Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 52 (23.12.1892)
- Date
- 1892-12-23
- Page
- Seite 618 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3227931-3227984--49368-3270057- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
618 nicht mehr vorhanden sind, so finden wir uns zu ihrer Benrtheiluug hanptsüchlich auf einige altägyptische Darstellungen derselben angewiesen und auf eine nicht ganz geringe Anzahl von Schädeln, welche uns, meist aus punischen Kolonien in alten Gräbern mit phönizischen Inschriften erhalten geblieben sind. Dieses Material ist aber genügend, um die Phönizier oder wenigstens den größten Theil derselben physisch an die Araber anzuschließen; beide Völker haben ausgesprochene Langschädel und stehen in unserer offiziellen Nomenklatur, welche die Grenze zwischen Dolicho und Mesokephalen etwas verschoben hat, genau in der Mitte zwischen diesen beiden Gruppen. Gänzlich verschiedene Verhältnisse aber finden wir bei den Hebräern und Aramüern; das vorhandene Material ist ein überwältigend großes. Von den uns in Aegypten aufbewahrten ältesten Abbildungen derselben angefangen bis herab zu der gegenwärtigen Bevölkerung Palästinas und Syriers und den Tausenden von Juden, die heute in jeder großen europäischen Stadt betrachtet und studirt werden können, bietet uns dieses Material eine schier unerschöpfliche Quelle der Belehrung und des Studiums, und das Resultat dieser Untersuchung: 50 Proz. ausgemachte Kurzköpfige, 11 Proz. Blonde itnb eine große Menge echter Juden-Nasen, daneben mannigfaltige Mischformen sowohl was die Maße des Kopfes als was die Farbe der Augen und der Haare betrifft und nur etwa 5 Proz. guter Langschüdel. Es besteht also nur ein kleiner Bruchtheil der Aramäer mib Hebräer aus wirklichen Semiten; die große Menge derselben gehört nicht semitischen Rassen an, so daß sich uns für Syrien aus anatomischen Gründen dasselbe Verhältniß ergiebt, das uns durch die archäologische Untersuchung für Babylonien bekannt geworden ist, wo gleichfalls neben semitischen Einwanderern eine ältere Bevölkerung zweifellos erwiesen ist, die nicht semitischen Sumerier. Woher aber stammen die Knrzköpfe in Syrien und bei den Juden, woher die gebogenen Nasen, woher die vielen Blonden? (Schluß folgt.) Berthold Auerbach. Von Dr. Richard M. Meyer. Am 28. Februar dieses Jahres hätte einer der besten Männer unserer Zeit, Berthold Auerbach, seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert, wenn das Schicksal denn letzten der Propheten eine alttestamentarische Lebensdauer gegönnt Hütte. Und Niemanden hätte es erstaunt, dies Fest ihn noch in alter Frische und Freude feiern zu sehen; denn wer kann Auerbach sich anders vorstellen, als frisch und freudig; den kleinen starken Mann mit dein gerötheten, von weißen Haaren freundlich umgebenen Gesicht, wie er eifrig gestikulirend in lebhafter Rede und mit seinem herzlichen Lachen einherschritt? Aber es war ihin, es war uns nicht gewährt, den Mann, der so gern des homerischen Nestor ehrenreichen Platz eingenommen hätte, zu den Jahren Nestors gelangen zu sehen. Und dem Manne mid) scheint schon sein Bild dahinsinken zu wollen, ein Bild, das uns doch nie verloren gehen darf. Mit wenigen Strichen will ich versuchen, es zu erneuern. Am 28. Februar 1812 also ward Berthold 'Auerbach zu Nordstetten im württembergischen Schwarzwald geboren. An feiner Familie, an dem Heimathsort hat er stets mit warmer Liebe gehangen, unb in Nordstetten bestimmte der Siebzigjährige sich die letzte Ruhestätte. Ter aufgeweckte Knabe ward früh in die Talmudschule geschickt, scheinbar oljiic alle Frucht, doch nur scheinbar. Wir nannten Berthold Auerbach einen der letzten Propheten, er aber war der Prophet eines neuen Bundes, dessen Wesen lvir zusanunenfassen können in die beiden Namen: Spinoza und Goethe. Durch Spinoza ist er zu Goethe gekommen: der jüdische Philosoph hat seines Schülers, des deutschen