Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 53 (30.12.1892)
- Date
- 1892-12-30
- Page
- Seite 628 (sequence 4)
- Language
- German
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628 allen Grundsättlen des Staates, an Rechtspflege nnd soldatischer Manneszucht rüttelt, nicht lange andauern kann. Schon zeigen sich auch in den konserdatioen Kreisen Strömungen, die gegen den Aiitisemitismus aukümpfen, und diese Strömuugttl ioerden an Kraft gewinnen. Tie Behörden werden ihre Schuldigkeit thun, um die Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten, und wenn ein Abglanz jener Märtyrerkrone, die sich mit die Stirn unserer Borfahren schlingt, mich auf unsere Generation fällt, so wird doch wahr bleiben, ums seit Bileams Zeiten auf alle unsere Widersacher paßt: sie thaten den Mund auf, um uns zu fluchen, und was sie aussprachen, war ein Segen für uns! O Me anthropologische Stellung der Inden. Ein Bortrag von Dr. Felix v. Lnschan. (Schluß.! Wollen wir die letztere Frage als die einfachere zuerst erledigen, so würden wir für Syrien zunächst an die Kreuzfahrer denken können nnd für unsere blonden Inden in Europa etwa an die Aufnahme Heller Elemente durch den offiziellen Uebcrtritt blonder Menschen znm'Jndenthum, und da Bekehrungen von Christen den Inden im Mittelalter wiederholt ansdriicklich Nerboten wurden, so sind sie thalsächlich nicht selten vorgckvminen (sonst wäre ja nicht der mindeste Grund Vorgelegen, sie zu verbieten), aber sie würden nie ansreichcn, »in die große Anzahl von II Prozent Blonden unter den deutschen Inden zu erklären. Aber ebensowenig kann man die Blonden in Syrien ans die Krenzziige zurückführen oder sonst auf Beimengung fremden Blutes, die etwa seither möglich gewesen wäre. Wenn wir in Kleinasicn in der Gegend der Marmaritza-Bncht, in der die englische Mittclmeerflotte Jahre lang ihr Hanptguartier hatte, nnd in Janlhos, von wo die Engländer ihre schönen lytischen Skulpturen abgeholt haben, ab nnd zu einmal einen einzelnen blonden Menschen antrcsfen, nnd wenn wir in Nord-Syrien hin nnd wieder einen hochblonden Armener sehen, der meist auch von seinen Mitbürgern als ein Denkmal allzu eindringlicher Bekehrnngsversnche fremder Missionare betrachtet wird, so werden diese ganz vereinzelten Blonden unter einer sonst rein brünetten Bevölkerung Niemanden in Erstaunen setzen, aber sie sind für den Gang unserer Untersuchung auch völlig belanglos. Wenn wir aber an manchen Orten in Syrien und Palästina mitten unter den dunkelfarbigen Helle Menschen in großer Zahl anstreten sehen nnd in einem Prozentsatz, der hie nnd da nahe an den der Blonden unter den deutschen Inden heranznreiche» scheint, so kann uns ein Hinweis auf etliche blonde Kreuzfahrer lange nicht geniigen; wir werden vielmehr ernsthaft Umschan halten müssen, ob sich nicht schon in früherer Zeit blonde Bölker in Syrien Nachweisen lassen. Und dies ist in der That der Fall; die Amoriter, von denen so oft in der Bibel die Rede ist, die großen Enaks-Svhne waren in der That ein blondes Bolk, wie ans den buntbemalten Darstellungen, die uns die alten Aegypter von ihnen hinterlassen haben, in ganz einwandfreier Weise hervorgeht. Aber ebenso kann es wohl kaum einem Zweifel unterliegen, daß diese selben Amoriter nur ein Zweig jener blonden Völkerfamilie waren, welche in mehr oder weniger deutlichen Resten und auch durch ihre megalithischen Denkmäler für den ganzen Nordrand von Afrika nachgewicscn ist lind in der wir wohl Europäer erblicken müssen, die einst, vielleicht dem Drange nach Wärme folgend, über das Meer nach Afrika gezogen sind, ähnlich wie später so oft germanische Wanderungen Italien übcrfluthct haben nnd wie die Sehnsucht nach den, Süden uns Allen auch heute noch im Herzen sitzt. Diese blonden Mittelmecrvölker, in denen Brngsch die Japhetiter der Bibel mit den Tamchu der ägyptischen