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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-01-01 · Heft 1 (1.1.1891) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 1 (1.1.1891)
Date
1891-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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nannten „Zudensrage" eine günstige Wendung geben, aber solange unsere Leiden ihm verborgen bleiben, ist jede Aussicht auf eine Gestnnungsänderung in Regierungskreisen zu unseren Gunsten nichts weiter als ein täuschendes Phantasiegebild. Und daß unser Kaiser von all den Judenverfolgungen und neuen „Judengesetzen" nichts erfährt, dafiir wiffen unsere Granden und Würdenträger Mittel und Wege zu finden. Sie theilen die Juden in zwei Gruppen ein: in Unwissende und Gebildete. Die ersteren seien wegen ihrer Unwissenheit zu verachten und in Ghettos einznsperren, und die letzteren wegen ihres Wissensdranges und ihrer Konkurrenzfähigkeit aus dem Lande zu jagen. Mit den Unwissenden, wie man sie zu nennen beliebt, obwohl sie keineswegs so unwissend sind, wie es allgemein angenommen wird, hat man natürlich ein leichtes Spiel. Der Landessprache unmächtig und durch ein armseliges Leben gedehmüthigt, lassen sie Alles über sich ergehen oder ergreifen den Wunderst ab ihrer 35etter und verlassen das ungastliche Vaterland auf Niinmerwiedersehen. Um aber den Gebildeten zu Leibe zu gehen, verschreit man sie als Revolutionäre, als Nihilisten, verbietet mau der Presse, sie zum Worte kommen zu lassen, verschließt man ihnen die Pforten der höheren Lehranstalten und verbreitet das Gerücht: alles das geschehe nur zum Schutze des Zaren. Was in aller Welt aber habendie Bedrückungen der Juden mit dem Schutze unseres Kaisers zu schaffen? Wohl versuchen unsere Hetzorgane den Satz aufzustellen: „nur dann würden die Nihilisten mit Erfolg bekämpft werden können, wenn die Juden erst unschädlich gemacht sein würden." Daraus geht eben zur Evidenz hervor, daß man die Juden beschuldigt, dem Nihilismus zu huldigen. Nun, wer die Geschichte! Rußlands und die Juden in diesem mächtigen Reiche kennt, der weiß,? welche Beachtung solchen russischen Behauptungen beizumessen sei. In Rußland haben Revolutionen und auch Kaisermorde stattgefunden, noch bevor auch vereinzelten Juden der Aufenthalt im Innern gestattet war. — Der gebildete Jude in Rußland ist ebenso wenig nihilistisch angehaucht, wie der unwissende Jude, der ohne zu klügeln die Worte des Talmud }6tr ‘■»«'um H-pH rsttTT »fflöliö „Gott habe Israel beschworen, der Gewalt nie die Empörung entgegenzusetzen", beherzigt und zu jeder Zeit auf Gott vertraut. Allerdings sind unter den Nihilisten auch Juden vorhanden, aber dieselben sind der revolutionären Partei nicht als Juden, sondern als Russen beigetreten. Eine weise und gerechte Regierung würde eine Gesammtheit für das Vergehen einzelner ruchloser Subjekte nicht verantwortlich machen. Sonst müßte ja die Regierung den ganzen Adel, alle höheren Beamten und Offiziere unter Ausnahmegesetze stellen, da es doch eine bekannte Thatsache ist, daß der größte Theil der Nihilisten diesen Kreisen angehört. Aber unsere Regierung muß einen Sündenbock haben, um ihm die Schuld der eigenen Schwäche und Gebrechen aufbürden zu können, und diese Rolle hat man uns Juden zugetheilt. Wir sind die Parvenüs der letzten Jahrzehnte. Das ausgebildete Rechtsbewußtsein Kaiser Alexanders II., seligen Angedenkens, hat uns emporgehoben. Unsere wenigen Menschenrechte wurden uns plötzlich zugeworfen, wie dem Parvenü der Reichthum. Nun staunt man den reich gewordenen Bettler an, nun beneidet man ihn seiner Vorzüge und