Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 53 (30.12.1892)
- Date
- 1892-12-30
- Page
- Seite 633 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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(333 ward Laster zeistert durch- Straßburg die unser" ent- >er, die dem :en Nachklang üliengeschichte Versuch, ein einer Familie was Goethe :i diese zahlstört in der hahmung der >ach 1878 mit die „Neuen ge wieder einiahlreich noch Lessing, über aanche andere werthvollsteu elt 1851 und und trefflich rüde", 1872. ender Richter, finden lassen: nd unablässig g gelvirkt. — Ged ankcu >S der „Frau das nimmt Kein Buch oll im Leben erade weil cs ger sind die denen man :g genommen, üstigt sieht, j herauf, die e als Ganzes fteu Christen ) zeigen sie rbach war tief schmerzte ihn, Keichgiltigkeit, reu. Darum den höchsten ittlichen Ernst tschheit sollten . neue Worte z gemacht, die uerer Zeit zu doch wohl das »! Und mm tevolution den c der neuen : Schlechtesten. aufrecht und llte ihn nicht erlebe». Am 8. Februar 1882 starb er in Cannes. Professor Lazarus hielt im Hause die Leichenrede; dann ward er in seiner Heiinalh bestattet, mit Ehren, wie sie seit Klopstock keinem deutschen Dichter, Goethe ausgenommen, dargebracht worden waren. Man schien au dem Märtyrer das Unrecht sühnen zu ivollen, das ihm das Herz gebrochen hatte. Uns aber beglückt die Erinnerung, daß dem glücklichen Leben »ach schmerzlichen Tagen so doch äußerlich ein versöhnender Abschluß ward. So lauteten die letzten Worte, die er j an seinen Vetter Jakob schrieb: „Also denke niich immer als frisch! ausstrebend, wenn auch oft momentan gebrochen." Und so wollen i auch wir ihn uns denken, den rastlos Strebenden, den echten Schüler Fausts und Goethes. Und an dem Bilde dieses Strebens wollen ivir uns selbst erheben und festigen. Das ist der beste Segen, den! ein ausgezeichneter Mann hinterlassen kann. Ans den Höhen der I geistigen Betrachtung hat er immer gewohnt; eingegangen ist er zu! der großen Aristokratie der führenden Geister, und wer unsere Besten! ehrt, wird Berthold Auerbach nicht vergesse».') j? FEUILLETON | Msses Leser.! Eine Naturstudie von Balduin Groller. Eine funkelnagelneue Menage. Der Herr Obcrlicutenant hat vor Kurzem erst geheirathet; die liebenswürdige Frau Oberlieutenant macht in deit festlich erleuchteten Räumen den zahlreich erschienene»! Güsten mit vollendeter Anmuth die Honneurs. Da wird die Thür! des Salons geöffnet und cs tritt der Offiziersbursche des Hauses auf.! Er hat weiße Handschuhe an den Hände», pflanzt sich in der Mitte des Salons auf und erstattet in vorschriftsmäßiger Habtacht-Stellnng mit sonorer Stimme den Rapport: „Herr Groller läßt die gnädige Frau vielmals küssen und er wird kommen!" Dmnit macht er Kchrt-Euch und marschirt, die Daumen au der Hosennath, reglementsmäßig ab. Herr Groller, 'der durch einige Zufälle begünstigt schon zur Stelle war und das mit anhören mußte, machte ein kurioses Gesicht, die Hausfrau schnappte nach Lust, die Damen kicherten, die Herren husteten oder machten sich mit ihren Taschentüchern zu schaffen. Herrn Groller war natürlich gar nicht eingefallen — ich schwöre cs! — die schöne Hausfrau küssen zu lassen, er hat höchstens eine schöne Empfehlung oder viele Grüße geschickt. „Der Moses bringt mich noch ins Grab!" seufzt Frau Auguste, die Frau Obcrlieutenant. „Der — wer?" fragt Herr Groller erstaunt, denn der Name Moses erscheint ihn, doch einigermaßen ungebräuchlich für einen Bedienten. „Der Moses!" wiederholt Frau Auguste. Also doch! » Seither habe ich fiir Moses einiges Interesse gewonnen, ich habe ihn beobachtet und studirt, außerdem habe ich durch die gütige Vermittelung des oberlieuteuautlichen Ehepaares soviel Material sammeln können, daß der Bursche eigentlich reif sein sollte für litterarische Behandlung. Er ist es aber doch nicht; die Figur will sich nicht fügen; der Kerl ist zu unwahrscheinlich. Nicht einmal als