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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-12-30 · Heft 53 (30.12.1892) · p. Seite 634

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 53 (30.12.1892)
Date
1892-12-30
Page
Seite 634 (sequence 10)
Language
German
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g;h Volk stehlen, fie jobimu unter den halsbrecherischen Künsten der Manege entweder in die Rechte ihrer Geburt einzusetzen oder sie mit hochgeborenen Prinzessinnen zu vermählen. Nun denn, wahrscheinlich ist auch Moses gestohlen worden und die Mähr von der Verschenkung ist nur von seinem „Adoptiv"-Bater aufgebunden worden. Er ist bei Kunstreiter-Uebungen ausgewachsen, und wenn er das Glück hat — und wer sollte es haben, wenn nicht er? — so führt er auch noch eine Prinzessin heim. Sein Schicksal ist also kein gewöhnliches, und dennoch hat es, wenn es erzählt wird, die Maske des Konventionellen, und dadurch wieder gerade klingt es unwahrscheinlich. Als Moses das entsprechende Alter erreicht hatte, musste er sich zum Militär abstellen und wurde behalten. Nun gab es keinen glücklicheren Menschen unter der Sonne als ihn. Leichte Arbeit, humane Behandlung, üppige Verköstigung und feenhafter Luxus in der Wohnung. Ich bitte, nicht den Kops zu schütteln, ich spreche wirklich vom militärischen Dienst und von der Kaserne. Moses hatte bis zu dem Tage, da er zum ersten Male seine gelenkigen Glieder auf das jungfräuliche Lager in der Kaserne bettete, kein Bett gesehen. Seine Schlafstätte war zu jeder Jahreszeit das Fleckchen Erde unter dem Wagen seines kunstreichen Adoptivvaters, der auf seinen Kunstreisen ausschließlich galizische und oberungarische Dörfer mit seiner hohen Gegenwart beglückte. Ob und wann Moses etwas zu essen bekam, darum hat sich nie ein Mensch bekümmert, und seine ganze Kunstfertigkeit wurde ihm mit furchtbaren Schlägen und unmenschlichen Mißhandlungen eingebläut. So konnte es kommen, daß ihm das Leben in der Kaserne als der Gipfel sybaritischen Wohllebens und verfeinerten Lebensgenusses erschien. Der erwähnte Herr Oberlieutenant glaubte in ihm ein bildungsfähiges Element gefunden 31t haben, und da Moses im Ganzen ein schmucker Bursch ist, konnnandirte er ihn zum Osfiziersdiener ins Haus. Und nun beginnt die Tragödie der armen Frau Auguste. Biofem kaun natürlich weder lesen, noch schreiben. Frau Auguste nahm ihn daher eines schönen Tages mit und schleifte ihn durch die ganze Wiener Stadt. Vor jeden: Hause und vor jedem Laden, wo Moses gelegentlich hingeschickt werden tonnte, blieb sie stehen und ertheilte die erforderlichen Belehrungen. Das ging soweit ganz gut, denn wie alle Leute, die nicht lesen und schreiben können, hat auch Moses ein gutes Gedächtnis;. Daß er die einzelnen Straßennamen verdreht, daß er beispielsweise mit unausrottbarer Konsequenz Chliudergasse sagt, anstatt Zelinkagasse, das ist noch kein Unglück und ist eben einfach nicht zu ändern, — darein u:uß man sich schicken. Biel schwieriger gestaltete sich der Unterricht im Hanse. Die Kunst des Servirens ist ihm mit minutiöser Genauigkeit beigebracht worden, aber das Genie seiner Dummheit ist unerschöpflich, es bietet immer neue Ueberraschnngen, die sich zu immer neuen Verlegenheiten für die Hausfrau gestalten. Er ist im Staude, bei der Tafel eine Dame zu bitten, sie möchte il)in doch einstweilen einen Stoß von Tellern halten, bis er wiederkomme, er habe nur etwas vergessen. Dabei wendet er sich nicht etwa an die Hausfrau, das würde seine Hochachtung für sie nicht zulassen, sondern an eine der eingeladenen Damen. Wenn die Gäste fortgingen, entließ er sie im Vorzimmer mit einem gnädigen „Adjee". Frau Auguste machte ihn darauf aufmerksam, daß das nicht