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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-12-23 · Heft 52 (23.12.1892) · p. Seite 619

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 52 (23.12.1892)
Date
1892-12-23
Page
Seite 619 (sequence 7)
Language
German
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Der Süddeutsche wollte sich eiuarbeiten in den Charakter desjenigen Heroen, der am allerentschiedensten das norddeutsche, das Preußische Wesen verkörpert. Aber der alte Fritz blieb Auerbach doch fremd und sein süddeutscher Gegenpol, Joses II., ist ininrer sein Liebling geblieben. Den tiefsten Gegensätzen endlich nähert sich Auerbach, indein er Spinozas Werke übersetzte und gleichzeitig seinen Roman „Spinoza" schrieb. Hiermit hat er das Programm seines eigenen Lebens aufgestellt. DerWeise, der aus konfessioneller und nationaler Begrenztheit zum Bürger des ewigen Reiches sich erzieht, der mit treuen Freunden die höchsten Probleme bespricht und in stiller, unablässiger Arbeit für die Harmonie der Welt sein Glück findet — er zeigt, was Auerbach werden wollte, er zeigt auch, ziehen wir einige Schwächen des Epigonen ab, was Auerbach geworden ist. Spinozas Weltanschauung, der Pantheismus, bedeutet den Glauben an die höchste Einheit, an die Göttlichkeit aller Erscheinungen; erlehrt, in liebevoller Versenkung in jeglichem Ereignis; und jeglichem Ding die Offenbarung Gottes zu finden. Nicht durch gewpltsamen Sprung war Auerbach zu Spinoza gelangt; der Jude nicht blo-z auch der Schwabe ward durch eine innere Verlvaudtschaft zn dem Philosophen der Gottwelt gezogen. Es ist kein Zufall, daß ein Schwabe die Philosophie des Pantheismus in nnserm Jahrhundert mächtig erneut hat: Schelliug; volksthümliche Anschauungen uralter Zeit begegnen sich hier mit den höchsten Ergebnissen deukgewaltiger Geister. Und deshalb hatAuerbach seine Bauern nicht gewaltsam in seine Kirche gezwungen, wenn er ihre naive Philosophie der eigenen ähnlich macht, gerade wie Anzengrubers trefflicher Torfphilosoph, der Wnrzelsepp, rin Pantheist heißen kann; deshalb hat auch er selbst in dieser Anschauung für immer Berechtigung finden können, wie Lessiug, Herder, Goethe sie gelheilt hatten. Und die Lehre ward ihm zur Wahrheit des Lebens. Stetig ist er fortgeschritten in innerer Einheit und Harmonie — zu eben der Zeit, wo die „Weltschmerzler" überall ihre „Zerrissenheit" zur Schau trugen, weil sie die Gegensätze zur höheren Einheit nicht aufzuklären verstanden. „Hier an diesem Orte," schreibt er 1838 aus dem Haag, „athmete Spinoza und erkannte die Gesetze der Weltordnung und hat, ähnlich wie Kopernikus, das Sonnensystem des Denkens geklärt und gefügt, daß Alles einander hält und trägt, anziehend und abstoßend, seine Kreise ziehend, und nichts kann abirren, ausbrechen, sich ablösen. Mag Kant die Erkenntnißtheorie tiefer ausgegründet, weiter ausgebildet haben, die ganze neue Weltverfassung, soweit sie Freude und Harmonie giebt, ist und bleibt die Offenbarung Spinozas." (Briefe an I. Auerbach 2, 358.) So hatte er für immer Fröhlichkeit und Sicherheit gewonnen und von hier aus begann er denn auch den Kampf für diese hohen Güter. Fast all seine größeren Schriften gelten von nun an dem Streit gegen die „Zerrissenheit", dem Krieg für die Einheit derer, die feindlich sich getrennt hatten — Stämme, Stände, Parteien, Tendenzen. 