Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 51 (16.12.1892)
- Date
- 1892-12-16
- Page
- Seite 610 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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610 f I I! > Aufstand niederzuwerfen, sämmtliche Juden zu vertilgen, wovon sogar die Hellenisten nicht ausgenommen werden sollten. letzterer Umstand wurde eben von Asriel und Helene besprochen. „Das wäre unser Lohn," rief die Tochter Physkons entrüstet ans, — „das wäre also der Lohn dafür, dass diese seinen Wünschen in allen Beziehungen entgegengekommen, daß die Hellenisten es waren, die für die Verbreitung seiner Macht und Vertvirklichung seiner Pläne Alles einsetzten, was der Mensch Großes an Religion, Vaterlandsliebe und Leben besitzt!" „Dich, gute Helene, mag dieses Verfahren des syrischen Machthabers in Verwunderung und Entrüstung versetzen — mich nicht. Ich weiß eben so gut, daß er die Juden nur als Werkzeuge gebrauchte, wo es der Förderung seiner Vortheile galt, und jetzt, wo ihm diese Werkzeuge werthlos geworden, sie zu vernichten gebietet — ich weiß dieses eben so gut, wie mir die Ueberzeugung innewohnt, daß eine Höhe, die sich auf Verrath und Abfall aufbaut, früher oder später zum verschlingenden Abgrund sich gestaltet. Dieses Verhängniß konnte für die Hellenisten nicht ausbleiben. Im Gegensatz hierzu siehst Du die Makkabäer immer stärker und mächtiger werden . . ." „Sprich mir nicht von ihnen, sie sind die Gesellen eines Mörders," rief Helene, wobei die Röthe des Zornes ihr noch immer blastes Gesicht überflog. (Schluß folgt.) U Gin Besuch im jüdischen Krankenhause. Von M. Friedeberg. Eine Encyklopädie der praktischen Ethik des Judenthums nannte dieser Tage ein befreundeter Schriftsteller, mit dem ich die jetzt aktuelle Frage des „jüdischen Katechismus" besprach, das jüdische Krankenhaus in Berlin. Die in der Auguststraße belegene und mit einem Siechenheim verbundene Anstalt ist in der That nicht nur ein Krankenhaus im gewöhnlichen Sinne des Wortes, sondern eine Humanitätsstütte, bei der das herrliche Schriftwort zur Geltung kommt, „Arm und Reich berühren sich, schuf doch Beide Gott der Herr." Den Kranken wird hier unter Aufsicht und Fürsorge von Männern und Frauen, welche dieses Amt als Ehrenposten mit einem großen Aufwand von Zeit und Kraft verwalten, thunlichst zur Genesung und den meist den ärmeren Klassen Angehörenden auch bis zur Wiedererlangung der Arbeitsfähigkeit in anderer Weise geholfen. Die Theilnahme, welche die führenden Männer der Berliner Gemeinde dem Krankenhause widmen, ist eine stetige und so rege, daß einzelne Mitglieder der Krankenhauskommission, Herren wie Ehrendamen, in wechselnder Folge der Anstalt je an mehreren Tagen der Woche fast die Hälfte ihren täglichen Arbeitszeit zuwenden, so daß hauptsächlich aus diesem Grunde die geplante Verlegung des Krankenhauses in die Peripherie der Reichshauptstadt unterbleiben muß, da hier nicht wie in anderen Krankenhäusern die Verwaltung von zumeist besoldeten Kräften geführt wird. Durch einen Erweiterungsbau wird nach den Beschlüssen unserer Gemeindeverwaltung, der ja eine Reihe hervorragender Aerzte angehören, das Krankenhaus an der alten Stelle in der Auguststraße mif die den Anforderungen der inimer größer werdenden Gemeinde entsprechende Leistungsfähigkeit gebracht werden. Wer jemals an Besuchstagen die zahlreichen vor dem Portal auf die Oeffnung harrenden Massen meist ärmerer Glaubensgenossen gesehen hat, oder wer den Andrang zu der im Vordergebäude des jüdischen Krankenhauses befindlichen Poliklinik, in der unentgeltliche Behandlung und Arznei gewährt wird, kennt, wird cs im Interesse unserer Armen nicht bedauern, daß diese Heimstätte für die Leidenden und Siechen in dem leicht erreichbaren Centrum des alten Berlin verbleibt. — Der Tag beginnt im jüdischen Krankenhause sehr früh. Die Krankenwärter