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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-12-30 · Heft 53 (30.12.1892) · p. Seite 632

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 53 (30.12.1892)
Date
1892-12-30
Page
Seite 632 (sequence 8)
Language
German
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632 t \ I weiterzuschreiten auf de» Wegen, die ihm Erfolg gebracht hatten. Vielmehr wandte er sich wieder zum Roman. 1851 erschien „Neues Leben", heransgewachscn ans den Kämpfen und Wünschen der Revolutionszeit, aber vielfach in dem gührenden Streit dieser Tendenzen befangen; 1865 „Auf der Höhe", eine reifere Abklärung desselben Problems: des Konflikts zwischen der inneren und der äußeren Aristokratie. Begreiflich, wenn es Auerbach auch vielfach zum Borwurf gemacht ward, daß das Höchste ihm da am ersten erreichbar schien, wo alle Formen der Aristokratie zusammenwirke». Durchaus aber hielt Anerbach sich von einer tendenziösen, schiefen Verherrlichung einer sozialen Klasse auf Kosten der anderen frei. Seine Lieblingsfiguren gehören immer derjenigen Schicht an, die nu» einmal thatsächlich in Deutschland im geistigen Kampf immer die führende war: der guten bürgerlichen Gesellschaft. Aber um eine Idealfigur wie den Leibarzt Günther gruppiren sich andere fast zu zahlreich; mit Recht hat Spielhagen an Auerbach getadelt, daß er cs nicht übers Herz brachte, irgend eine Gestalt ganz von Geist verlassen zu sehen. Fürstliche und bäurische Weisen schreiten Hand in Hand; denn die vergängliche Form der sozialen Gliederung schwindet dem Dichter vor der ewigen Stufenfolge der Individualitäten. Die geistige Aristokratie ist es, die seine Welt beherrscht, dieselbe, deren Weltherrschaft in unseren Tagen Renan und Brandes, Ibsen und Nietzsche so beredt gepredigt haben. Wie sie den Sieg über die äußerliche Vornehmheit in Auerbachs bestem Roman davontrügt, so besiegt sie in dem nächsten, nicht ganz so glücklichen, dem „Landhaus am Rhein" (1868), die Geldaristokratie. Ein höchst interessanter Stoff ivird hier verarbeitet, derselbe, de» packender vielleicht, aber gewiß nicht tiefer Taudets „Nabab" darstellt: der Kampf des Emportöinuilings uni Aufnahme i» die alte „Gesellschaft". Keineswegs stellen die Antoren beide einseitig sich unter die Berurthcilcr des Parvenüs; sie zeigen, wie viel auch unter dem scheinbar so blanken Schilde der Altnugcsesseue» sich verbirgt an Bedenklichem, wie viel Kraft und tüchtiges Streben der neue Manu aufznweiscn vermag als sei» Adelspatent. Aber während er bei Dandet fast nur als Märtyrer der legitimen Bosheit fällt, stürzt er bei Auerbach, weil er eben nur äußerlich sich emporarbeiten kann; ihm fehlt der innere Adel. Dabei wird ein Motiv nochmals gestreift, daß in Irmas Geschichte in dem Roman „Auf der Höhe" einen Hauptpunkt ausmachte: die Reinigung des Verbrechers. Auch mehrere Dorfgeschichten, wie „Sträflinge", behandeln dasselbe Thema. Ich erwähne dies, weil gerade damals die Frage nach der Schuld des Verbrechers ein Lieblingsthema der Litteratur war. Angeregt durch des großen belgischen Statistikers Ouetelet Behauptungen, der für jedes Verbrechen die Gesellschaft verantwortlich machte, hatte 1862 Victor Hugo „Los miserables“ geschrieben — auch er ein Dichter, der gern den Erzieher und lieber noch den Propheten spielte, auch er der Mittelpunkt und Führer eines großem Gcisteskreises. Er aber hatte dort nur die Antithese durchgeführt „le tont e'esl le beau“, hatte den edlen Verbrecher gepriesen, wo für Auerbach Schuld blieb und nur versöhnend seines Meisters Goethe Wort nachklang: „Alle menschlichen Gebrechen sühnet reine Menschlichkeit." In dieser Zeit stand Auerbach wirklich auf der Höhe seines Schaffens und seines Ansehens. Sein Freundeskreis stellte annähernd wirklich das goldene Buch des deutschen Geistesadels dar; sein Wirken hatte politische Bedeutung gewonnen: er war wirklich ein lebendiges Verbindungsglied zwischen dem Norden und dem Süden geworden, wie später in größerem Maßstab