Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 53 (30.12.1892)
- Date
- 1892-12-30
- Page
- Seite 626 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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«126 Iudrnthum und Patriotismus. Von Prof. Dr. H. Steinthal. Flk der;>eit ter sJiutl) „werden Viele zu ihnen treten mit gleisnndcn Neben. . . . Biele werden sich klären, sich reinigen und sich läutern; Frevler aber werden freveln. Frevler allesamt werden nicht zn Verminst kommen, die Einsichtigen aber werden begreifen." T aniel l 1, w4. 12, 10 Ja, wir Juden gcrathen nicht in Verlegenheit; denn es ist uns Alles vorausgesagt, schon vor Jahrtausenden gesagt, was wir erleben werden. Es waren doch echte Propheten, wunderbare Männer! Sie sprachen zu ihren Zeitgenossen; aber sie waren Genossen aller Zeiten. In ihrem Geiste sahen, fürchteten und hofften sie alle Zukunft. Das nannten sie Träume; nein, ich frage mich: träumst du denn vielleicht, wenn du heute die Stimme Daniels zu hören glaubst? Wenn ich dann aber um mich blicke und sehe, wie seine Worte zutreffe», dann merke ich, das; ich wache, und habe nur den einen Wunsch, daß ich zu den „Einsichtigen" gehöre» möchte, daß ich von den Gleißnereien nicht gefangen wurde! Dem Menschen ist ja vom Schöpfer die Stimme des Gewissens eingepflanzt. Indessen, wie leicht ist diese erstickt! schon in der Kindheit, bevor sie erstarken, volltönend werden konnte! Da hat uns Gott eine zweite Gewissens-Stimme gegeben, eine künstliche, die aber zur zweiten Natur werden sollte, in der Bibel, dem Buche der Bücher. Heil uns! Wir haben das Wort Gottes. Das tönt nun aus unserm Herzen und spricht zu uns, deutlicher als das Gewissen, weil schärfer artikulirt als dieses. Den Frevlern freilich ist diese Stimme der Bibel gar lästig; zumal mit der des Gewissens im Duo tönt sie schrill ins Ohr. Tagtäglich hören müssen: du bist treulos, pietätlos, das erträgt mau nicht. Daß inan das schönste Konzert durch eigene Schuld zur unerträglichen Disharmonie verunstaltet hat, merkt man nicht. Also verstopft man das Ohr dagegen und sorgt natürlich für seine Kinder. Tie sollen von dem Doppel-Mahner, dem argen Quäler, verschont bleiben: die Bibel soll nicht an sie heran, und das Gewissen aus ihnen heraus. Die neueste Erziehungskunst! In dieser genährt und groß gelvorden, werden die Kinder einst ruhig auf geebnetem Wege dahin wandeln; keine Stimme von oben oderinnen wird sie stören. Denn daß es eine Bibel giebt, die einen Weg vorschreibt, wissen sie nicht; sie wissen nichts von ihr. Oder schlimmer als das: sie wissen, daß es eine Bibel giebt; aber sie sei, hat man ihnen gesagt, ein Popanz, ein garstiger Feind der Humanität. Heinrich Heine sagte, dies seien die Gegensätze: Judenthum und Hellencnthum, Wesen und schöner Schein, starres Gesetz und heitere Poesie, ernste Sittlichkeit und Spiel der Phantasie. Nun, dieser Gegensatz ist ja glücklich überwunden! In Wahrheit hat er nie bestanden. Im alten Palästina haben die israelitischen Jungfrauen schöne Chöre zur Feier ihres Gottes aufgeführt, und die Wahrheit, welche die Propheten verkündeten, ist in Formen einer so hohe» Schönheit gegeben, wie die Aesthetiker nicht ahnten. Es folgten freilich traurige Zeiten, und ein von Zügen tiefsten Schmerzes gezeichnetes Gesicht ist oft nicht schön. Und doch verstanden es die Gabirol und die Juda Halevi auch die schmerzensreiche Mutter Rahcl, die über ihre Kinder weint, schön darzustellen, wie der alte Jcremia. Und seit Mendelssohn — wie dringt das Schöne zum Wahren unserer Religion und verbindet sich damit! Nein, dieser Gegensatz, der Heinesche, den er selbst durch sein Schasse» so kräftig widerlegt hat, der besteht nicht mehr. Aber der Gegensatz von Judcnthum und Romanismus, der