter und Propheten schon seit Jahrtausenden ver-! kündet haben, als sähen wir nun emporsteigen die Morgendämmerung! jenes großen Tages, da die aus Irrwahn und Geistesnacht befreite > Menschheit in einem Bekenntniß der Bruderliebe sich einigt, an dem > Israels Lied zum Liede der Menschheit sich erweitert, und von j Millionen Stimmen ein einziger Dankespsalm zum Himmel empor sich ringt: Hallelujah, Hallelujah! Sandras. Von Dr. S. Bäck, Rabbiner in Lista. Große Männer, die durch den Gührungsstoff, den sie in die träge Masse der'Menschheit werfen, dieselbe zu rascherer Entwicklung drängen, geben wohl ihrer Zeit das bestimmte Gepräge, den bestimmten Charakter, doch sind es die großen, die mächtig bewegten Zeiten, welche sie zu großen Männern erzogen haben. Und dieselben Männer, welche dem Entwicklungsgänge der Menschheit neue Bahnen angewiesen, und deren Name mit unauslöschlichen Zügen in die Blätter der Geschichte geschrieben ist, sie wären in ruhigen Zeiten im alltäglichen Geleise geblieben, und die Menschheit hätte nichts von ihnen vernommen. Die großen Zeiten haben eben die in ihnen schlummernden Kräfte geweckt, sie haben diesen großen Männern den Boden geschaffen, auf dem sie ihre Kräfte entfalten konnten, sie haben dieselben zu großen Männern erzogen. Auch die Bedeutung, welche Saadias, deffen tausendsten Geburtstag zu feiern die Juden aller Länder sich anschicken, für die Entwicklung des jüdischen Volkes und seiner Litteratur gewonnen hat, ist aus der Gährung zu erklären, welche seine Zeit tief durchwühlte, aus der mächtigen Bewegung, welche seine Zeitgenossen ergriffen hatte. Die Araber hatten unter dem Rufe: „Es ist kein Gott als Allah, und Mohammed ist sein Prophet" die schönsten