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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-12-30 · Heft 53 (30.12.1892) · p. Seite 627

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 53 (30.12.1892)
Date
1892-12-30
Page
Seite 627 (sequence 3)
Language
German
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627 nur öic§ ist?n will, ist „Glcißnerei, lt ja einen o: chalakijaft in Ver- Wie oft hat! jetzt drehen mthuin und Mangel an en, sondern nicht haben i seien, und nie»» — wir kiffen. Denn er war, und ld Auerbach, ht Franzose? )em sie ihre )ll. dieses Land fügt man Nolke sein, e Forderung ,e zu sein; dert das der auch giebt), > haben wir »aß wir das u uns lebt » Millionen, Sache liegt iese sich mit ion ernstlich mthum mit mds so tief : leider vom ken wir mit! u t s ch e hat über, schreiet sgezeichnetes : der deutsche;t nur dem er nur nicht n er lästig warum er lber uns — lls! Sie ist, in dieser Fader sich ein So glücklich alte trübere Zeiten durchlebt — ja, cs ist leicht erklärlich, aber darum nicht minder! traurig. Denn der Adel, der seiner sittlichen Verpflichtung nicht nachkommt, verfällt der Verachtung oder dem Spott. So wollen wir denn nicht stolz sein auf unseren Doppel-Adel; aber von der Verpflichtung, die wir am Sinai, die wir auf Zion übernommen haben, können wir nicht lassen. Am Ende verzeihen uns unsere christlichen Mitbürger auch unsere „unschädlichen Einbildungen"; schlimmer in ihren Augen wird der Vorwurf sein, daß wir international sind. Ich will dieses Wort nicht erklären; ich will nicht den Schein erregen, als wolle ich Worte klauben und Sophistik treiben. Also sage ich lieber: wie oft haben j wir uns gerühmt, daß wir in diesem Jahrhundert auf jedem Schlacht-! selbe, auf welchem vaterländisches Blut floß, mitgeiämpft, mitgeblntet! haben! Rühmen wir uns nun doch auch einmal des Gegentheils.! Ging denn nicht von Zion aus die Lehre vom ewigen Weltfrieden, wo die Völker als Brüder ruhig mit- und durcheinander leben. Das Judenthum ist international, wie die Humanität es ist; die Judenheit muß sich freilich den obwaltenden Völker-Verhältnissen einfügcn. Was der Fremde Uebles von uns sagt (fremd blos, insofern er nicht zu unserer Familie gehört), schmerzt nicht so sehr wie das, was aus dem Munde des Verwandten kommt. Wie bitter klagten alle unsere alten Propheten! Sie klagten gerade wie wir heute: Israel kennt, erfüllt seinen Adel nicht, wirft ihn von sich. Erst wollte es phönizisch, dann assyrisch-babylonisch, dann sollte und wollte es griechisch sein: das war in den Zeiten, die den Aufstand der Makkabäer veranlaßten; heute wollen oder sollen wir germanisch sein. So viel ist sicher: wären wir Griechen geworden, so könnten wir heute nicht das Glück haben, Deutsche zu sein. So, wie Philo Hellene war; so, wie Gabirol Araber war: so »vollen »vir Deutsche sein, lute Mendelssohn es war und mancher andere J»»de. U Nie antisemitische Sturzwelle. Bon Georg Minden. Der Herr Reichstagsabgeordnete v. Frege, der Sprößling der : berühmte!» Leipziger Bankierfamilie, hat uns bisher wenig Anlaß! zur Freude gegeben; er läßt selten eine Gelegenheit vorüber, ohne! seiner Abneigung gegen Juden und Judenlhum lebhaften Ausdruck zu verleihen. Aber in der Reichstagsverhaudlung vom 12. Dezember ist ihm ein Ausdruck entschlüpft, der zum geflügelten Wort erhoben zu »verden verdient. Er sprach von der Zeit, „wo die antisemitische Sturzwelle sich verlaufen haben ivird." Ja, diese Bewegung ist eine vorübergehende Skurztvelle, die sich über das deutsche Volk ergießt und die vorüberrollen wird, obgleich man nicht leugnen kann, daß in der Tiefe verborgenes judenfeindliches Gefühl — unsere Altvordern nannten es drastischer Rischus, Schlechtigkeit — seit Alters her weit verbreitet ist. Die antisemitische Bewegung Hütte sich längst abgestillt, wenn nicht iin vorigen Jahre drei erhebliche Faktoren dahin gelvirkt hätten, sie neu zu beleben. Der erste derselben sind die „schlechten Zeiten". Handel und Wandel liegen darnieder; die Lebensbedürfnisie find theuer, der Verdienst gering. Da denkt manch Einer in seiner unentwickelten Nationalökonomie, um »vie viel bequemer es wäre, wenn man, statt mit seinem Nächsten theilen zu müsstn, auch dessen