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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-12-30 · Heft 53 (30.12.1892) · p. Seite 630

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 53 (30.12.1892)
Date
1892-12-30
Page
Seite 630 (sequence 6)
Language
German
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630 gestellt werden soll, noch auch besonders schwierig abzuleiten wäre; sie kommt nur numerisch gar nicht in Betracht gegenüber den drei Hauptelementen, die das Jndenthnm zusammensetzen: dem hethitischen, dem arischen und dem semitischen. Ganz dasselbe gilt auch von den Anklängen an den Neger-Typus, denen wir unter den Juden ab und zu begegnen. Man wird nicht irren, wenn man das oft ganz krause Haar, die wulstigen Lippen und das vorgeschobene Gebiß einzelner Juden auf Beimischung von Negerblut zurückführt, zu der ja die Gelegenheit schon in Aegypten gegeben war; aber ebenso starke Anklänge an schwarze Typen kann man auch unter der christlichen Bevölkerung der nördlichen Mittelmeerländer beobachten — sie sind lehrreiche Beispiele für die Energie der Vererbung, aber sie sind der Zahl und der Intensität nach so verschwindend, daß wir sie leicht außer Acht lassen können, so lange es sich nur um eine allgemeine Betrachtung der Hauptguellen handelt, aus denen das heutige Judenthum zusammengeflossen ist. Und nun bitte ich zum Schluffe noch eine einzige Frage aufwerfen zu dürfen — die nach den ethischen Eigenschaften der Juden. Renan hat die Semiten einmal als eine race inferienre bezeichnet, und dieser Ausspruch hat so viele Anhänger gefunden, daß ich es mir nicht versagen kann, denselben hier zu beleuchten. Und da darf ich zuerst wohl ganz bescheiden mit Hommel daran erinnern, wie diese inferiore Raffe schon lange vor Homer epische Dichtungen gehabt hat, wie sie ein fertiges Keilschriftsystem besessen und wie sie großartige Paläste mit kunstvollen, heute noch angestnunten Bildwerken zu einer Zeit schon geschaffen hat, in der wir Deut che noch in Höhlen und Erdlöchern gewohnt haben und kaum noch gelernt hatten, den Feuerstein zu Werkzeugen zu bearbeiten. Ebenso möchte ich bescheiden daran erinnern, daß unsere christliche Religion ans semitischem Boden entstanden ist und daß jene inferiore Rasse ein Jahrtausend früher die Buchstabenschrift erfunden hat, aus der sich nachher alle cnropüischen Alphabete entwickelt haben, und daß ein Jahrtausend später die arabische Wissenschaft in Spanien zu so hoher Blüthe gelangt ist, daß man aus ganz Europa dahin znsammcnströmte, ui» Mathematik und Astronomie, Medizin und Philosophie, Geographie und Geschichte an der Quelle zu studiren. So braucht man also nur an Babylon und Ninive zu denken, an Tyrns und Karthago, an Bagdad und Granada, um die kulturhistorische Bedeutung der Semiten in den drei großen Zeiträumen ihrer Geschichte zu erkennen. Aber auch von ihrer politischen und militärischen Kraft hat diese inferiore Rasse Proben abgelegt, die nicht ganz unansehnlich sind: Die assyrischen Könige haben ein Weltreich geschaffen, gefestigt und erhalten, wie vor ihnen keines je bestanden, und müssen als die ersten inilitärischen Organisatoren angesehen werden, denen wir in der Geschichte begegnen; vor Carthago hat Rom gezittert und der Sturmlauf, in dem später der Islam die Mittelmeerlündcr eroberte und ein neues Weltreich gründete, ist auch keine eben verächtliche Leistung. Aber auch das zweite Element, aus dein die heutigen Judeir hervorgegangen sind, die alarodischcn Hethiter, lernen wir jetzt als ein altes Kulturvolk kennen, das von Jahr zu Jahr in unserer Achtrmg steigt, das schon in grauer Vorzeit sich eine eigene selbstständige Bilderschrift erfunden hat, und das in Baukunst und Skulptur der Lehrmeister der Affyrcr und der Griechen gewesen ist. Das also sind die anatomischen und moralischen Eigenschaften der Juden und das war ihre Vergangenheit; über