augehe, sondern daß er sich nach Wiener Bedientenart mit einem „Küß die Hand!" zu empfehlen habe. Moses empfahl sich daraufhin immer mit den Worten: „Küß' die Hand, Adjee!" Frau Allguste war auch damit liieht zufrieden. „Moses! Sie haben nur „Küß die Hand!" zu sagen, verstehen Sie wohl? Rur „Küss die Hand!" sonst nichts." Seither grüßt Moses mit einer tiefen Verbeugung wie folgt: „Nur küß die Hand! Nur küß die Hand!" Und davon ist er nicht mehr abzubringen. Einmal hatte ihn Frau Auguste, weil er die Gäste immer gleich mit den Ueberkleidern itt den Salon hineingeschoben hatte, im Vorzinnuer recht ungeduldig angefahren und ihm die entsprechende Instruktion zugerufen: „Die Garderobe ist hier!" Seitdem faßt Moses die z:i Besuch erscheinenden Damen im Vorzimmer bei der Schulter imb ruft ihnen recht energisch zn: „Tie Garderobe ist hier!" Eines Tages finde ich Frau Auguste ziemlich erhitzt und gattz schwarz im Gesicht und an den Händen. „Um Gottes Willen, gnädige Frall! Haben Sie den Rauchfangkehrer sparet: wollen und sich selbst den Schornstein gefegt?" „Ach nein, da sehen Sie!" Was war nun wieder los? Frau Auguste hatte ihren: Gatten ein paar Morgenschtlhe gekauft aus prächtigem, gelben: Saffianleder. Moses blieb einen Augenblick unbewacht, daru: brachte er mit einer Miene der höchsten Selbstzufriedenheit die zierliche:: Schuhe der Hausfrau. „Ich habe sie ausgeglanzt!" Ter Unglückliche hatte sie schwarzgewichst, und Frau Auguste wollte mm die Stiefelwichse wieder wegbri::get: — es ging aber tücht. Einmal wird ihtt: befohlen, den Spieltisch hereinzubrit:gen. Er ist rathlos und forscht bei der Köchin, wo der Tisch sei, „der was spielen könne". Eit: andertnal wird er um einet: „Komfortabel" geschickt, 11 nb wieder erkundigt er sich vorsichtshalber bei der Köchi::, ob das Titig auch beim Greisler zn krieget: sei. Frau Auguste will ausgeheu und läßt sich ihre:: kostbare:: Pelz umhängen. Dabei bemerkt sie, daß der Pelz Haare läßt, die bann an der Toilette haftet: bleibe::. Sie legt ben Pelz wieder ab u::d giebt ihn Moses, daß er rasch die losen Haare wegbringe. Moses braucht dazu bedenklich lange. Endlich sieht Frau Auguste selber nach 1111b fällt fast in Ohnmacht, als sie die Bescheerung sieht. „Ich bringe die Haare tlicht weg," ruft Moses mit vor Anstrengung hochgeröthctem Gesicht. Er war gerade an der Arbeit gewesen, betn Pelz sämmtliche Haare attszureiße::. Ich frage noch einmal, ob nun: so etwas erfindet: dürfte. Das ist Alles so unwahrscheinlich, daß der Alltor sich dem Vorwurfe der Albernheit aussetzet: würde. Einmal hebt Frau Auguste von: Abendessen ei:: halbes Huhn auf. Der Herr Oberlieutenant liebt es, dein: Frühstück zun: Thee etwas kaltes Huhn zn nehmet:. Das halbe Huhn wird vor's Fenster gestellt, — und ist am nächsten Morgen verschwunden. Die Hausfrau erkundigt sich diskret bei der Köchin. Die weiß nichts, — vielleicht wieder der Moses? Die Hausfrau forscht weiter. „Moses! Da war gestern ein halbes Hendel." „Eit: halbes Hendel?" „Jawohl. Wisset: Sie etwas davo::?" Moses dettkt nach, dann enviedert er: „Die Knochen werde ich in das Misttrügerl geworfen habet:." „Die Knochet: — meinetwegen; aber es war doch noch Fleisch dran, 11 ub ba? Fleisch wirft man doch nicht ins Misttrügerl!" Moses denkt wieder nach ntib äußert dann: „Das Fleisch? Das Fleisch werde ich gegessen habet:." Wir vermuthen, daß seine Vermuthung eine ziemlich zutreffende war. Große Soiree bei Oberlieutenants. Den Schluß des Menus soll eine Eis-CrGue bilden, die von den: pünktlichen Zuckerbäcker aus die Minute genau geliefert wird. Es begreift sich, daß man sich eitle Eis-Ermne nicht gern einige Stundet: zu früh schicken läßt.

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