Habe noch besitzen ivürde. Und daß dieser Nächste, den man gern abschieben möchte, häufig ein Jude ist — dafür sorgt der Umstand, daß, seit es in Deutschland überhaupt eine Kultur giebt, die Juden an derselben stets lebhaften Antheil genommen haben. Werden die Zeiten bessere, dann läßt der Kampf um das Dasein nach. Man theilt den Verdienst lieber mit dem Juden, als daß man iiberhaupt nichts verdient. Der ziveite Anlaß zur erne»>ten Steigerung des Antiselnitismus rührt aus den Verhandlungen über den Entlvurf zum Volksschulgesetz her. Nachdem der Goßlersche Entlvurf, der dem Staat und den verschiedenen Religionsgesellschaften gleich gerecht zu »verden versuchte, gescheitert »var, brachte sein Nachfolger mit militärischer Proinptheit einen neuen ein, der ganz nach den Wünsche»» des katholischen Centrums formulirt war. Auch dieser scheiterte; aber die gelvaltige religiöse Aufregung, die er im preußischen Volk zurückließ, brachte den Antisemitismus zum neuen Anschwellen. Der dritte Grund ist eigentlich der beschäniende: die Deutschen stehen in Bezug auf den Antisemitismus in direkter Abhängigkeit vom östlichen Nachbar. Dieselben gesellschaftlichen Kreise, die einst für die „thurmhohe russische Freundschaft" schivärniten, sind von dieser unglücklichen Liebe noch nicht ganz geheilt. Weil dem weißen Zaren die Juden nicht in seine Politik passen, fürchtet man, daß sie die deutschen Grenzen überfluthen werden. Es ist bemerkenswerth, daß es gerade aristokratische und konservative Kreise sind, die hier einwirken, obgleich oder weil doch auch in» Judenthnm eine gute Portion Aristokratismns unv Konservatisinus verkörpert ist. Es fragt sich nun, was jetzt zu thun ist. Ahlwardt, der Träger des Rassenantisemitismus, ist Mitglied des Reichstags, obgleich sein Prozeß ebenso wie der Buschhoffsche deutlich gezeigt hat, »vie unbegründet und frivol alle jene Angriffe sind, die man von jeher gegen die Juden schleuderte; die konservative Parteiversammlung auf Tivoli hat sich ebenfalls für den Antisemitismus erklärt; »virthschaftlicher, religiöser und Rassenantiseniitismus — Alles ist ihr als Agitationsmittel recht. Man kann nicht sagen, daß dadurch eine neue Situation geschaffen ist, denn das »var doch seit lange ein offe»»cs Geheimniß. Interessant ist nnr, daß eine solche Proklamation im protestantischen Deutschland gerade zu der Zeit erfolgte, als die katholische Kirche einen „Abkömmling des alttestainentnrischen Priesterstainmes" auf einen ihrer »vichtigsten Fürstensitze erhob. Man überlegt nun, »vas die Juden thnu sollen, wenn die antisemitische Agitation jetzt aufs Ne»»e in die Provinzen getragen »vird. Dafür lasse»» sich allgemeine Regeln nicht ausstellen. Wenn ein antisemitischer Redner in eine bisher friedliche Gegend koinmt, soll ihm der Rabbiner oder Gemeindevorsteher e»tgege»»treten, selbst auf die Gefahr hin, niedergeschrieen zu »verden? Das konnnt eben darauf an, »vie die Bevölkerung ist und »vie der Rabbiner und der Vorsteher ist! Ju» Allgemeinen ist die aktive Betheiligung von Geistlichen an den politischen Kümpfen keinesivegs erivünscht; aber diese Regel duldet Ausnahmen. In erster Reihe »verden die Rabbiner dahin zn streben haben, innerhalb ihrer Gemeinden Unbesonnene zurückzuhalten >»nd Kleiniuüthige u»»d Verzagte aufzurichten und sie zu trösten, daß sie nicht am Vaterlande und der Gerechtigkeit ihrer Sache verz»veifeln. Der einzige »virksame Schutz gegen de» Antisemitismus ist doch der, daß die Juden streben, sittlich über dem Durchschnitt zu stehen unv nicht zn einer religious- und vaterlandslosen Horde auszuarten, als welche uns unsere Feinde darzustellen lieben. Gerade nach dieser Richtung hin habe»» »vir ein weites und dankbares Arbeitsfeld vor uns; »vir dürfen aber auch in Berthe idigung unserer wohlerworbenen Rechte nicht müde »verden, gegen »velche Partei auch immer es sein möge. Hierfür darf uns kein Opfer zu groß sein. In» Uebrigen »vird man sich sagen müssen, daß wir selbst, Einzelne und Gemeinden, gegen Ereignisse, die mit solch elementarer Kraft über uns hereinbrechen, wenig auszurichten vermöge», daß aber das jetzige Stadium des Antisemitismus, der mit frevler Hand schon an

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