ihre Zukunft zu sprechen, würde mich von dem Gebiet der Thatsachen auf das der Vermuthungen bringen, und ich will es daher lieber unterlassen; aber die eine Vcrmuthung möchte ich doch noch aussprechen, daß die innige Blutmischung, die schon seit dem fernsten Alterthum zwischen Ariern, Semiten und Alarodiern stattfindet, wenn sie auch durch kurzsichtige und undankbare Gesinnung und durch brutale Instinkte zeitweise erschwert, verzögert und unterbrochen werden konnte, schließlich dermaleinst doch zu einem völligen Jneinanderaufgehen und Verschmelzen dieser Rassen führen wird. Inzwischen aber erkennt in der Gegenwart der gebildete Europäer in seinem jüdischen Mitbürger nicht nur den lebenden Zeugen und Erben einer uralten und ehrwürdigen Kultur, sondern er achtet und schätzt und liebt ihn als seinen besten und treuesten Mitarbeiter und Streitgenoffen im Kampfe um die höchsten Güter dieser Erde, im Kampfe um den Fortschritt und um die geistige Freiheit. U Berthold Auerbach. Von Dr. Richard M. Meyer. (Schluß.) In den Dorfgeschichten ist Auerbach durchgedrungen zur Erfüllung seines Programins: zum Bunde Spinozas mit Goethe. Goethe ist ihm die Erfüllnng dersethischen Forderungen Spinozas: „Goethe selber ist die konkreteMenschwerdnngdes von'Spinoza abstrakt ausgestellten Homo über" (Briefe 2, 302). So ist im Praktischen Goethe so unbedingt wie im rein Theoretischen Spinoza sein Leitstern geworden. Fein hat er Goethes Erzählungskunst studirt; und wenn der treffliche Epiker als Dramatiker mit ernsten und heiteren Versuchen Erfolge nicht erzielt hat, so hat auch dies der Meister mit zu verantworten. Wie der Autor des „Tasso" und der „Natürlichen Tochter" legt auch der des „Andre Hofer" von 1850, des „Wahrspruches" von 1859 zu viel Gewicht auf die leise innere Handlung der Seele, als daß unser an äußere „Handlung" gewöhntes Publikum oder gar die Kritiker den Werth auch dieser Produktionen hätten würdigen können. Und doch enthält das tirolische Volksdrama treffliche Charakterzeichnungen, und der Triumph der Wahrheit im Selbstgeständniß des Verbrechers nähert den „Wahrspruch" den> erschütternden Schluß von Tolstois „Macht der Finsteruiß". Dennoch war Auerbach unzweifelhaft zum Dramatiker nicht geboren; es ist nicht Goethes Schuld, sondern die seiner eigenen Begabung, wenn der unaufhörlich strömende Reichthum seiner Erfindung, Beobachtung, Betrachtung der Nothwendigkeit dramatischstraffer Konzentration unüberwindliche Schranken entgegensetzt. Gottfried Keller, der einzige unserer Erzähler, der Auerbach an Gedanken noch übertrifft, hat Dramen überhaupt nicht versucht. Widerstrebt doch Auerbach selbst im epischen Werk der festen Einheitlichkeit der Fabel nur zu oft, und wieder ist Goethe ihm hier das nicht ungefährliche Muster geworden. In der Jndividualisirung seiner Sentenzen und Apercus war Goethe sorgloser als Auerbach; Emmas Tagebuch gehört der Heldin, der es zugeschriebe» ist, jedenfalls mehr an, als Ottilien in den „Wahlverwandtschaften" die Gedanken ihres Tagebuches. Vor Allem aber ist der Dichter Goethes Schüler in dem Bestreben, Natur und Menschheit als Eins zu fassen, überall mit frommem Sinn das organische Leben als Offenbarung des göttlichen Geheimnisses zu fassen und zu verehren. Die bedeutendsten der Dorfgeschichten sind: „Barfü ßele" (1656). „Joseph im Schnee" (1860), „Edelweiß" (1861) und vor Allem „Die Frau Professorin", nochmals scharf den Kampf zwischen Dorf und Stadt schildernd, und „Diethelm von Buchenberg". Auch in diesem letzterem, seinem Meisterwerke (1852 verfaßt), ist jener ethische Gedanke der siegreichen Wahrheit im Selbstgeständniß des Verbrechers verwirklicht; und meisterlich ist der Kampf mit dem Gedanken des Verbrechens geschildert; die Versuchung durch den Zufall, der dem Brandstifter jetzt einen Hansen Kleinholz, jetzt einen Bund Lichte in

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