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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-12-16 · Heft 51 (16.12.1892) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 51 (16.12.1892)
Date
1892-12-16
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 geben müsse. Seine weiteren Ausführungen wurden durch den Glockenschlag zwölf abgebrochen, und unter ironischem Zurufen mußte er versprechen, einen zweiten Vortrag in Göttingen zu halten, in dem er Herrn Dr. Jacob widerlegen wolle. Die Sache hatte noch ein kleines Nachspiel. Am nächsten Tage (Sonntag) war Versammlung in Münden, und was Herrn Liebermann v. Sonnenberg vielleicht zum ersten Mal passirt ist, der Herr Rabbiner war ihm nachgefahren, um sofort „etwaige Unrichtigkeiten" über die gestrige Versammlung festzustellen. Liebermann v. Sonnenberg war in der That unklug genug, um davon zu sprechen, worauf Herr Dr. Jacob natürlich die Antwort nicht schuldig blieb und den Antisemitenführer derart in die Enge trieb, daß dieser es für gut hielt, seine Widerlegung nicht sofort zu geben, sondern erst für eine nächste Versannnlung anzukündigen. Oesterreich Ungarn. * Wien, 8. Dezember. Der Abgeordnete Freiherr v. Sommaraga hat in der gestrigen Sitzung oes Abgeordnetenhauses die folgende Interpellation an den Minister-Präsidenten Grafen Taaffe gerichtet: „In einer am 28. November d. I. in den Stavtgutsälen in Sechshaus abgehaltenen öffentlichen Versammlung hat nach Zeitungsberichten der Abgeordnete Ernst Schneider in einer Rede über seine Thätigkeit im niederösterreichischen Landtage die Verwendung jüdischer Aerzte zur Pflege von Eholerakranken zur Sprache gebracht und hierbei auf die Cholera-Epidemie in Rußland verwiesen, wo nach seiner Behauptung in Folge der Heranziehung von jüdischen Aerzten, welche alle verdächtigen Kranken in die Baracken schickten, in diesen von 70 Personen 65 starben, wofür die jü- ^schen 'Aerzte von dem empörten Volke erschlagen worden seien; ferner Plebiszit in Rußland in Aussicht gestellt, dem zufolge sämmtliche 'dein das Schwarze Meer geworfen werden sollen, sohin'unter An- . -rüg der Gemeinschaft mit anderen Nationen des Reiches eine Revoiauo't angekündigt, bei welcher „mit unserer, das ist der Antisemiten Hilfe", den Juden Hören und Sehen vergehen werde. Die Wirkung dieser aufreizenden Rede läßt sich daraus erkennen, daß die Ausführungen des Redners mit Zurufen der Hörer wie „Henkt's die Juden!", „Schlagt sie todt!", „Ins Wasser mit ihnen!" begleitet und an den stärksten Stellen mit Jubel überschüttet wurden. In einer anderen am 4. Dezember d. I. in der Volkshalle des neuen Rathhauses abgehaltenen Vereinsversammlung, welcher angeblich an 2000 Menschen, zumeist Frauen und Mädchen, angewohnt haben, hat — gleichfalls nach Zeitungsberichten — der Abg. Alois Prinz Liechtenstein einen Vortrag gehalten, in welchem er neben der politischen die wirthschaftliche Organisation der christlichen Bevölkerung forderte, deren Zweck fein soll, den Juden die Kundschaft zu entziehen und nur bei christlichen Geschäftsleuten zu kaufen. Diese Aufforderung ist im gegenwärtigen Zeitpunkte, wo das Weihnachtsgeschäft beginnt, besonders geeignet, diejenigen Geschäftsleute, gegen welche sie gerichtet ist, empfindlich zu schädigen. In beiden vorstehend erwähnten Versammlungen haben die denselben beiwohnenden Vertreter der Sicherheits-Behörde sich nicht veranlaßt gefunden, gegen die fraglichen Redner einzuschreiten. Es gewinnt den 'Anschein, daß der von anti semitischer Seite betriebene, immer heftiger sich geberdenden Aufhetzung der Bevölkerung durch die hierzu berufenen Organe nicht nur nicht entgegengetreten, sondern vielmehr, wie durch Ueberlaffung der Volkshalle zur Versammlung am 4. d, noch Vorschub geleistet wird. Die Unterzeichneten stellen an den Ministerpräsidenten die Anfragen: 1. Beruhen die im Vorstehenden wiedergegebenen Mittheilungen über die am 8. November und 4. Dezember d. I. abgehaltenen Versammlungen auf Wahrheit, und bejahendenfalls, 2. wie vermag Se. Excellenz zu rechtfertigen, daß die Vertreter der Regierung bei dieser Versammlung die daselbst vorgekommenen antisemitischen Aufreizungen unbeanstandet hingehen ließen, und endlich 3. was gedenkt die Regierung vorzukehren, um den immer heftiger auftretenden antisemitischen Aufhetzungen wirksam zu begegnen?" ä. Budapest, 12. Dezember. Baron Moriz Hirsch hat einen neuerlichen Beweis seines edlen und selbstlosen Mitempfindens für fremdes Leid gegeben, indem er einen Betrag von drei Millionen Gulden einer Stiftung für Arme ohne