Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-12-23 · Heft 52 (23.12.1892) · p. Seite 614

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 52 (23.12.1892)
Date
1892-12-23
Page
Seite 614 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227931-3227984--49364-3270053
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

614 Ner „berechtigte Kern". Von Rechtsanwalt Bernhard Breslauer. Der Antisemitismus hat einen Höhepunkt erreicht, der die Reichsregierung zu der Erklärung genöthigt hat, daß sie die Fortsetzung seiner demagogischen Umtriebe nicht werde dulden können. Bei jeder Gelegenheit aber, die zur Abwehr dieser Umtriebe oder auch nur zur Erwähnung derselben nöthigte, wird selbst von angeblichen Freunden der Juden hervorgehoben, daß ein gewiffer „berechtigter Kern" in den antisemitischen Bestrebungen enthalten sei. Bei der Prüfung dieser Frage kann allerdings nicht verlangt werden, daß jene von Haß und Neid erzeugten äußeren Angriffe und die dabei erhobenen Anschuldigungen ernstlich untersucht werden. Die Gruppe Ahlwardt-Stöcker verleumdet „drauf los" und wenn sie noch so eindringlich von der Unrichtigkeit ihrer Behauptungen überzeugt werden möchten. Hätten sie sich doch längst aus den Arbeiten eines Strack und anderer christlichen Gelehrten über die Zusammensetzung der „jüdischen Rasse" davon überzeugen können, daß der Talmud nicht jene schmählichen Grundsätze enthält, welche ihm angedichtet werden. Aber jene scheinbar guten Freunde der Juden bleiben dabei, daß ein „berechtigter Kern" in den Angriffen gegen die Juden liege. Wo steckt dieser Kern? In den großen Kriegen ist Deutschland zu der Ueberzeugung gekommen, daß alle seine Staatsbürger, zu welcher Religion sie sich auch bekennen mögen, gleiche Rechte an den Staatseinrichtungen haben, müssen, weil sie gleiche Pflichten haben und diese gleichen Pflichten, wie die kaiserlichen Proklamationen anerkennen, gleichmäßig und getreulich erfüllt haben. Diese Ueberzeugung fand in den Gesetzen ihren Ausdruck. Nun traten aber nach jenen Kriegen diejenigen Folgen ein, welche — wie die Geschichte der Menschheit lehrt — jeder große, siegreiche Krieg nach sich zieht. .Eine vollständige Umwälzung der gesellschaftlichen Berhültnisse schien sich anzubahneu. Mit den edlen Elementen traten die unsauberen au die Oberfläche. Auf bewußte Kraft und ihre Aeußerungen folgten Ausbrüche der Rohheit. Zu tapferer Manneswürde kam maßlose Ueberhebnng. Den großen Männern, die in ernster Zeit Großes geleistet hatten, suchten kleine Gernegroße nachzuahmen. Die neuen Verwaltungen brauchten neue Männer und diese fanden sich nicht überall — ein Streberthum entwickelte sich, wie es schädlicher kaum gedacht werden kann. Mit den gesteigerten Ansprücheir des Staats und der Staatsbürger hielten die Einnahmen nicht mehr gleichen Schritt, der Gegensatz zwischen Reich und Arni wurde schärfer und dabei die Sucht, es ebenso gut zu haben und sich eben so zu gebahreu wie die Vcrmögendeii. Der Streit, der sich »in die Einrichtungen des täglichen Lebens, »m die Beschaffung der Mittel, um deii Ausgleich der Klassenunterschiede entwickelte, wurde zum heftigen Kamps. Bia» griff an und behauptete dabei, der Angegriffene habe ziierst angegrisfen, und benutzte schließlich dieses Mittel blos um seiner selbst willen, um sich von vornherein in dem Kampfe eine günstigere Stellung zu sichern. Allmälig ergab sich, daß es so nicht weitergehen könne. Und mm brauchte mau einen Prügeljuugen, der all den Wirrwar, all das Unglück verschuldet hatte —- und dieser Prügeljunge wurden die Juden. Sie waren die lebten, die die Gleichberechtigung erlangt hatten, sie waren die Schwächere»; sie waren es, die schon so oft den Prügeljungeu hatten abgeben müssen; ihnen gegenüber tonnten Neid und Haß