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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-12-23 · Heft 52 (23.12.1892) · p. Seite 616

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 52 (23.12.1892)
Date
1892-12-23
Page
Seite 616 (sequence 4)
Language
German
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616 orthodoxe als libemlqesinnte Mitglieder cm sich gezogen, und nunmehr befinden sich die crftcrcit so sehr in der Majorität, daß sie dieselbe in der Kommentirung mib Ausführung des Prograimnes zur Geltung bringen wollen. Bon Uebel wäre es nur, wenn der Verein trotzdem auch fernerhin den Schein bewahrte, als ob er noch einen neutralen Charakter an sich trage, den verschiedenen religiösen Richtungen gerecht werden wolle. Er könnte das nicht, selbst wenn er es wollte. Aber ist ernstlich von dem Verein zu erwarten, daß er auch für die Bedürfnisse derjenigen religiösen Richtung eintreten werde, deren Kultus noch seiner Austastung lediglich auf eine Befriedigung der Sinne abzielt und das Judenthnm den freireligiösen Gemeinden zuführk? Wer diesen letzteren Standpunkt einnimmt, der darf die reformistische Richtung Glicht unterstützen. Als Zwittergestalt würde der Verein ein höchst bedenkliche Erscheinung innerhalb unserer Gemeinde bedeuten. Als konservativer oder orthodoxer Verein erscheint er dagegen durchaus existenzberechtigt. Daraus ergiebt sich aber eine weitere Konsequenz. Besteht in Berlin ein solcher, insbesondere bei den Wahlen in Aktion tretender Verein orthodoxer Richtung, so ist auch auf die Schaffung einer Organisation Beoacht zu nehmen, welche für die Interessen des liberalen Judenthums innerhalb der Berliner Gemeinde Sorge trägt. Was bisher hierfür geschah, war nach meinem Dafürhalten überaus unzulänglich nnb ist in diesem Sinne während der jüngsten Wahlbewegung auch anderweitig erkannt worden. Aehnlich wie bei früheren Wahlen, war auch das jüngste Mal aus diesen Kreisen lediglich die Parole ausgegeben worden, solchen Männern die Stimme zu geben, „welche die Leitung unserer Gemeinde in dem jetzt in deren Verwaltung herrschenden Geiste fortzuführen bereit sind". Damit ist allerdings nur wenig gesagt, um so weniger, als der Geist der Verwaltung — erfreulicher Weise — mancherlei Wandlungen aufzuweisen hat und durchaus nicht in starrer Unveränderlichkeit verharrt. Um j nur Eines anzuführen und gerade auf einen Punkt zu verweisen, der in der Agitation des ,-Centralvereins" eine größere Rolle spielt, hat die Verwaltung noch vor einigen Jahren die Einrichtung von be-! sonderen Gottesdiensten für die hohen Feiertage abgelehnt, während! sie jetzt dieses Bedürfnis in ziemlich umfassenden! Maßstabe zu be-! friedigen sucht.! Es ist denn auch noch innerhalb dieser Wahlkampagne den! Urhebern jenes Schlagwortes von der Fortführung der Verwaltung j in dem jetzt herrschenden Geiste zum Bewußtsein gekonunen, daß der! Wahlbewegung eine inhaltsvollere Parole zu geben sei. Das! weiterhin erschienene Flugblatt enthielt bereits eine Reihe positiver j Zugeständnisse und Forderungen. Dieser Erkenntnis;, daß sich das Interesse der liberalen Gemeindemitglieder in positiverer Weise zu dokumentiren habe, sollte weitere Folge gegeben werden. Dem orthodoxen Centralverein muß ein liberaler geqenübertreten. U Die anthropologische Stellung der Juden. Ein Vortrag von Dr. Felix v. Luschan.