Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 51 (16.12.1892)
- Date
- 1892-12-16
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Die deutsche Armee und die deutsche Justiz, sie sind an Stelle des Judenthums zu Angriffspunkten der Antisemiten geworden und haben den Juden plötzlich Verbündete gebracht, auf welche die Gegner am allerwenigsten gerechnet hatten. Hören wir, welches Urtheil ein offiziöses Organ, die „Nordd. Allg. Ztg.", über den Ahlwardt-Prozeß fällt: „Der gerichtliche Schlußakt, so wie er sich abgespielt hat, ist etwas ganz naturgemäß Entwickeltes, nur beleuchtet er mit blendender Grellheit die Grundzüge der ganzen Bewegung des Ahlwardt'schen Treibens. Das Eigenartige desselben ist die schrankenlose, vor nichts einhaltende Rücksichtslosigkeit der Einmischung in fremde Dinge, des Hinauszerrens intimer Angelegenheiten nicht in das Licht, sondern in den Staub der Oeffentlichkeit, und zum Dritten der unbefugten Uebertragung einer sachlichen Erörterungsmethode in die Zuspitzung auf das Persönliche." Und weiter wird die Frage aufgeworfen, ob nicht eine große Mitverantwortung für Ahlwardts Treiben „Diejenigen treffe, die, statt sein gemeingefährliches scheinheiliges Gebühren niederzudrücken, lau von fern stehend, es gehen und treiben ließen, wie es eben ging?" Daß dieser Erkenntniß die Besserung bald folgen werde, ist ein Wunsch, dessen Erfüllung hoffentlich nicht ferne liegt. L2 Berlin, 12. Dezember. Am 11. d. M. entschlief hier in hohem Greisenalter der Rabbiner Simon Alexander, der fast vierzig Jahre als Prediger der Gemeinde Pleß in Oberschlesien eine segensreiche Wirksamkeit entfaltet und dem auch die „A. Z. d. I." manchen guten Beitrag zu danken hat Friede seiner Asche! I<. Breslau, 14. Dezember. Gestatten Sie mir heut zunächst über den hier neu gegründeten „Verein zur jüdischen Geschichte und Litteratur", über den Sie in Ihrer jüngsten Nummer Ihren geschätzten Lesern weitere Mittheilungen in Aussicht stellten, folgende Einzelheiten zu berichten: Einige Männer aus den litterarischen oder diesen nahe stehenden Kreisen, welche das Bedürfniß nach allgemeiner Verbreitung der litterarischen Schütze des Judenthums fühlen, fanden sich zu einer diesbezüglichen Besprechung im Monat Oktober d. I. zusammen und setzten zur Ausführung des dort gefaßten Planes ein provisorisches Komitee ein, welches den Dozenten am hiesigen jüdisch-theologischen Seminar, Herrn Rabbiner Dr. Braun, mit der Abfassung des Einladungszirkulars betraute. Vermittels dieses wurden etwa 150 Interessenten der neuen Bestrebungen (von einem' Komiteemitgliede etwas einseitig ausgewählt, was die übrigen Gönner jedoch von der Theilnahme uicht abhalten soll) zum Mittwoch, den 2. November er., Abends 8l,;2 Uhr, im kleinen Saale der hiesigen Lessingloge zur definitiven Begründung des Vereins eingeladen. „Es ziemt sich," so heißt es in der Einladung, „daß Breslau, die zweitgrößte jüdische Gemeinde im deutschen Vaterlande, sich thatkräftig an der Lösung dieser (vorgenannten) Aufgabe betheilige und durch Begründung eines großen, alle Kreise und Richtungen umfassenden Vereins die Bestrebungen unterstütze, die geeignet sind, das Judenthum nach innen und nach außen zu befestigen." Dem Vereine liegen, wie es ausdrücklich heißt, alle politischen und einseitig religiösen Tendenzen feru. Demnächst gedenkt nun der Verein in weitere Thätigkeit zu treten. Es sind, da alle 14 Tage Zusammenkünfte stattfinden sollen, in denen Diskussions- und Vortragsabend wechseln werden, für die drei noch übrigen Wintermonate drei Vorträge in Aussicht genommen, deren Reihe Herr Dr Brann mit einem Vortrage über den Antheil der Juden an den Entdeckungen und Erfindungen des 15. Jahrhunderts eröffnet. Alsdann durfte Herr Rabbiner Dr. Rosenthal über S. Heller, den deutschen Dichter hebräischer Poesien, sprechen. Als dritter Vortrag ist ein solcher des Herrn Rabbiners Dr. Guttmann über den Gaon Saadjah, dessen tausendjähriges Jubiläum ja gegenwärtig gefeiert wird. (Bekanntlich hat der greise I. Derenbourg die Publikation der Saadjanischen Schriften vor zwei Jahren begonnen. Es ist mir jedoch augenblicklich nicht bekannt, wie weit dieselben gediehen ist.) — Für die drei Diskussionsabende sind die Themate: Blutlüge, Talmud und Schulchan aruch in Aussicht genommen. Hierbei sollen Referent und Korreferent in kurzen Referaten das Thema darlegen und eine möglichst erschöpfende Diskussion anregen. — Außerdem hat der Verein beschlossen, durch Vertreibung einschlägiger, gemeinverständlicher Schriften und Aufsätze seine Wirksamkeit für die Anerkennung des Judenthums zu erhöhen und zu diesem Zweck mit den bereits bestehenden Vereinen gleicher Richtung zusammenzuwirken. Hoffen wir auf den besten Erfolg! — Mitglied des Vereins, an dessen Spitze u. A. stehen: Geh. San.