Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 51 (16.12.1892)
- Date
- 1892-12-16
- Page
- Seite 612 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Die bisher stets herrschende harmlose Fröhlichkeit der Kinder zeugt dafür, daß es von ihnen auch so empfunden wird. Sämmtliche Gesänge werden vorher eingeübt, die Kinder lernen dadurch nicht nur die Bedeutung des Makkabäerfestes kennen, sondern nehmen auch die Vorträge und Gesänge schnell in sich auf; die Benedeiung und das Lied „Moaus zur" wird ihnen durch die gesangliche Weise vertraut, und allseitig bewährt sich wiederum das schöne rabbinische Wort: „Mehr als der Arme durch den Spender empfängt, empfängt der Spender durch den Armen." Posen, im Dezember. Dr. PH. Bloch. Geehrter Herr Redakteur! Meine Erwiederung auf den Brief des Herrn Doktor Ginsburger wird sehr kurz sein. Ich versichere das geschätzte Leserpublikum Ihrer 'vortrefflichen Zeitung, daß Elsaß durchaus nicht die Schnorrerprovinz ist, wie es Herr G. der Welt glauben machen will. Vor 58 Jahren, da Herr Marc Bloch von Berlin noch in Oberhagenthal lebte, konnte die Zahl dieser Reisenden noch recht zahlreich sein, aber heute ist das Metier im Aussterben, noch einige sehr wenige Familien oder Dynastien solcher Leute bleiben uns, und das Kontingent rekrutirt sich sowohl aus dem Oberland als aus dem Unter-Elsaß. Die übrigen Elsässer — der Fortschritt wirkt überall — arbeiten, geben sich Mühe, dieMrmen und Bedürftigen wie die Anderen, und wenn sie jedoch ihr Leben nicht fristen können, werden sie in ihrem Orte oder in der nächsten Umgebung unterstützt, ohne daß sie zum Wanderbettel Zuflucht zu nehmen haben. Bleiben die Fremden, die, ich wiederhole es, viel zahlreicher sind. Für sie wie für die Einheimischen existiren die Abfertigungskassen und neben diesen noch besondere Unterstützungskassen, die würdigeren Armen eine ansehnliche Gabe reichen als Supplement zur Abfertigungssteuer. So geschieht es hier: Herr G. kann in Sulz selbst erfahren, daß es bei uns so zugeht. — Herr G. bestreitet meine Angaben über das Abnehmen des elsässischen Schnorrerwesens, weil im Monat März dieses Jahres mehr Elsässer als Fremde nach Gebweiler kamen. Seit März, Herr Doktor, bis zum 18. November, dem Datum Ihres Briefes, sind 7 Monate ins Land gegangen. Wie war es da? Man müßte das wissen — um ein Urtheil zu fällen. Schirrhofen, 5. Dezember. Simon Levy, Rabbiner. - In der letzten Nummer d. Bl. wurde über das hochherzige Legat von 632,000 Mark berichtet, welches der verstorbene Rentier Wilhelm Lewin zu Gunsten der Armen ohne Unterschied der Konfession vernracht hat. So edel nun auch die Absicht der Testatoren ist, durch die Bestimmung „ohne Unterschied der Konfession" zu bekunden, daß sie bei ihrer Wohlthätigkeit nur den Mitmenschen und nicht dessen Konfession im Auge haben wollen, so wenig gerechtfertigt ist diese lehtwillige Verfügung bei denen, welche damit auch ihren israelitischen Brüdern Hilfe leister: wollen. Denn im Laufe der Jahre verblaßt die Erinnerung an den Wohlthäter und dessen Glaubensbekenntniß, und es kommt auch wohl in den meisten Fällen dahin, daß arme Israeliten aus derartigen Vermächtnissen gar nicht mehr unterstützt werden. Dazu gehört gar nicht einmal der böse Wille der betreffenden städtischen Kuratoren; es bedingt dieses einmal die größere Zahl der christlichen Hilfsbedürftigen und die Annahnle, daß die jüdischen Armen aus den jüdischen Gemeindekassen Unterstützung erhalten. Mögen doch alle Wohlthäter in ihren letztwilligen Verfügungen genau den Prozentsatz bestimmen, nach welchem sie die Vertheilung der Unterstützungen nach der Konfession geregelt haben wollen, nur dann können sie auch sicher darauf rechnen, daß die jüdischen Hilfsbedürftigen für alle Zeiten das ihnen zugedachte Scherflein erhalten. Solche Bestimmung wird gewiß keines vernünftigen Menschen Tadel herausfordern. Schneidemühl, 11. Dezember. H. B. Mrs retten. * Ein griechischer Erzbischof über Judenverfolgungen. Aus Zante wird dem „Freien