Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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1 WWW den Untergang des altisraelitjschen Gesanges heraus. Als der Altar in Jerusalem inngcstürzt wurde, da verstummte das Lied der Zionssänger, der Levitenschaaren, der Korachidengemeinde. Seit jener Zeit wurden die Gesänge Zions nicht wieder in ihrer Vollendung gehört, bis in unseren Tagen eine Schaar von Männern auftrat, die die alten Harfen von den Weiden lösten und in ihre zitternden Saiten griffen und die uralten Melodien von Neuem ertönen ließen. Unter diesen Männern steht unser Jubilar oben an. Ihm gilt heute unser Festgruß und unser Glückwunsch. So wende ich mich denn vor Allem an Sie, mein theurer Herr Professor, indem ich Ihnen im Namen Ihrer Freunde, im Namen der Gemeinde, im Namen der ganzen israelitischen Gemeinschaft den innig bewegten Dank und Glückwunsch darbringe. Großes ist Ihnen beschieden gewesen, Großes ist Ihnen gelungen. Zu einer Zeit, wo das Judenthum am tiefsten darnieder lag, wo aber auch schon die ersten Keime einer besseren Zukunft sichtbar waren, ist es Ihnen durch eine providentielle Fügung beschieden gewesen, Ihr Amt in der größten und intelligentesten Gemeinde Deutschlands anzutreten. Fünfzig Jahre haben Sie dieses Amtes gewaltet mit Eifer und Fleiß, mit Treue und Hingebung, mit Pietät und mit einer großen Begabung. Wenn es eines Zeugniffes hierfür bedürfte, der heutige Tag hätte es erbracht, indem er Ihnen gezeigt, wie die Mitmenschen Ihr Schaffen verstanden, Ihre historische Stellung erfaßt, Ihr Wirken gewürdigt haben. Sie haben den Gottesdienst der deutschen Synagoge neu geschaffen, Sie haben ihm Weihe und Andacht gegeben, Sie haben die alten Gesänge im Geiste unserer Zeit erneuert, Sie haben den historischen Melodien neuen Schwung, dem Worte Kraft, dem Liede Adel verliehen. Zwei Generationen lauschen bereits Ihrem Gesang in allen Theilen der gebildeten Welt, Ihrem Liede, das tief in die Seele dringt und dem Auge Thränen der Freude oder der Schmerzen entlockt. Diesem Liede lauschen hingerissen der Knabe und das Mädchen am Tage, da sie ausgenommen werden in den Bund der Väter, der Jüngling und die Jungfrau in des Lebens feierlichster Stunde, der Mann und das Weib in jenen erhabenen Momenten im Reigen der Trauerlind Festtage Israels, die führen das bekränzte Jahr. Als Sie vor fünfundzwanzig Jahren das erste Vierteljahrhundert Ihrer Wirksamkeit feierten, da stand ein besserer Mann, Leopold Zunz, an dieser Stelle und sprach zu Ihnen: „Durch Sie wurden alte Gedanken zu jungen Empfindungen, und aus den Vorräthen des Wortes bereitete Ihre Melodie eine wohlschmeckende Nahrung." So haben Sie an Ihrem Theile an der Erhebung Israels mitgewirkt, und was Sie gebildet und umgebildet, das bleibt fort und fort, das klingt durch alle Lande. Higros, der Levite, ist in Ihnen neu erstanden. Aber Ihr Lied wird nicht untergehen, denn schon hat eine stattliche Schülerzahl es in alle Lande, über den Ozean hinaus, in die fernsten Gemeinden des bewohnten Erdrunds verpflanzt. Ein Erbtheil wird es bleiben der Gemeinde Jakobs, der Gemeinschaft, die von jeher die Musik geliebt und gepflegt hat, und in welcher Sang und Klang nur in den Tagen schwerer Noth verstummen mochten. Verlegt doch die heilige Sage die Entstehung der Musik selbst in die Urgeschichte Israels. Und welch ein merkwürdiges Bild für die versöhnende Kraft der Musik: Ein Enkel Kains, des Brudermörders, ein Sohn Lemachs, des Todtschlägers, wird als der Erste genannt, der Zither und Flöte (kinnor und ugab) spielte. Einer seiner Söhne erfand die Waffenkunst, der andere das Saitenspiel; beide handhabten das Erz, der eine zum Singen, der andere zum Kämpfen. Aus Leid und Kampf ist also entstanden das Lied. Gesang und Reigen, Lieder, Pauken