Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 52 (23.12.1892)
- Date
- 1892-12-23
- Page
- Seite 621 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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In der Abenddämmerung wunderten zwei Frauen durch die Hlrümmerwelt des Kolosseums; das Geräusch des ewigen Roms war Hier verstummt; um sie das Schweigen der Ewigkeit; Staub und Asche von Jahrtausenden zu ihren Füßen. Die verwitterten Mauern des Riesenbaues, zerbröckelte Steine, von Moos bekleidet, von melancholischem Zwielicht gestreift, paßten so eigen und wunderbar zu ihrer Stimmung und zu einer Unterhaltung, welche vielleicht aus Scheu vor solch untergegangener Größe mit gedämpfter Stimme, fast nur leise flüsternd geführt wurde. Nach jahrelanger Trennung hatten sich die Freundinnen in Rom wiedergefunden; es war dies die Hofräthin Herz rmd Dorothea. Die Zeit war an Beiden nicht spurlos vorübergegangen, aber die schöne Herz trug noch immer die Spuren ihrer wundervollen Reize, während Dorothea dem Bilde einer Matrone glich. Ihr Haar war grau geworden, der Glanz ihrer Augen erloschen, Schmerz und Grain hatten tiefe Furchen in ihrem einst blühenden Gesichte zurückgelassen: doch ein Ausdruck geistiger Verklärung umschwebte sie wie das milde Mondlicht die Ruine, in der sie jetzt wandelten. Was hatten sie sich nicht Alles schon mitgetheilt! Der Tod hatte so manche Lücke in ihr Dasein gerissen, aber auch als mächtiger Versöhner den Zwiespalt des Lebens gelöst. „Erst als Herz," fuhr seine Wittwe in ihrem Berichte fort, „gestorben war, wußte ich. was ich in ihm besessen. Ich glaubte ihn nur zu achten, und nun war es mir plötzlich klar, daß ich ihn geliebt, wie ich überhaupt einen Mann nur lieben konnte. Die Natur oder ein günstiges Geschick hat mir jene Leidenschaftlichkeit versagt, welche das höchste Glück und zxigleich das größte Elend über unser Geschlecht bringt. Mein Gefühl für Herz war von anderer Art, ein stilles aber festes Vertrauen, eine fast kindliche Ehrfurcht für den überlegenen Mann. Cr hatte mich wie ein besorgter Vater mit sanfter Hand durch das Leben geführt und die Versuchungen, denen ich durch äußere Schönheit ausgesetzt war, unmerklich von mir abgewendet. Noch im Grabe danke ich ihm dafür." „Ich möchte Dich darum beneiden," entgegnete Dorothea mit einem leisen Seufzer. „Der Himmel hat Dich vor den Stürmen des Lebens geschützt." Plötzlich ihren Gedankengang unterbrechend, wendete sie sich an die Freundin: „Du hast Beit noch vor seinem Ende gesehen?" „Ich besuchte ihn auf seinen Wunsch, als er bereits von den Aerzten aufgegeben war. Ruhig rmd gefaßt sah er seinem Ende entgegen; der Tod schien ihm willkommen." — Die Freundin hielt inne, da Dorothea ein leises Schluchzen hören ließ, das sie vergeblich zu unterdrücken suchte. „Rur weiter!" bat sie innig. „Schone mich nicht; ich will Alles hören, das soll meine Buße sein." „Deine Söhne," fuhr die Andere fort, „waren zugegen." „Ich hatte sie ihm bei der ersten Nachricht, daß Gefahr vorhanden sei, geschickt. Wie gern wäre ich selbst gekommen, doch mir fehlte der Muth dazu." „Ihre Anwesenheit schien ihn zu erfreuen, obgleich ihr Uebertritt zur katholischen Kirche, worin sie Dir gefolgt waren, ihn tiefschmerzlich verletzen mußte. Bei aller Duldung des edlen Mannes konnte er seine Betrübniß über diesen Schritt nicht überwinden. Es kostete ihm übermenschliche Anstrengung, ruhig zu bleiben." „Ich weiß es, und doch schwöre ich Dir, daß Beide ohne mein Zuthun die Religion meiner Väter aufgaben."