-Rath Dr. Wollner, Rabbiner Dr. Rosenthal und Dr. Guttmann, Prof. Dr. Fränkel, Dr. Brann, Dr. Rosin und Privatdozent Dr. Pakscher, kann jeder Unbescholtene werden, der das 18. Lebensjahr zurückgelegt hat (8 3). Die ordentliche Mitgliedschaft wird durch die Zahlung eines Jahresbeitrages von mindestens drei Mark, die immerwährende durch Zuwendung einer Summe von mindestens 150 Mark erworben. K. Hannover, im November. Die Antisemitenführer sind seit Beginn dieses Monats in Stadt und Land Hannover wieder fleißig bei der Arbeit. Am 6. d M. sprach Dr. Tesdorpf, der frühere Redakteur der Hannoverschen Post, über „Judenthum und Liberalismus" vor einer im Vergleich zu früher außerordentlich gering besuchten Versammlung. Der Vortrag wurde mehrfach durch Heiterkeitsausbrüche unterbrochen, weint der Gedankengang des Redners gar zu wunderliche Blüthen trieb. Am Schluffe seines Vortrages meldete sich ein Herr Oberinspektor Jensen zur Widerlegung, der jedoch nicht zugelassen wurde, sondern das Wort wurde dem bekannten Herrn Redakteur Leuß ertheilt, der die Schlappe des ersten Redners wieder wett machen sollte und nun weidlich darauf losschimpfte. Die Quintessenz seiner Ausführungen war, daß sämmtliche Juden in Palästina angesiedelt werden müssen. — Am 25. sprach der Reichstagsabgeordnete Herr Lieb er mann von Sonnenberg vor einer — trotz des hohen Eintrittspreises — sehr stark besuchten Versammlung, zu der vorzugsweise Handlungsgehilfen, Schüler der hiesigen Hochschulen und der oberen Klassen der Gymnasien und höheren Bürgerschulen ein starkes Kontingent stellten. Nach einer kurzen Einleitung über die antisemitische Bewegung kam der Redner auf sein eigentliches Thema: „Verträgt sich die Talmudmoral mit dem deutschen Staatsburgerrecht?" — eine Frage, die natürlich vom Redner verneint wurde. Dieser Vortrag unterschied in nichts von den circa 400 Reden, die er nach eigener Angabe seit vorigem Jahre gehalten; von ganz besonderem Interesse war es nur, daß Herr Religionslehrer Dr. E. David von hier das Wort erhielt und in einer längeren vortrefflichen Rede die Angriffe der Antisemiten auf den Talmud einer geradezu vernichtenden Kritik unterzog. Es war schon ein Erfolg, daß die erregte Versammlung ihm zuhörte und es ruhig geschehen ließ, daß die so eben noch gefeierten Mhnner, wie Rohling, Justus, Ecker, öffentlich des Meineids, der groben Fälschung angeklagt und in ihrer wahren Gestalt vorgeführt wurden. Ganz wirkungslos scheint das entschiedene Auftreten des Herrn Dr. David nicht geblieben zu sein; da bei der Ankündigung eines Vortrages in Braunschweig für den 2. Dezember ausdrücklich bemerkt wird: Juden haben keinen Zutritt! X Göttingen, 8. Dezbr. Für Sonnabend den 3. Dezember Abends hatte Herr Lieb er mann von Sonnend er g einen Vortrag angekündigt: „Verträgt sich die Talmudmoral mit dem Staatsbürgerrecht." Hierzu hatte der „deutsche Verein" den hiesigen Rabbiner Dr. Jacob, einen jungen Mann, der seit l1/^ Jahren an der Spitze der Gemeinde steht, eiugeladen, um etwaige Unrichtigkeiten (!) zu widerlegen. Da es sich vorher verbreitet hatte, daß Dr. Jacob erscheinen würde, so war der größte Saal der Stadt vollständig gefüllt. Der antisemitische Redner hielt eine seiner gewöhnlichen Reden. Mit Hohn erwartete er die Widerlegung seines Gegners, „der ihm wohl im jüdischen Dialekt antworten würde". Als er seine zweistündige Rede unter tosendem Beifallklatschen schloß, blickte mancher Wohlmeinende mitleidig auf den armen jungen Geistlichen, den L. schon vorher zermalmt zu haben glaubte; allein die Sache kam anders. Nachdem Dr. Jacob durch einige wohlgelungene satirische Bemerkungen die Lacher auf seine Seite gebracht hatte, widerlegte er in sachlicher Rede die Behauptungen L.'s, kennzeichnete ihn als absoluten Ignoranten, seine Gewährsmänner als Fälscher und Betrüger und verbreitete sich in längerer interessanter Rede, der die zum großen Theil aus Studenten bestehende Versammlung mit gespannter Aufmerksamkeit folgte, über den Talmud. Er erläuterte Stellen, die L. angeführt hatte, und erklärte sich bereit, jede Stelle aus dem Talmud, die ihm vorgelegt würde, zu übersetzen, aber nur aus einem Talmudexemplar der königlichen Bibliothek in Götringen, von der er einen Band mitgebracht habe, den er hiermit Herrn L. vorlege. Redner ging sodann auf die Göttinger lokalen Verhältnisse näher ein und konstatirte unter dem Beifall der Versammlung, daß in dieser Stadt der Antisemitismus keinen Boden habe. Herr Liebermann erhob sich zur Widerlegung, gestand verlegen zu, daß er sich vielleicht in manchen Dingen geirrt haben könne. Er tadelte heftig seine Berliner Parteigenossen, die hier ein in der Thal falsches Flugblatt verbreitet hätten, dessen Unrichtigkeiten er zu-