^) Das; die Inden eine dein Blute nach völlig reine und uiiverinischte Rasse bilden, wäre bei den zahlreichen Mischlingen, denen alle anderen Kulturvölker unterworfen waren, so wundersani, und wird ‘ i Wir freuen uns, den Bortrag, de» Herr Dr. v. Luscha» iu der allgenieiuen Versammlung der „Deutschen anthropologischen Gesellschaft" zu Ulm in diesem Sommer gehalten, und der damals so großes Aufsehen erregte, unseren Lesern heute vollständig mitthcilen zn können. Die Red. doch so allgemein geglaubt, daß es wohl nützlich sein dürfte, diesen Gegenstand auch einmal in einem größeren Kreise zu belcuchtcil und dabei ernsthaft zu prüfeit, in wie weit eigentlich die angebliche Rasscneinheit der Inden, den anatomischen Thatsachen entspricht. Ich werde mich bemühe», das Ergebniß hierauf gerichteter Untersuchungen so einfach und verständlich initzutheilen, daß dieselben auch dem Laien ohne Schwierigkeit greifbar einleuchten und muß freilich deshalb die engeren Fachgmossen um Nachsicht bitten, wenn ich dabei auch solche Dinge Vorbringen muß, die im engeren Kreise als selbstverständlich übergangen werden könnten. So möchte cs, um mit einer Frage dieser Art gleich zu beginnen, hier wohl am Platze sein, schon von vornherein klar zn erörtern, was wir unter Inden verstehe» und was unter Semiten. Das elftere nun können wir uns ganz leicht machen, indem wir einfach (niutatis mutandis natürlich) alle Menschen mosaischer Konfession als Inden betrachten; umso schwieriger aber ist cs, eine befriedigende Definition des Begriffes Semiten zu geben. Die Frage liegt hier! nämlich genau ebenso, wie mit den Ariern oder Jndogermanen, j welche so oft schon zum Zankapfel zwischen Sprachforschern und ' Anthropologen geworden sind. Jene haben im Anfänge unseres; Jahrhunderts gefunden, daß die alten Inder und Perser, die Griechen! und Lateiner, die Kelten, Germanen und Slavcn alle mit einander j Sprüchen redeten oder noch reden, die durch gemeinsamen Wortschatz und verwandte Grammatik eng verbunden sind. Mit nicht geringem Scharfsinn hat man sogar die gemeinsame Urform dieser Sprachen! rekonstruirt, und Alles wäre recht gut und schön geworden, wenn man j aus diesen Thatsachen nicht auch die, wie man annahm, „unabweis-! bare Konsequenz" abgeleitet Hütte, daß es einst eine vorgeschichtliche j Zeit gegeben habe, in der alle die „indogermanische» Völker" noch j eine Volkseinheit mit einer gemeinsamen Sprache gebildet hätten, j Aber diese „unabweisbare Konsequenz" steht mit den anatomischen Thatsachen in Widerspruch und ist deshalb irrig: Freilich giebt cs eine indogermanische Sprachfamilie, aber es giebt keine arische Rasse mehr; die Völker, welche heute indogermanische Sprachen reden, gehören verschiedenen Rassen an, die untereinander physisch manchmal gar wenig gemein haben. Man braucht da gar nicht erst an die Kluft zu denken, die etwa den Schweden und Norweger von dem Sicilianer und Südspanier oder dem arisch redenden Inder trennt, — schon innerhalb einer größeren Versammlung auch hier in Deutschland selbst wird man bei genauer Betrachtung jederzeit so extreme Typen unter^seinen eigenen Mitbürgern wahrnehmen, daß, wer nur überhaupt sehen will, sofort begreift, wie der sprachliche» Einheit die physische nicht so völlig entsprechen kann, als man früher gewöhnlich angenommen hat: und wenn wir selbst innerhalb ein und derselben Familie, ja selbs unter Geschwistern diese extremen Formen wiederfinden, die noth! wendig auf eine alte Vermischung der arischen Einwanderer mi einer vorarischen Bevölkerung hindeuten, wenn wir hier einen Mann sehen, groß, blond, blauäugig und laugköpfig, und daneben feiner eigenen Bruder, klein, mit dunklen Augen, schwarzen Haaren, dunkle» Teint und kurzem hohen Kopf, so können wir das nur dann verstehen wenn wir uns erst darüber klar werden, daß einmal fest erworben physische Eigenschaften sich immer und immer wieder auf die Kindevererben, daß sie auch allen Rassenmischungen mit der größten Energi widerstehen und daß sie immer und immer wieder neu zum Vorschein kominen, wobei es beinah einerlei ist, ob jetzt die Rasseiimischung durch die Eltern und Großeltern erfolgt ist oder vor hunderten von Generationen. Diese Art des Atavismus entspringt einfach de'» Naturgesetz, daß die Kinder den Eltern gleichen oder die Eigenschaft) der Großeltern und Urvater erben. Ich glaube, daß kaum ein anden Naturgesetz so sehr zum Gemeingut des Volkes geivorden ist, #ii>

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