Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 51 (16.12.1892)
- Date
- 1892-12-16
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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vorgehoben: Nach einleitenden Bemerkungen des Vorsitzenden Freiherrn v. Manteuffel und des Freiherrn v. Minnigerode erklärt Herr v. Diest-Daber u. A. sich gegen den Punkt des Programms bezüglich der Judenfrage, da die konservative Partei eine vermittelnde Stellung einnehmen müsse. Ulrich-Chemnitz meint, es wäre gut, wenn die Vertreter der Partei etwas demagogischer auftreten und Alles klar sagen, was sie wollen. In unseren Kreisen wird erwartet, daß wir zur Frage des Antisemitismus haarscharf Stellung nehmen. (Stürmischer Beifall.) Wir wollen das Fähnlein des Antisemitismus Hochhalten, so lange, bis die Juden so klein, wie sie jetzt groß sind. (Minutenlanger Beifall.) Rechtsanwalt Klasing-B ielefeld vertritt einen von ihm gestellten Antrag, dessen Hauptstelle lautet: „In Erwägung, daß die deutschkonservative Partei Ausschreitungen jeder Art bekämpft, in Punkt 1 des Programm-Entwurfs den Satz: „Wir verwerfen die Ausschreitungen des Antisemitismus" zu streichen." Redner führt aus: Der Parteitag müsse entscheiden, ob weiterhin das konservative Prinzip oder Opportunismus herrschen solle. Im Entwurf herrsche noch der Opportunismus. Bestärkt sei er in seiner Ansicht, daß der Opportunismus eine schwere Gefahr sei, durch den Artikel des konservativen Wochenblatts, den der Führer des Opportunismus in der Partei geschrieben habe. Die Einleitung des Entwurfs lasse die Deutung zu, daß nur zwei Programme, das von 1876 und das eine bestehe. Von einer Aufrechterhaltung des 1876er Programms kann nicht gut die Rede sein Er hätte am liebsten den ganzen Einleitungssatz gestrichen, aber es sei wohl richtig, daß eine gewisse historische Kontinuität gewahrt bleiben müsse, falls sich nicht eine Gruppe auf Grund des alten Programms absondern sollte. In der Provinz steht man einer eventuellen Absonderung sehr kühl entgegen. Die brennendste Frage sei die Judenfrage. Die Judenfrage stehe im Mittelpunkt aller Verhältnisse. Der Todfeind des Konservatismus sei das Jndenthum. Wir haben die Verpflichtung, den im Volke schlummernden Wünschen nach Lösung der Judenfrage Rechnung zu tragen. In Folge der Ausschreitungen des Antisemitismus lechzt das Volk danach, daß die Konservativeil die Führung in der Frage des Antisemitismus übernehmen. Dann werden natnrnothwendig die Ausschreitungen aufhören. Und da das der Fall ist, so ist der Satz überflüssig. Steht denn im freisinnigen Programm: „wir verurtheilen die "Ausschreitungen des Judenthums?" Es folgt aus der Streichung nicht eine Vermischung der konservativen mit der antisemitischen Partei. Wir brauchen uns gewisse Persönlichkeiten deshalb nicht an die Rockschöße hängen lassen. Diese werden übrigens sofort von der Bildfläche verschwinden, wenn die berufenen Vertreter des antisemitischen Volkes die Führung übernehmen. Alle anderen Punkte treten zurück hinter die Frage, ob die Judenfrage in das Programm ausgenommen werden soll. Kammerherr von Blumenthal wendet sich gegen den Antisemitismus, der ein Gegner des Konservatismus sei. Das beweise der Umstand, daß sich die Antisemiten gerade auf konservative Wahlkreise werfen. Man kann nicht konservativ sein und einen Ahlwardt wählen (Oho! Schlußrufe. Tumult. Ruf: Ahlwardt lebe hoch!) Rechtsanwalt Krause-Arnswalde: Ich halte mich für ebenso konservativ wie der Vorredner. Ich habe in der Stichwahl Ahlwardt gewählt. Weiter habe ich Ihnen nichts zu sagen. (Minutenlanger Beifall.) Landrentmeister von Oertzen-Schwerin spricht sich im Sinne Klasings aus. Pastor Burckhardt-Berlin ist auch für Streichung des besprochenen Programmsatzes, der einem Konservativen auch erlaube, Philosemit zu sein Gutsbesitzer v. Waldow: Er sei der konservative Gegenkandidat des Herrn Ahlwardt und trotzdem habe er ihm in der Stichwahl seine Stimme gegeben. Für den Freisinnigen stimmten Nationalliberale und Sozialdemokraten und wir sagten uns, lieber zehn Ahlwardts als einen Freisinnigen. Seminardirektor Besig- Friedeberg erklärt, er habe mit dem Landrath von Bornstedt den Aufruf für Ahlwardt unterschrieben, das werde er stets thun. Rednererklärt sich schließlich unter lebhaftem Widerspruch gegen die Streichung des Satzes bezüglich der Ausschreitungen des Antisemitismus. Abgeordneter v. Gerlach ist für Beibehaltung des Satzes, Markewitz- Stettin hält den umstrittenen Satz für eine Unklarheit und konventionelle Lüge, die berichtigt werden müsse. Er ist für den Antrag Klasing- Bielefeld. B eck-Nürnberg (Vertreter aus Süddeutschlaud) ist für den Antrag Klasing. Die konservative Partei solle in kräftiger