leichter ihr Ziel erreichen, denn hier war cs möglich, scheinbar edlere Momente, religiöse Gefühle mit in Ansatz zu bringen, klnd so entstand der Antisemitismus und entwickelte sich im Wesentlichen seit 1878 zu seiner jetzigen Höhe. Was man dabei den Juden vorwirft, ist, sie „verjudeten" den Staat. Was heißt das? Ihre Religion, die Mutterreligion der christlichen, drängen sie dem Staat nicht auf. Ihre sogenannte Eigenart impfen sie den christlichen Staatsbürgern nicht ein. Aber sie verlangen Staatsämter und können in den Staatsämtern für die Juden wirken. Ja, sind sie denn nicht Staatsbürger? Erstreben denn die protestantischen Beamten nur die Staatsämter, um für die Protestanten zu wirken, und die Katholiken nur, um ihren katholischen Glaubensgenoffen vorwärts zu helfen? Die wenigen Juden, die bisher Staatsämter erlangt haben, haben gezeigt, daß sie diese Aemter im allgemeinen Interesse, zum allgemeinen Besten aller Staatsbürger ausüben, >a, sie haben vielleicht hier und da den jüdischen Staatsbürgern gegenüber sich zurückhaltender gezeigt als alle Andern. Also dieser Vorwurf ist unbegründet. Aber ihren „Schachergeist" führen sie in die öffentliche Verwaltung ein! Seitdem es den Juden gestattet ist, andere Berufe zu ergreifen als denjenigen des Kaufmanns, haben sie sich überall in Deutschland bemüht, dem Kaufmannsstande fern zu bleiben. Ueberall in Deutschland sind Vereine zrir Hebung des Handwerks und des Ackerbaries unter den Juden errichtet. Zwar werden die jiidischen Handwerker und die jüdischen Landwirthe von ihren christlichen Berufsgenossen gar oft mit schelen Augen angesehen, denn sie erhöhen die Konkurrenz und sie sind — Inden. Aber sie sind überall in Deutschland zu finden und von Jahr zu Jahr erhöht sich ihre Zahl und vermindert damit die Anzahl der Kaufleute. Und dieser „Schachergeist", in Wahrheit diese Fähigkeit handelsgewerblicher Bethätigung — geht sie etwa den Christen ab?! Die überwiegende Zahl der Kaufleute und Handelsleute in Teutschj land sind Christen. Der deutsche Handel hat seine Stellung, die er! im Welthandel einnimmt, nicht erreicht durch die Juden; christliche l Kanfleute sind es, die ihn groß gemacht haben; christliche Kaufleute können ebenso rechnen und berechnen wie die Juden; christliche Kaufleute verstehen es ebenso, Konjunkturen zu benutzen und Verkehrsmittel auszunutzen wie die Juden. Ebenso unbegründet ist der Vorwurf, daß die Juden nicht rechtzeitig verstanden hätten, fiir eine bessere Vertheilung über die einzelnen Handelsgebiete zu sorgen, damit nicht ihre Minorität ans dem Gebiete des Geldhandels zusammengeschaart bleibe und so den Eindruck einer geschlossenen und nicht ungefährlichen Masse mache. Der Vorwurf ist unbegründet, weil er auf falscher Voraussetzung beruht. Die jüdischen Kaufleute gehören gar nicht ausschließlich oder zum größeren Theil zu den Mitgliedern des „Geldhandels". Dascheint nur in größeren Städten, an Börsenplätzen der Fall z> sein. Ueberseheu wird dabei, daß die Juden sich auf jedem Handele gebiete bethätigen, und daß gerade in den kleinen Städten und auf dem flachen Lande der Waarenhandel von den Juden betrieben wird oder, wie man so gern sagt, von den Juden an sich gerissen wird. Will man sonach ehrlich an eine Prüfung der thatsächlichci Verhältnisse geben, so wird man finden, daß diese durchaus »ich: einem „berechtigten Kern" in der Judenfrage zur Grundlage dienen können. In neuester Zeit verlangte man von den Juden, sie sollten öffentlich erklären, daß sie mit den schlechten Elementen, die unter ihnen sind, sich nicht identifiziren lassen wollten, und man fordert, sie sollten nicht überall, „wo irgend in der Welt ein Jude unsanft ungefaßt ivird, in Wehklagen ausbrechen."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.