machen bereits in den ersten Morgenstunden die Runde durch die Korridore und die ihnen anvertrauten Stationen. Um 10 Uhr kommen unter Aufsicht der Anstaltsärzte die Famuli in ihren weißen Arbeitsblousen zur ersten Konsultation. Es gilt unter unseren Medizin in Berlin studirenden Glaubensgenoffen für eine besondere Ehre, als Famulus im jüdischen Krankenhause zur Dienstleistung und zugleich behufs Erweiterung zur wiffenschaftlichen Ausbildung zugelassen zu werden, denn einzelne fachliche Institute der Anstalt, wie z. B. das von Traube und Waldenburg errichtete pneumatische Kabinet für Brustleidende, stehen einzig in ihrer Art da. Barmherzige Schwestern zur Pflege männlicher Kranker giebt es im jüdischen Krankenhause nicht, und es sei bei aller Anerkennung, welche den sich dem edlen Werke der Krankenpflege widmenden Frauen gebührt, hier erwähnt, daß für Berlin jenes Wort eines angesehenen Delegirten des „Gemeindebundes" nicht zutrifft, der bei dem Kapitel „Krankenpflege" auf dem sich mit dieser wichtigen Frage beschäftigenden Gemeindetage ausrief: Er erröthe jedes Mal vor Scham, wenn er sich mit der Bitte um eine barmherzige Schwester an eine andere Gemeinschaft wenden müsie. Die im jüdischen Krankenhause ausgebildeten Krankenpfleger werden sehr oft zur Privatpflege nach der Provinz erbeten und bewähren sich vortrefflich. Auf der Frauenstation sind natürlich auch Pflegerinnen in Dienst, ohne besondere Abzeichen, aber mit guter technischer Ausbildung. Die Kost im Krankenhause ist rituell, die vorzügliche Zubereitung wird von Ehrendamen überwacht. Ein befreundeter Kollege hatte ein Extrazimmer im Krankenhause iune. Es erfüllte mich mit besonderer Freude zu sehen, daß sich die ihm gewährte Extrakost nicht wesentlich von der allgemeinen auch den Unbemittelten gewährten! Verpflegung unterschied. -Auch eine Synagoge befindet sich im Hause. ' Rührende Züge jüdischen Familiensinnes kann man in der Anstalt studiren, welche über den „Geist des Rabbinismus" und über die Sittlichkeit des Judenthums, die jetzt zur Untersuchung unter die Lupe genommen wird, bester belehren, als es Abhandlungen vermögen. Was hier an praktischer Liebesthätigkeit neben der sanitären Arbeit auf den Hauptstationen sowohl, wo viele Freibetten von wohlthätigen Glaubensgenossen gestiftet sind, als auch in den mit allein medizinischen Komfort der Neuzeit ausgerüsteten Baracken im Laufe der letzten Jahre geleistet worden ist, legt ein ehrenvolles Zeugnis: dafür ab, daß die Entwickelung dieses Berliner Gcmeindeinstitutes nicht nur mit dem Zeitgeist Schritt gehalten hat, sondern daß hier die Anforderungen der Gesundheitswissenschaft in rationeller Weise in j erster Linie berücksichtigt worden sind. Es ist gerade im jüdischen! Krankenhause, das seitens einer großen Zahl auch von auswärtigen 1 ärmeren Glaubensgenossen ausgesucht wird, nicht immer leicht, aller | zum Theil übertriebenen Ansprüchen gerecht zu werden. Wie ver! schiedenartige Elemente in diesem Ironie ok charity der Berliner j jüdischen Gemeinde oft Zusammenkommen, mag eine kurze Schilderung j eines Chanukaabends darthun, den wir vor einer Reihe vor j Jahren im jüdischen Krankenhaufe verlebt haben. Wie in dem große!! Gebäudekomplex in der Auguststraße Alles, was die Schmerzen der j Leidenden, Einheimischer wie Fremder, erleichtern kann, in schlichter Weise, ohne bigotten Aufputz geleistet wird, so sei auch mit der Schilderung jenes Abends, der allen Kranken auf unserer Statioi die Weihe des Lichtfestes in das gedrückte Herz sandte, kein konfessione! aufgeputztes Phantasiestück geboten; es sind die nackten Thatsachei der Wahrheit, die ich hier aufzähle. Gerade an solchen Tagen kam: man in erschütternder Weise sehen, wie die Ehrfurcht vor dem Göll lichen, die in der Brust eines jeden Menschen schlummert, Alles ver einigt, was da draußen durch eine ach so tiefe Kluft getrennt ist