! „Wenn ich auch die schwärmerische Richtung der heutigen Künstler begreifen kann, so mußten für den armen Veit diese Gründe unbegreiflich sein. Er klagte mir besonders über den Bekehrungseifer, womit Dein Philipp seine letzten Stunden trübte. Forderte er doch von dem sterbenden, an dem Jndenthunx festhängenden Vater im Angesicht des Todes, seinen Jrrthümern zu entsagen und den römischen Glauben anzunehmen! „Es geschah aus Liebe," entschuldigte Dorothea, „aus Sorge um sein Seelenheil. Ich gebe Dir zu, daß Philipp in seinem Eifer zu weit gegangen ist. Alle Schuld fällt auf mich zurück. O! warum mußte ich so viel Verwirrung über den besten Mann der Wett bringen! Furchtbar, furchtbar! Daß Sohn und Vater in der Sterbestunde sich so begegnen mußten!" — Mit beiden Händen bedeckte Dorothea das bleiche Gesicht und j reichlich flössen ihre Thrünen, aber bald bekämpfte sie ihre Aufregung; und bat die Freundin fortzufahren. „Mit erhabener Ruhe," berichtete diese, „wies Veit das Ansinnen j seiner Söhne zurück. Er blieb sich selber treu bis zum letzten Augen- : blick. Ich fand ihn umgeben von seinen jüdischen Glaubensgenossen, mit denen er laut betetete: „Höre Israel, ich bin der Ewige dein > Gott." Als er geendet hatte und mich bemerkte, rief er mich an! sein Bett. Er sprach von Dir und sein letzter Gedanke bist Du gewesen." „O, er hat mich mehr geliebt, als ich um ihn verdient. In anscheinend unbedeutender Hülle schlug ein großes Herz." „Und Schlegel?" frag die Freundin ablenkend. „Auch er ist tobt," seufzte Dorothea. „Vor seinem Sterben flammte noch einmal sein besseres Ich in seinem rirsprünglichcn . Glanze auf. Ich habe viel verloren, hier ein edles Gemüth und dort einen hohen Geist." „Das Leben ist schwerer als der Tod," seufzte die schöne Herz, von einer jener melancholischen Anwandlungen ergriffe», die uns überfällt, wenn wir der Vergangenheit und der geschiedenen Freunde gedenken. „Ich glaube an ein Wiedersehen," entgegnete Dorothea. „Laß »ns tapfer sein und ertragen, was der Himmel über uns verhängt; er führt die Seinigen auf wunderbaren Wege» zum Ziele. Das Glück blüht nicht auf dieser Welt." „Wo finden wir das Glück?" „Dort!" rief Dorothea, und ihr glänzendes Auge hing an dem gestirnten Firmament. „Hier müssen wir Alles durch eigene und fremde Schuld verlieren, um das Höchste zu gewinnen. Aus dem i Feuer der Prüfung geht das Herz geläritert hervor. Wir müssen! dulden, um zu überwinden, irren, um die Wahrheit zu erkennen. — Doch komm! Es ist spät geworden; die Nachtlnft weht kühl in diesen Mauern." Dichter hüllten sich die Frauen in ihre Tücher und traten den Rückweg an. So schritten sie stumxn durch die Straße» der ewigen Stadt, die Seelen voll Gedanke», die Herze» voll Wehmuth und Leid.!? Kjnel. Eine Episode aus den Makkabäerkämpsen. Bon Moritz Scherbel. (Schluß.) „Liebe nicht das Unrecht, Helene, eine Gesammtheit nach der That des Einzelnen zu beurtheilen. Doch auch diese That — wenn Du, Helene, den schweren Verlust in Abzug bringst, den Du selbst i dabei erlitten; wenn Du Dich ganz unbetheiligt und unparteiisch dem! Geschehenen gegenüber stelltest — so wirst Du sagen müssen, die