Episodcnfigur ist ') Dieser Vortrag wurde am 7. B>ärz 1892 zum Beste» des Stipendieufonds der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judeuthums gehalten. er zu verwenden, — man glaubt ihn mir einfach ,licht. — Diese Einwendungen wollte Frau Auguste nicht gelte» lassen, wen» sie mich immer wieder aufforderte jvielleicht in der stillen Absicht, ihr Rachegefühl zu befriedigen), ich solle doch endlich den Moses auch einmal „litterarisch verwerthen". „Wie kann denn etwas unglaubhaft erscheinen," bemerkte sie mit Eifer, „ivas doch seine volle Bestätigung in der Wirklichkeit findet?" Frau Auguste versteht das doch nicht recht. Tie Natur ist eine souveräne Dichterin; sie kann Geschichten machen, wie sie will. Schon in der Thatsache, daß die Ereignisse, ihre Dichtungen in die Erscheinung dringen, liegt gleichzeitig der amtlich beglaubigte Nachweis ihrer Glaubhaftigkeit und Wahrhaftigkeit. Die Natur darf sich Alles erlauben und sie erlaubt sich Astes, — und sie wird doch nie dem Vorwurf ausgcsetzt sein, daß sie unwahr fei. llnwahrschcinlich kann sie sein, aber sie lügt nicht. Ter Satz „credo ([»in ubmirdniu esl,“ ich glaube cs. weil cs absurd ist, gewinnt ihr gegenüber einen ganz natürlichen imd harmlosen Sinn. Ter arme Poet dagegen, der sorgsam den Spuren der Natur nachgeht, — und nur auf den Spuren der Natur ist eine künstlerische Thätigkeit möglich, — er ist im Vergleich dazu in einer weit übler» Lage. Es nützt ih»> nichts, wenn er auch hundertmal versichert, er sei der Wahrheit treu geblieben, wenn sein Werk nicht selbst überzeugend wirkt, hat er doch verspielt. Mit diesen Erwägungen, das sehe ich nun wohl, ist die Gefahr nahe gerückt worden, daß der freundliche Leser sich unzutreffende Vorstellungen bildet über meinen Helden Moses und über das, was ich mit ihm vorhabe. Moses ist eigentlich doch nicht ein unglaubliches Meerwuuder, wie mau nun leicht glauben könnte, und ich bin nicht gesonnen, ihn zum Mittelpunkt eines Kunstwerkes zu machen. Ganz und gar nicht. Rechtfertigen will ich es nur, wenn diese Zeile» keine rechte Skizze und kein rechtes Bild vorstesten. Eine Skizze soll, wenn auch nur in flüchtigen Umrissen, die Idee und Komposition eines Bildes veranschaulichen, das Bild selbst soll ei» abgerundetes Kunstwerk sein. Moses ist kein Motiv für ein Bild, aber er regt doch das Verlangen an, sich mit ihm zu beschäftigen. Wie ein Maler oft stehen bleibt, um eine Terrainstudic aufzunehmen, einige Details für den Vordergrund, eine Luftstudie, oder irgend einen Winkel eines verlotterten Bauernhofes, nicht, um aus diesen Motiven selbst ein Bild zu schaffen, sondern um eines der so gewonnenen Details später für ein Bild zu benutzen, so sei auch Moses, Moses Leser ist sein voller Name, als Naturstudic verwendet. ¥ Was denn nun eigentlich gar so unglaublich sei an diesen: Mose» Leser? Der ganze Mensch, zunächst aber seine kolossale, phänomenale Dummheit. Eine große ehrliche Dummheit hat fast etwas Achtunggebietendes. Man kann ihr nicht gram sein, denn ihr fehlt die Erkcnntniß der eigenen gewaltigen Dimension; man kann sie nicht schelten, denn cs nützt nichts; man kann nicht mit ihr parlamentiren, man kann nicht hoffen, sie zu reformiren, — sie ist etwas Urewiges und fest in sich Beruhendes. Das imponirt. Moses Leser ist ein junger polnischer Jude, und doch so dumm. Das ist schon unwahrscheinlich. Unwahrscheinlich ist aber der ganze Kerl, sein ganzes Gehaben, Thun und Lassen, sein Leben und seine Schicksale. Moses ist als ganz kleines Kind von seinen Eltern — verschenkt worden an einen fahrenden Dorfakrobate». Moses Leser ist so selbst ein prvfessiousmäßigcr Akrobat und Athlet geworden, nebenbei kann er auch Feuer fressen, Messer schlucken u. s. w., er ist ferner ein sattelfester Taschenspieler, Seiltänzer und Bauchredner. Bon jeher haben cs Novellen- und Romaudichter geliebt, ihre Helden in zartester Jugend von reifendem Zigeuner- oder Kunstreiter-