Kaiser Friedrich als Kronprinz cs ward. Eifrig arbeitete er fort für alle politischen, kulturellen, für alle geistige» Interessen seines Vaterlandes. Im Konflikt stand er ans der Seite des Liberalismus, und mehr und mehr ward Laskcr sein politisches Orakel. Dann kamen die Kriege. Begeistert durchlebte er die Heldenthaten von 1870/71 imb feierte in Straßburg die wiedcrgewonnene Universität. Das Büchlein „Wieder unser" entstand, ein Triumphlied für die neu eroberten Brüder, die dem Alemannen besonders ans Herz gewachsen waren. Ihren Nachklang fanden diese großen Tage in der vaterländischen Familiengeschichte „Waldfried" 1874. Dies Werk strebt mit seinem Versuch, ein Gesammtbild des Lebens der Gegenwart vom Boden einer Familie ans zu entwickeln, dem „Wilhelm Meister" nach; aber was Goethe kaum gelang, ist Auerbach völlig mißglückt. Man kann diese zahllosen Vettern und Vettcrsvettern nicht übersehen; dazu stört in der romanhaften Figur der Martella die absichtliche Nachahmung der Mignon. Seinen letzten schriftstellerischen Erfolg errang Anerbach 1878 mit dem „Landolin von Reutershöfen", während die „Neuen Dorfgeschichten" von 1876 ohne Glück die alte» Wege wieder einzuschlagen suchten. Neben dieser Fülle selbständiger Arbeiten gingen zahlreich noch Reden und Aufsätze her, über Goethe, Schiller und Lessing, über Fichte, über Lenau, Freiligrath, Bayard Taylor und manche andere frühere und zeitgenössische Größe. Eine Auswahl der werthvollsten Aufsätze erschien als „Deutsche Abende", gesammelt 1851 und 1867, manches kleinere Stück auch in der hübschen und trefflich illustrirteu zweibändige» Sammlung „Zur guten Stunde", 1872. Ueberall zeigt Auerbach sich als sinuiger und wohlwollender Richter,! und oft hat sein Scharfblick ihn Ueberseheues neu auffinden lassen: er rühmte sich, Gottfried Keller „entdeckt" zu habe», und unablässig hat er für die Anerkennung des trefflichen Otto Ludwig gewirkt. — Sprüche allein sammelte er 1876 in den „Tausend Gedanken des Collaborators". Aber was dieser Figur aus der „Frau Professorin" leicht bei passender Gelegenheit entströmt, das nimmt sich hier, gelegenheitslos gesammelt, gesucht aus. Kein Buch Auerbachs ist so wenig wie dies geeignet, von seiner voll im Leben nmrzelnden Weisheit und Poesie ein Bild zu geben, gerade weil cs sich zu sehr müht, sie zu zeigen. — Um so reichhaltiger sind die Briefe, vorab die Bekenntnisse an I. Auerbach, in denen man überraschend oft neueste „Errungenschaften" schon vorweg genommen, nicht selten gute alte Wahrheit neu beleuchtet und bekräjtigt sieht. Dann kamen schwere Tage. Jene Erscheinung zog herauf, die trotz aller zu ihrer Erklärung herbeigeschafften Momente als Ganzes ein Räthsel bleibt: der Antisemitismus. Die schlechtesten Christen stöbern die Bilder der schlechtesten Juden auf und zeigen sie triumphirend umher: „So sehen die Juden aus!" Auerbach war tief erschüttert. Mehr als die Rohheit niedriger Gesellen schmerzte ihn, lvas uns ivohl Alle am meiste» geschmerzt hat: die Gleichgiltigkeit, ja nicht selten geradezu die stille Halbfreude der Besseren. Darum hatte er in rastloser Arbeit sich durchgerungen zu den höchsten Idealen des Teutschthnms, daß Menschen ohne jeden sittlichen Ernst ihm und seinen Genossen die Mitgliedschaft an der Deutschheit sollten absprccheu dürfen? Er hat selbst, wie er denn gern neue Worte schuf, den Ausdruck „goethereis" geprägt: wer sich fähig gemacht, die höchste Hervorbringung des deutschen Geistes in neuerer Zeit zu verstehen, zu durchdringen, sich anzneigne», der durfte doch wohl das volle Bürgerrecht im Deutschthum zu besitzen glauben! Und nun dies! Wie Goethe selbst, als er von der französischen Revolution den Umsturz aller Civilisation fürchtete, zitterte er vor der neuen Barbarei, vor der Ucberwältigung der Besten durch die Schlechtesten. Dazu kamen körperliche Leiden. Dennoch hielt er sich aufrecht und freute sich auf seinen siebzigsten Geburtstag. Er sollte ihn nicht

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