Weisen, Sinn und Seele dem frommen Verehrer eröffnet. Spinoza selbst aber war ja auch aus der Talmudschule hervorgegangen, und was er dort gelernt hatte, war ihm so wenig verloren, wie für Goethe das eifrige Bibelstudium seiner Jugend. An Auerbachs Freude am Denken, am Allslegen, auch wohl am Disputiren hat der Talmudist vielleicht Antheil, an einem gläubigen sebenslünglichen Tllrchforschen nnb Durchdenken der größten Urkunden gewiß. Aber freilich traten ihm bald schon andere Urkllnden an die Stelle der Bücher, die der zukünftige Rabbiner hatte studirell sollen: das Lebell nnb das Wirken unserer Herzell, die Natur in ihren höchsten lmd schönsten Offenbarungen wurden ihm zu ben unerschöpflich mit neuen Glossell versehenen Büchern seilles Talmuds. Das Durchrillgen zu dieser neuen Lebensallschauung, ben Kampf um dies neue Evangelium schildert „Ivo der Hajerle" unter der Maske der Erlebnisse eilles katholischen Seminaristen, der aus kolifessioueller Ellge sich zum Bürgerthum der Welt dnrchringt. Als eilt Neuer schon geht er 1830 nach (Stuttgart, dann zieht er als Student nach Tübiilgen, Müllchen, Heidelberg. Mit gallzenl Herzen geht er auf in die Ideale der deutschell Jugend, unb wie jeder echte delltsche Patriot jener Tage, wie der ihm mannigfach verwandte Fritz Reuter, mussanch er für diese Ideale ein Martyrium in (übrigells kurzer) Hast auf dem Hohenasperg tragell, dem Berg Ekkehards unb Schnbarths, er hatte den Hochverrath begangen, der für ein einiges Deutschland begeifterten Burschenschaft anzugehören. Neben solchen neuen Beziehungen hält er treu am Alten fest. Schon damals war sein Vetter Jakob Allerbach sein bester Freund und sein Beichtvater gewordell, dem er in regelmäßigem Briefwechsel die Geschichte seines inneren und äußeren Lebens zuschreibt. Berthold Auerbach hat stets ein heftiges Bedürflliß nach Frenlldschaft gehegt; das Verlangell, sich in der großen Welt engere vertrauliche Welten zu erbauen, das Verlangeil nach einem Publikum intimster Art, all dem Freude nnb Stolz der Autorschaft voll auszukosten seien, das Verlmlgen, zu lernen und zu lehren, treiben alle ihn dahin. Wellige Menschen hat es gegeben, auf die der Ausdruck „Gedankenaustausch" so gellaue Anwendullg fciube, wie auf Berthold Auerbach feinen Freunden gegenüber. Jede Freundschaft ist ein seelisches Ringen, das mit dem Anpassen des einen Theils an den andern oder, besser noch, beider aneinander endet. Auerbach aber hatte sich nicht nur dem Einzelnen anzupassen, sondern auch der Gesannntheit. Im ihm selber mußte der Jude mit dem Deutschen, der Süddeutsche mit dem Norddeutschell, der Grübler mit dem Mann des öffentlichen Wirkens Freundschaft schließen. Diesel- Arbeit einer inneren Versöhnung von Gegensätzen — denn Talmudist und deutscher Bürger tonnten damals wohl noch Gegensätze heißen — gelten seine ersten Schriften. 1836 nimmt er in der Flugschrift „Das Jndenthnm und die neueste Litteratur" Stellung zu jenem berüchtigten Kampf gegen das „junge Deutschland". Wie so oft sollten auch damals die Juden an allem Uebel schuld sein: weil zu der litterarischeu Richtung der gut germanischen Christen Gutzkow, Laube, Mündt, Wienbarg, Kühne, die beiden Semiten Heine und Börne in Beziehungen standen, häufte Wolfgang Menzel, der Goethe- und Franzosenfresser, auf das Haupt der Juden die üblichen Schimpfworte. Auerbach nahm hier gleich selbstständig Stellung über den Parteien: weder dem „jungen Deutschland" schloß er sich an, dessen Phrasenliebe und Frivolität er vernrtheilte, noch den Angreifern, deren niedrige Gesinnung ihm nicht verborgen blieb. lieber ben Parteien errichtete er damals schon den Altar; damals schon beantwortete er mit Goethe die Frage „Was ist das Heilige?" mit der Erklärung: „Was die Menschen vereint", und nicht die unterscheidenden Merkmale, nein, die Gemeinschaft der Ideale für alle Wohldenkenden hat er damals schon lvie immer betont. 1834—36 gab er unter dem