lastet heute auf uns: der von Anhänglichkeit au das Angestammte und engherzigem Patriotismus, von unsrer Religion und glänzender sozialer Stellung — sagen lvir doch kurz: von Ueberzeugungstreue und äußeren Bortheilen, von edlem Selbst und Egoismus — dies, und nur dies ist es, und alles Gerede, das die Sache anders darstellen will, ist Gleißncrei. Weißt du, lieber Leser, wie dieses Wort „Gleißnerei, glatte Rede" auf hebräisch lautet? Diese Sprache hat ja einen wunderbaren Klang, einen malerische». Er lautet also: chalaklakkok „Retour-Kntschen" sind mit Recht in gebildeter Gesellschaft in Verruf; und Unehrlichkeit ist allemal ein gclvagter Vorwurf. Wie oft hat man den Frommen Mangel an Aufrichtigkeit vorgeworfen! jetzt drehen wir den Spieß um und sagen denen, die von Germanenthuni und Patriotismus triefen und uns Juden nicht nur den Mangel an diesen höchst wünschenswerthen Eigenschaften schuld geben, sondern auch die Erklärung hinzufügen, daß wir dieselben gar nicht haben können, und zwar darum nicht können, weil wir Juden seien, und Judenthum und Patriolismus nicht Zusammengehen können — wir sagen ihnen entschieden: ihr sprecht gegen euer besseres Wissen. Denn es ist unmöglich, daß ihr nicht wüßtet, wer Gabriel Rießer war, und wer Veit und Kosch und Johann Jacob«), und lver Berthold Auerbach. Und war Montefiore nicht Engländer? und Cremieux nicht Franzose? diese Alle waren Juden und dienten dem Volke, unter dem sie ihre Heiinath hatten: dies fanden sie gar" nicht widerspruchsvoll. Man sagt wohl nicht selten zum jüdischen Knaben: dieses Land deines Vaters ist nicht das Land deiner Väter. Dann fügt mau aber allemal hinzu: um so dankbarer mußt du dem Volke sein, unter dem du lebst. „Dankbarkeit"! d i e verlangt man ja eben nicht; die Forderung lautet: Jude, gieb dein Judenthum auf; höre auf, Jude zu sein; geh auf im deutschen Volke. So! Ist das wirklich die deutsche Forderung? fordert das der deutsche Geist, nicht des deutschen Pöbels (den es doch auch giebt), sondern der deutschen Nation? Wenn ihr das meint, so haben wir wirklich den Stolz (ihr könnt ja sagen die Anmaßung), daß wir das besser lvissen — wir, die wir jüdische Deutsche sind. In uns lebt deutscher Geist viel Heller und viel kräftiger als leider in Millionen, die mit ihrem Germanenthum prahlen. Denn die Sache liegt einfach so: Judenthum ist Humanität; und weil diese sich mit jeder Nationalität verträgt, wenn sie von der Nation ernstlich erstrebt wird, so verträgt sich auch natürlich Judenthum mit jeder humanen Nationalität. Ueberzellgt, daß das Wesen der Humanität nirgends so tief erkannt ist wie von den Denkern deutscher Nation (nur leider vom deutschen Volke nicht gleich hervorragend bethätigt), danken wir mit Börne der Vorsehung, daß sie uns als jüdische Deutsche hat geboren werden lassen. Seid nur nicht böse! liebe christliche und jüdische Brüder, schreiet nur nicht gleich: der Jude muß doch immer etwas Ausgezeichnetes haben! — Hat der deutsche Adel nicht seinen Stolz? nicht der deutsche Bürger, Bauer und Arbeiter den seinigen? Nun, so laßt nur dem Juden diesen Doppel-Adel als deutschem Juden. Wenn er nur nicht vergißt: Noblesse oblige, Adel verpflichtet! Der Jude, der den jüdischen Adel nicht mag, wem er lästig ist, der werfe ihn von sich: wir sind nicht seine Richter; warum er ihn nicht mag? wir werden ihn darum nicht fragen. Aber uns — uns lasse man nur unsere Verpflichtungen! Wie glücklich ist die chinesische Familie des Confucius! Sie ist, so nimmt man an, jetzt etwa sechstausend Köpfe stark; und in dieser Familie, so heißt es, hat es noch nie einen Menschen gegeben, der sich ein gemeines Vergehen hätte zu Schulden kommen lassen. So glücklich ist das Haus Jakob nicht. Es ist zahlreicher und hatte trübere