Opposition zur Regierung treten. Hofprediger Stöcker: Daß der Satz bezüglich der Ausschreitungen fällt, halte ich nach der Stimmung der Versammlung für unzweifelhaft. Graf Eulenburg erklärt, daß sich die ostpreußischei Konservativen mit dem Entwurf einverstanden erklärt haben, obgleicl dort starke Bedenken gegen die Aufnahme der Judenfrage ins Programm vorhanden waren. Er halte eine Amendirung des Entwurfs nicht fü: gut. Die Stimmung in der Versammlung sei überraschend, er bitte einer AusschußMiederzusetzen. Abgeordneter von Rauchhaupt: Wir Haber den Parteitag berufen, damit über den Entwurf des Programms berathe: wird, und er braucht durchaus nicht wörtlich angenommen zu werden Der Vorstand der Partei sei bereit, den Antrag Klasing anzunehmen. Wenn wir das alte Programm noch sozusagen all Anklammerungspunkt haben, so kann auch ich mit gutem Gewissen für den Antrag Klasing stimmen. Streichen wir den Satz betreffend bi* Ausschreitungen des Antisemitismus, so beschließen Sie die Streichung aber möglichst einstimmig. Der Antrag Klasing auf Streichung de- Satzes betreffend die Ausschreitungen des Antisemitismus wird mit aller gegen sieben Stimmen angenommen. ■9I6* Berlin, 12. Dezember. Gegenüber dem Beschlüsse des konser vativen Parteitages läßt sich der Vertreter der Minorität der Deutsch Konservativen, Herr v. Helldorf, folgendermaßen aus: „Vor Allen aber stellt uns der Antisemitismus, der nach unzweideutigen Symptome, in den konservativen Geschäftsbetrieb ausgenommen werden soll, der Versuch, demagogische Manieren für konservative Zwecke in Ausbeutung zu nehmen, auf eine abschüssige Bahn; er stellt uns vor die ernste Ge fahr, daß in diesem Raubbau das Kapital von Autorität, von Achtung vor Obrigkeit und Gesetz, auf welches wir für die schweren Kämpfe die unserer Gesellschaft noch bevorstehen, angewiesen sind, verbraucht und verwüstet wird." -SIGr Berlin, 11. Dezember. An demselben Tage, an welchem iw Wahlkreise Friedeberg -Arnswalde der Rektor a. D. Ahlwardt zurr Reichstagsabgeordneten proklamirt wurde, fällte die Strafkammer bcc Berliner Landgerichts I ihr Urtheil, welches Ahlwardt wegen Beleidigung der Herren Löwe und Kühne zu einer Gefängnisstrafe von fünf Monate! verurtheilte. Das gerichtliche Erkenntniß enthält die folgeube Stelle „Wie der Angeklagte gehandelt hat, geht ja daraus hervor, daß er zwa! sagt, er will die Sache treffen und nicht persönlich verletzen, und bocl stets nur persönlich angreift. Wieso kommt er zu dem scheußlichen Namen „Judenflinten"? Es bleibt nur übrig, daß der eine Leiter der Fabri' jüdischer Religion ist, der andere Leiter ist Christ und gewesener Offizier, die Gewehre sind von christlichen Arbeitern gefertigt, von christlichen Revisoren abgenommen! Der Angeklagte sagt zwar, er will die Rast' treffen und nicht die Person, aber das ist nicht wahr. Er will nur di» Personen treffen. Bei seinem Judenhaß scheut er sich nicht, den ganze! Beamtenstand anzugreifen. Er beleidigt darauf los, und wenn man be hauptct, daß er dies gewerbsmäßig betreibt, so ist dies keineswegs z: viel gesagt. Wie würde es wohl bei uns aussehen, wenn es viele Leut* gäbe, die wie der Angeklagte handelten? Wenn es Hunderte vor Ahlwardts gäbe, würde bald Niemand mehr ruhig auf der Straße gehen. Nicht dadurch, daß man entlassene Arbeiter vernimmt, kann man so furchtbare Vorwürfe in die Welt schleudern, dessen höchster darin besteht daß hier im Aufträge der Allianz israelite das Vaterland wehrlos ge macht werden sollte. Das kann man kaum ernsthaft nehmen. Es is erwiesen, daß Löwe und Kühne ihr Bestes daran gesetzt haben, um dem Staat gute Gewehre zu liefern." Angesichts dieser moralischen Verur theilung, welche der Antisemitismus von dem Gerichtshöfe erfahre: hat, tritt das Strafmaß, welches dem Angeklagten zudiktirt worden ist vollständrg in den Hintergrund. Der Spruch Ahlwardts ist an ihm selb! zur Wahrheit geworden. Er wollte, wie er behauptete, die Sache treffe: und nicht persönlich verletzen. Das Gleiche ist ihm widerfahren. Dü Strafe, welche feine Person betroffen hat, ist verhältnißmäßig gering, die Sache aber, die er vertritt, der Antisemitismus, hat'eine Niederlage erlitten, von welcher er sich - so hoffen wir — nicht mehr erholen wird. Daß der Prozeß dazu führen würde, die Märchen über die Allianz israelite aufzuklären, davon waren wir im Voraus überzeugt, ebenso dast die persönliche Ehrenhaftigkeit des einzigen bei der Angelegenheit be^ theiligten Juden, des Herrn Isidor Löwe, in ihrem vollen Licht erscheinen würde. Was aber unsere Erwartungen übertroffen hat, das ist der Frontwechsel, welchen durch diesen Prozeß und seine Nachwehen der ganze Kampf der Antisemiten erfahren mußte. Sind es denn wirklich noch die