und Harfen geleiten die Stammväter auf ihren Wanderungen, führen die streitbaren Männer in den Kampf für das Vaterland, begrüßen die heimkehrenden Sieger mit ihrem Jubel, preisen die Gnade des Herrn vor versammeltem Volke im Tempel auf Morijas Höhen. Aus der Harfe ist der Psalm hervorgegangen zur Ehre Gottes, aus der Liebe zur Kunst ist der Psalter entstanden. Dieser aber ist ein Gesangbuch der Welt geworden, wie kein zweites, und sein Urheber, David, erscheint als der Begründer der althebräischen National- und Tempelmusik. Er bannt den bösen Geist des Königs Saul mit seinem Gesänge, er schlägt durch sein Saitenspiel die Feinde, er führt den Reigen der Chöre an, die jauchzend des Herrn Preis und Ehre in der heiligen Stadt singen. Und welch' ein merkwürdiges Bild bietet die Vergleichung zwischen der althebräischen und althellenischen Musik dar: Die Musik des Orpheus bezwingt die wilden Thiere, die des David die Dämonen, durch die Leier Amphions bauen sich Thebens Mauern auf, die Posaunen Israels zerstören die Mauern von Jericho, Arions Gesang lockt die Delphine herbei, die Musik des hebräischen Spielmannes bewirkt, daß sich göttlicher Geist auf Elisa ergießt. Das sind die wunderbaren Wirkungen der Musik in Israel und in Hellas. Was hätte ihre Vereinigung für eine Harmonie ergeben! Aber als beide in einer späteren Zeit, im Sonnenglanze des macedonischen Cäsarismus, aufeinander stießen, da stand ein abgeblaßtes Heidenthnm einen» weltmüden Judenthum gegenüber, und keine neue Harmonie konnte aus dieser Vereinigung ersprießen. Nur wenig wiffen wir von der hebräischen Tempelmusik, von den Sängern, von den Liedern, von den Melodien und Instrumenten. Aber der Werth und die Bedeutung der Musik war groß in Israel. Wir finden Geige und Cello, Pfeifen, Pauken, Castagnetten, die Harfe und sogar das Klavier, vor Allem aber eine Orgel, von deren Kraft die Quellen nicht genug zu erzählen wissen; wenn sie am Tage der Versöhnung durch die Hallen des Tempels rauschte, da vernahm man ihren Klang in ganz Jerusalem, und alles Volk beugte sich in Demuth und Ergebung vor dein Herrn Zebaoth. Aber mit dem Untergang des Staates ging auch die alte Musik unter. Die Leviten hängten ihre Harfen an die Weiden Babels, und wenn man sie aufforderte, ein Lied zu singen, antworteten sie: „Wie können wir singen das Lied des Herrn auf fremder Erde?" Higros, der Levite, war der letzte der israelitischen Sangeskünstler. Es beginnt die Schicksalswanderung Israels durch die Länder, durch die Jahrtausende, ein langer, dornenbekränzter Weg, eine Passionsreise ohne Gleichen, über Blut und Völker, über Throne und Thränen hinweg, ein Weg, so einsam und schauerlich, so furchtbar und so tragisch erhaben. Da ist kein Raum für das fröhliche Lied, da verstummt die hehre Melodie. Nur die Klage ist zu hören, die lange, bange, schauerliche Klage 1800 Jahre lang ein weithin hallender endloser Seufzer: „Wie lange noch, o Herr, und wann wird ein Retter erstehen deinem Volke?" Diese Melodie der Klage zieht mit Israel in alle Weiten. Nur selten huscht ein flüchtiger Sonnenstrahl in ihre engen Gassen, da mischt sich wohl auch ein fröhlicher Ton in die Klage ein, so am Tage der Makkabäer, am Purimtage, bei der Hochzeit, beim Brudermal. Und aus dieser Mischung von W hmuth und von Lust, von Klage und von Jubel setzt sich die jüdische Musik des Mittelalters zusammen. Ihr tiefster Untergrund ist die Romantik der jüdischen Geschichte. Von ihr gilt das Dichterwort: „Sie jubelt so schmerzlich, sie klaget so froh!" Unvergeßlich bleiben dem, der sie einmal gehört, diese himmelhoch jauchzenden und zu Tode betrübten, bis zu den höchsten Höhen, und in den tiefsten Abgründen sich bewegenden, einander durchdringenden und durchbrechenden, wehmüthig und luftig, traurig und i t i ) \