1839 erschien „Dichter und Kaufmann", ein Roma», der aus der Biographie des Dichters Ephraim Moses Kuh hervorging. Beabsichtigt war ursprünglich ein ganzer Eyklns von Romanen zur Entwickelungsgeschichte des modernen Judeuthums, von „Spinoza" ausgehend, ein jüdisches Gegenbild zu Freytags „Ahnen" auf beschränkterem Zeitraum. Hier ward der Konflikt altjüdischer und kosmopolitischer Tendenzen geschildert; der Held geht an seiner Halbheit zu Grunde. — Ein praktischer Wegweiser zur harmonischen Selbsterziehung sollte die Schrift „Der gebildete Bürger" werden 1843 nach einem englischen Werk von Channing verfaßt: ein „Buch I für den denkenden Mittelstand", welches „populäre Philosophie für den schlichten Bürgersmann" bot und so schon äußerlich Philosophie und Schlichtheit zu höherer Einheit verschmolzen zeigte. Sein Erfolg war gering; in anderer Weisesollte Auerbach Philosopie für den schlichten Bürgersmami und für die Denkeuden insgemein lehren: in seinen Dorfgeschichten und Romaneii. Noch im selben Jahre, 1843, erschienen Auerbachs „Dorfg e sch i ch te n"; entworfen lvaren die ersten zwölf schon im Herbst 1840. Der Erfolg lvar ein ungeheurer. Mit einem Schlag stand Auerbach unter den ersten Autoren Deutschlands, ein Platz, der ihm nie wieder streitig gemacht lvorden ist. Nur zum Theil ist dieser rasche glänzende Sieg aus dem künstlerischen Werth des Werkes zu erklären. Allerdings gehören die Dorfgeschichten zu dem Besten, lvas wir an deutscher Prosa besitzen; sie gehören dazu durch ihren ausgezeichneten, an Goethe geschultem Stil, durch die Fülle der Gestalten, der Motive, der Gedanken. Aber gerade damals war mau kaum im Stande, ein Werk lediglich nach seinem Kunstwerth zu beurtheilen. Ein Anderes kam hinzu und that mehr. Mit begeisterten Bersen begrüßte Freiligrath das Buch: Er nennt zuerst Auerbachs Borgänger Jung- Stilling, Pestalozzi,! Brentano, Jmniermann, und fährt dann fort: Als Fünfter mm gesellst Du Dich zu diesen; Die treu geschildert einfach kräft'ge Sitten; Aus Deines Schwarzwilds tannendnnkeln Wiesen Mit seinen Kindern kommst Du froh geschritten. Und setzest ein das Tuchwanniis und die Flechte In ihre alten dichterischen Rechte! Das ist ein Buch! Ich kann es Dir nicht sagen. Wie mich's gepackt hat recht in tiefer Seele; Wie mir das Herz bei diesem Blatt geschlagen. Und wie mir jenes zugeschnürt die Kehle; Wie ich bei dem die Lippen Hab' gebissen. Und wieder dann hellauf Hab' lachen müssen! Das alles aber ist Dir nur gelungen. Weil Du Dein Werk am Leben ließest reifen; Was ans dem Leben frisch hervorgesprungen. Wird wie das Leben selber ai>ch ergreifen. Und rechts und links mit Wonnen und mit Schmerzen Sturmschritts erobern warme Menschenherzen! Dies also empfand er und empfanden mit ihm die Zeitgenossen als das Wesentliche, daß dieses Werk am Leben gereift war. Reflexionsdichtnng herrschte rundum; die Autoren lebten unter bloßen Abstraktioneu und ließen diese statt lebendiger Menschen auftreten. Man vergleiche nur mit Auerbachs „Frau Professorin" ein anderes Werk, welches den Konflikt zwischen naiver Sitteneinfalt und zivilisirter Bildung malen will: Halms 1842 erschienenen „Sohn der Wildniß". In fernste Borzeit war der Autor geirrt, um ja seine Gestalten recht abstrakt halten zu können; unter einem gemachten Theaterhimmel bewegen sich symmetrisch die Parteien der Civilisation und der Barbarei, und statt höherer Einheit dient sentimentale Sauce, mit der Alle übergossen werden, dazu, den Schein einer harmonischen Abtönung zn erzielen. Lebenswahr hatte allerdings schon 1839 Jmmerinanns „Münchhausen" den Gegensatz der ländlichen Festigkeit zur städtisch-modernen Zwiespältigkeit erfaßt; aber auch hier noch fühlte man hindurch, daß die Schilderung aus der Reflexion über diese Gegensätze hervorgegangen war. Und wenn ein Dichter, Jeremias Gotthelf, wirklich aus der Anschauung heraus packend und kräftig Dorfgeschichten schrieb — Auerbachs direktester, von Freiligrath gerade übergangener Vorläufer, dessen Meisterwerk „Uli der Knecht" 1841 ans Licht trat — so fehlte diesem ganz die Kunst; er blieb in der realistischen Kopie des Lebens stecken, die ja freilich jetzt wieder einmal als Höchstes proklamirt wird. Aber erst so gelang es, in sich abgerundet und mit echter

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