Blatt" berichtet: Der griechisch-orthodoxe Erzbischof Dionisos Latta hält seit mehreren Wochen allsonntäglich in der hiesigen Kathedrale Predigten, in denen er entschieden gegen die Judenverfolgungen Stellung nimmt und den rechtgläubigen Christen Verträglichkeit mit den Juden aufs Nachdrücklichste empfiehlt. Der Erzbischof ist ein in Griechenland wegen seines profunden theologischen Wissens berühmter Gelehrter, ein ausgezeichneter Kanzelredner, besitzt eine kraftvolle Stimme, die in den weiten Räumen des Doms mächtig wiederhallt, und macht auf seine Zuhörerschaft einen tiefen Eindruck. Die Kathedrale ist jeden Sonntag übervoll von Andächtigen. Aus einer wörtlichen Niederschrift der erzbischöflichen Predigt vom Sonntag den 30. Oktober d. I. wiederholen wir folgende markante Stellen: „Die gegen das jüdische Volk gerichteten Verfolgungen find eine so große Sünde, daß für sie keine Verzeihung bei Gott zu erlangen ist. Aus dem jüdischen Volke sind die Gründe des Christenthums, die ersten und erleuchtetsten Christen hervorgegangen; und dieses Volk soll nun verhöhnt und verfolgt werden, ein Volk, das zu den ersten und bedeutendsten der Welt gehört, der es die Prägung seines Geistes aufgedrückt hat? O, welche tiefe Ungerechtigkeit liegt in der Verfolgung des jüdischen Volkes, auf dem keine andere Schuld lastet, als daß es treu an dem Glauben seiner Urväter hält! Ihm verdanken wir die wahre Erkenntniß Gottes, das Gefühl für Gerechtigkeit, für Nächstenliebe, die Verehrung der Familienbande, die Hochachtung der heiligen Worte, die heilige Schrift. Und für alles dies sollten wir es mit Bitternissen erfüllen? Für die unendlichen Wohlthaten, deren wir uns durch das Judenthum erfreuen, soll nun dessen Blut vergossen werden? In Hinkunft soll in meinem Herzen und im Herzen meiner strenggläubigen Brüder nur ein Wunsch, eine Hoffnung sein, dem ewigen Schöpfer des Weltalls Dank zu wissen, daß es das kleine und maßlos verfolgte Volk erhalten hat, damit es Antheil nehme an den Segnungen der großen Familie der Welt der armen Menschheit." U * Ein jüdischer Kultusminister in Preußen. Bekanntlich hat der seltsamste Zeuge im Ahlwardt-Prozesse, Herr Paasch, unter seinem Eide die Behauptung aufgestellt, daß Preußen einen jüdischen Kultusminister gehabt habe. Die Thatsache ist allerdings richtig, aber der Kultusminister war nicht Goßler, der ja seinen arischen Stammbaum bis zum 16. Jahrhundert nachgewiesen hat. Im Jahre 1848 war aber allerdings, wenn auch nur wenige Stunden, ein Jude Kultusminister: der Abgeordnete zur Nationalversammlung Dr. med. Ko sch in Königsberg. Als im Juni des genannten Jahres das schwächliche Ministerium Camphausen zurücktrat, übertrug König Friedrich Wilhelm III. die Neubildung des Ministeriums dem damaligen Finanzminister Hansemann, dessen Präsidium zugleich mit dem Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten Rudolf von Auerswald übernahm. Als Kultusminister brachte Herr Hansemann, der die neue Regierung hauptsächlich auf das Centrum stützen wollte, den Abgeordneten Dr. Kosch aus Königsberg in Vorschlag, der als einer der Führer des Centrums in der Nationalversammlung, die ihn zu einem ihrer Vizepräsidenten ernannt hatte, sich eines großen Ansehens erfreute. Die Ernennung Kosch's zum Kultusminister war bereits von dem König vollzogen und sollte dem Staatsanzeiger behufs Publikation zugehen, als Auerswald, zu dessen nahen Freunden sein Königsberger Landsmann Kosch gehörte, davon Kenntniß erhielt und darauf aufmerksam machte, daß ein Jude füglich nicht das Ministerium der geistlichen Angelegenheiten in einem Staate mit vorwiegend christlicher Bevölkerung leiten könne. Dies begriffen denn auch Hansemann und Kosch, und so wurde die bereits vollzogene Ernennung rückgängig gemacht: an Stelle von Dr. Kosch wurde der Abg. Dr. Rodbertus zum Kultusminister im Ministerium Auerswald-Hansemann ernannt, der freilich schon nach acht Tagen von diesem Amte zurücktrat. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwih in Berlin.