Inschriften und Denkmäler identifizirt hat, waren um die Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends, um Ivelche Zeit wir sie zuerst näher kennen lernen, freilich noch nicht jene Träger der idealsten Kultur, die sie später unter der Sonne Griechenlands gezeitigt haben. Sie werden uns von den Aegyptcrn im Gegentheil sogar als weiße Wilde geschildert, die sich in Felle kleiden und mit Federn schmücken nnd ans die man wohl ebenso mit Geringschätzung herabsehcn mochte, wie wir das später ans die wilden Schwarzen gethan haben; aber diese blonden Tamehu sind doch Blut von unserm Blute und Fleisch von unserm Fleische gewesen; selbst über ihre Herkunft waren die Aegypter schon unterrichtet, denn ihr Name Tamehu bezeichnet sie als „das Volk der Nordländer". So können wir also die Frage »ach der Herkunft der blonden Inden nnd Syrer als erledigt betrachten und uns nun zn den i Kurzköpfcn bei den Hebräern nnd Aramäcrn wenden. Ta aber darf ' ich wohl vorerst ganz nebenbei als bcklagenswcrthc» Umstand erwähnen, daß. so zahlreich unsere Messungen an lebenden Inden fiiib1), unser Material an Schädeln derselben ein so überaus spärliches geblieben ist. Judcnschädel gehören in den Sammlungen zn den größten Seltenheiten, so daß die königliche» Museen in Berlin deren nur drei verwahren, und deren acht, die ich Persönlich besitze, zu den kostbarste» Schätzen meiner Sammlung gehöre», weshalb ich auch von dieser Stelle die Bitte an jüdische Gemeinde» richten möchte, ihre sonst so achtbare und nachahmenswcrthe Pietät gegen Leichen nnd Friedhöfe ab und zn einmal zn Gunsten der Wissenschaft und der öffentlichen Sammlungen etwas zn mvdifiziren. Es erscheint mir diese Bitte um so gerechtfertigter, als Untersuchungen am Lebenden solche des Schädels nur unvollkommen ersetzen können, und weil von den erwähnten elf Berliner Schädeln nur einer ans Europa stammt, die zehn anderen aber von Spaniolen ans der Levante. Einige besonders typische derselben, deren Brciten-Jndices sich ähnlich wie diejenigen, die an sehr zahlreichen Lebenden genommen sind, einerseits um 78 nnd andererseits um 87 grnppiren, kann ich hier zur Ansicht vorlegen, wobei ich besonders noch hcrvorhebcn möchte, daß die Sephardim im Gegensätze zu den Aschkenasim gemeinhin als langköpfig gelten, was durch unsere Schädel nnd meine eigenen Messungen an Lebenden nur in sehr geringem Grade bestätigt wird. Um nun aber wieder den Faden anszunehmen und diese extreme Knrzköpfigkeit der Juden und ebenso auch der Aramäer zu erklären, muß ich zunächst ans das Ergebnis; der Untersuchungen zuriickgreifcn, die ich selbst über die Bevölkerung Kleinasiens anfgestestt habe.-) Dort bleiben nach Ausscheidung aller fremden und leicht nachweisbaren Elemente, also der Tscherkessen nnd der Franken, der Arnauten, Bulgaren und Inden, der Araber, Zigeuner und Neger, sowie der Völker, die als wirkliche oder Halbnomadcn heute in Kleinasien gefunden werden (der Kurden, Turkmenen und Jürüken), schließlich M Es ist hier nicht der Ort, diese Messungen eingehend zn citiren; auch meine eigenen werde ich an anderer Stelle nnttheilen; ich beschränke mich darauf, hier ein einziges Buch zn erwähnen, das meist übersehen wird nnd sogar zweien der bedeutendsten Forscher ans diesem Gebiete, Andrve und Weißbach, entgangen zu sein scheint, nämlich: Unser inni Kopernicki, Charakteryslyka fizycyna ludnosci Galicyjskej, Krakau 187(5, 8", 185 S. Dieses verdienstvolle nnd ausgezeichnete Werk enthält die Maße von Hl » polnischen Juden; unter diesen waren nur 4,6",» dolichocephal, 10,8% mesocephal nnd 84,9% brachycephal! Auch die Angaben über die Häufigkeit von Blonden unter den polnischen Juden sind im höchsten Grade beachtenswerth. -) Vgl. Petersen und von Lnschan, Reisen in Lykien, Milyas nnd Kibyratis, Wien 1889, nnd von Lnschan, die Tachtadschy, Archiv für Anthropologie, XIX.