Unterschied der Konfession widmete Die Zinsen dieser Stiftung werden von einem Komitee, an dessen Spitze Frau David Bischitz steht, an Unterstützungsbedürftige in Ungarn vertheilt werden. — Moritz Wahrmann hat in seinem Testamente 150,000 Fl. für wohlthätige und kulturelle, Zwecke sicher gestellt. Um das Mandat in der Leopoldstadt, welches seit 24 Jahren M. Wahrmann inne hatte, bewarben sich drei Kandidaten, und zwar: die Advokaten Moriz Mezei und Dr. Bernhard Friedmann und der Großindustrielle Ludvig Krauss de Megyer. Die meisten Aussichten, als Sieger aus der Wahlurne hervorzugehen, hat Dr. Friedmann, der sich als Vertheidiger im Tisza-Eßlarer Prozesse bedeutende Verdienste erwarb. Moriz Mezei erfreut sich auch eines großen Anhanges, der ihm als besonderes Verdienst anrechnet, daß er sowohl vor 25 Jahren in der Emanzipations- und heute in der Rezeptionsbewegung eine Führerrolle spielte. — Der rühmlichst bekannte Rabbiner Josef Weiße in Waag-Neustedtel feierte dieser Tage seinen 80. Geburtstag. Seine Gemeinde und zahlreiche Freunde bereiteten ihm herzliche Ovationen Es wurde zum Andenken an diesen Tag eine „Rabbi Weiße-Stiftung" gegründet. Rußland. * St. Petersburg, 2. Dezember. Wie gemeldet wird, befaßt sich die oberste Verwaltungsbehörde in Moskau mit dem Plane, den Juden in dieser Stadt vom nächsten Jahre an ausnahmlos jeden Handelsbetrieb zu verbieten. Wie es heißt, soll den Juden die Fortsetzung des Handelsbetriebs in Moskau im Sinne der zu erlassenden Verfügung nur unter der Bedingung ihres Uebertritts zur orthodoxen Kirche gestattet werden. Der Religionswechsel allein werde jedoch noch nicht genügen, sondern die Konvertiten werden für die Dauer von drei Jahren nach dem acht Kilometer von Moskau gelegenen Dorfe Tscherkizova verwiesen, daselbst von orthodoxen Priestern überwacht und zur neuerlichen Niederlassung und Fortsetzung des Handelsbetriebes in Moskau nur unter der Voraussetzung zugelassen werden, wenn sie sich mit Zeugnissen seitens jener Priester über die strenge Erfüllung aller religiösen Pflichten während jener Frist ausweisen. Viele in Moskau ansässige Juden beeilen sich, Gewerbescheine für das Jahr 1893 schon jetzt zu lösen, um den Wirkungen eines derartigen behördlichen Verbots wenn möglich durch eine geschaffene Thatsache vorzubeugen. Von Nah und Fern. --- Seinen siebzigsten Geburtstag feiert heute am 16. Dezember, der Prediger a. D. Dr. M. Stern, ein langjähriger Mitarbeiter unserer Zeitung. Wir sprechen an dieser Stelle dem verehrten Jubilar unseren herzlichen Glückwunsch aus. — Ein antisemitischer Antrag, dem Reichstagsabgeordneten Ahlwardt die Immunität zu bewilligen auf Grund des tz 31 der Verfassung, ist beim Reichstage eingegangen. Derselbe trägt 3 Unterschriften von Antisemiten und 12 sozialdemokratische. Antragsteller ist Liebermann von Sonnenberg. — Zu Fürth in B. fand am 21. v. M. die Eröffnungsfeier des neugegründeten Vereins „Gesellschaft der Freunde" statt. Er verfolgt den Zweck, Geselligkeit zu pflegen und zur Hebung der Litteratur, besonders der jüdischen, nach Kräften beizutragen. — Am 3. Dezember hielt in dem neugegründeten Verein für jüdische Geschichte und Litteratur in Mannheim Herr Stadtrabbiner Fr. Appel einen Vortrag: „Ein jüdischer Germanisator". — Am 9. Dezember beging in Karlsruhe in aller Stille Herr Oberrath Millstätter sein oOjähriges Dienstjubiläum. Bei dieser Gelegenheit verlieh der Großherzog dem Jubilar das K o m mandeurkreuz des Zähringer Löwenordens. — Der Verleumdungsprozeß des Oberrabbiners Schmul gegen den französischen Ahlwardt, Mr. Drumont, ist abermals vertagt worden, und zwar auf den 12. Januar. — Der neue französische Handelsminister Siegfried ist Israelit und stammt aus Mühlhausen im Elsaß. — Auf Befehl des Sultans der Türkei wurden in Monastir in Macedonien, wo es bisher nur wenige Juden gab, 120 jüdische Flüchtlinge aus Rußland angesiedelt. — Dem Oberrabbiner Dr. Adler ist es gelungen, die demonstrativen Umzüge der arbeitslosen jüdischen Bevölkerung Londons zu verhindern. — Im Alter von 77 Jahren starb am vorigen Freitag zu London Dr. Arnold Brünn, einer der hervorragendsten jüdischen Gelehrten Englands. — Nach einer Meldung der „Köln. Zeitung" aus Wilna haben neun Männer den israelitischen Inhaber einer Dorfschänke in Nähe der Stadt, sowie seine gesammte Familie ermordert und dann das Haus in Brand gesteckt. Die Verbrecher sind verhaftet. Erriet unc Verlag von Rudolf Moffe m Berlin. Vera ul wort! ich für die Nedaktio.l. Ma) Bauchwitz in Berlin.

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