seines Talentes willen, und um den als Folge des Neides gegen ihn entstandenen Haß zu bemänteln, sich selbst über manche Verlegenheit hinweg zu helfen und in den Augen der Welt als rechtschaffen zu erscheinen, stempelt man den Juden, diesen Emporkömmling, als Revolutionär, als Nihilist, obwohl man selbst von der Haltlosigkeit dieser Behauptung am besten überzeugt ist. Wohin soll aber so ein Treiben führen? Was sollen wir nun beginnen? Sollen wir den Rath des Propheten befolgen, der uns zuruft: „Geh, mein Volk, begieb dich in deine Gemächer und verbirg dich einen Augenblick, bis der Grimm vorüber ist"? Sollen wir der zivilisirten Welt unser Leid klagen und sie, ungeachtet der Gefahr, der wir uns mit diesem Schritte aussetzen, um Hilfe anrufen? Oder sollen wir alle menschlichen Gefühle in unser», Herzen ertödten und uns als zum Leiden auserkoren betrachten? Unsere Lage ist fürchterlich! Kaum haben wir einen Blick auf das Licht der Freiheit gerichtet, noch sind die Töne der von unseren Dichtern zur Verherrlichung dieses Lichtes angestimmten Lieder und Lobgesänge nicht verklungen, und auf's Neue wird es finster um uns her, auf's Neue der Horizont unseres Geisteslebens getrübt, der Strom unseres Glückes verdunkelt, auf's Neue sollen wir unsere Augen schließen, als ob wir das Licht nie gesehen hätten. Wäre es aber nicht endlich Zeit, daß die Einflußreichen und Großen in Israel aller Länder gegen ein derartiges Vorgehen ihren armen russischen Glaubensgenossen gegenüber Front machen, daß sie sich endlich thatkrüftig unser amiehmen? Giebt's denn gar keine Mittel und Wege mehr, an den Thron Alexanders III. zu gelangen und ihm ein Bild unserer Leiden zu entrollen? Wir selbst können uns nicht helfen; „Denn der im Kerker Eingesperrte — sagen unsere Weisen — kann sich nicht selbst befreien." Ihr aber, einflußreiche und mit Glücksgütern gesegnete Glaubens- und Stammesgenossen, Ihr könnt uns helfen, Ihr seid als Menschen und Israeliten verpflichtet, uns zu helfen. O, rettet und helfet, so lange es noch zum Retten und Helfen Zeit ist! Denket an die Worte unseres Dichters: cp-uib ü'n >6 b’SSdix nim, "D'-nr mpntr >6 owbk npjsi T. Z. 9 Festrede?ur fnnftigjührigen Jubelfeier des Herrn Musikdirektors Fewundowski am 27. Dezember im Festsaale der Gesellschaft der Freunde gehalten von Dr. Gustav Karpeles. Geehrte Festversammlung! Lassen Sie die Gefühle und Empfindungen, welche durch die Macht so großer Meister der Tonkunst in Ihrer Seele erregt worden sind, ganz und voll in derselben nachklingen; mächtiger und beredter, als mein schwaches Wort es vermöchte, werden sie den Gedanken des Geistes und den Regungen des Herzens Ausdruck verleihen, die Ihre Brust erfüllen in diesem feierlichen Augenblick. Denn ein Fest wie dieses ist noch selten gefeiert worden in Israel. Seit zwei Jahrtausenden schweigt die Muse der israelitischen Tonkunst, und kaum ein neuer Ton ist ihrem Saitenspiel entlockt worden. Eine seltsame Mittheilung macht uns hierüber der Talmud: Higros, der Levite, war zur Zeit des untergehenden israelitischen Volkslebens der Letzte, der die Kunst der Musik verstand. Aber er wollte sie Niemand lehren. Es wird erzählt: Als er seine lieblichen Lieder ertönen ließ, seinen Mund mit dem Daumen, die Saiten mit dem Finger berührend, da wurden seine Priestergenoffen von der Macht der Melodie so tief ergriffen, daß sie zu Boden stürzten und laut weinten.') Aus dieser orientalischen Umhüllung schält sich für uns nur das tiefe Weh und der große Schmerz über ') Jomci W. Vergl.S.Gelbhaus: lieber Stoffe altdeutscher Poesie.

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