Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 51 (16.12.1892)
- Date
- 1892-12-16
- Page
- Seite 609 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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60Ö Jndeß, was blieb ihm übrig? War er nicht mehr als jeder ' Andere dazu berufen, Helene mit dem tragischen Schicksal, das sic j betroffen, bekannt zu machen und ihr das zu bieten, was er dabe : an dem nöthigen Trost hervorzubringen vermochte? Es war bereits spät in der Nacht, als Asriel mit der Leiche Physkons vor dessen Haus anlangte. Er wurde daselbst schon von den Diener» erlvartet, und die Betroffenheit, die er von deren Gesichtern!as, gab ihm zu erkennen, daß man von dem, was in Modim geschehen, nicht ohne Kunde geblieben war. Asriel empfahl den Dienern die möglichste Stille bei der Unterbringung der Leiche ihres Herrn in den unteren Räumen des Hauses. Er wollte Zeit gewinnen, um Helene auf das geschehene Unglück oorzubereiten, sie vor dem plötzlichen Anblick des todten Vaters zu bewahren. Allein er irrte, wenn er Helene als ganz unvorbereitet für das. was ihrer wartete, sich dachte. Unheimliche Gerüchte hatten bereits am Spätnachmittag die Stadt mrchschwirrt und waren auch zu Helene durch ihre Dienerin gedrungen. Nan sprach von einem Aufstand in Modim. von einer Flucht der Hellenisten, von welchen einer erschlagen worden sei. Namen wurden acht genannt. Helene schwankte in einem Meere von Befürchtungen nid blieb zuletzt bei dem stehen, was sich wirklich in Modim zugetragen. Sie hatte die Rückkehr des Vaters bereits seit Stunden erwartet. Vas hatte er denn noch in Modim zu thun gehabt, nachdem der Aufstand dort ausgebrochen? Und auch Asriel erschien nicht, der ihr wch jedenfalls Nachricht von dort bringen konnte. So verging Minute auf Minute, nunmehr verdichtete sich die lacht, iinmer unheimlicher wurde es ihr zu Muthe — da glaubte;e unten das Geräusch eines herannahende» Wagens zu vernehmen. Das war eine erdrückende beängstigende Stille, die dabei obwaltete — anst, wenn der Vater von einer Reise heimkehrte, welch Leben und bewegen unter den Dienern, nnd wie hell und laut drang seine stimme von unten schon zu ihr, wenn er seine Befehle ertheilte und lnordnungen gab! Wie ganz anders heute. Sie vernahm keinen um des geliebten Heimgekehrten, wie sehnsuchtsvoll und anhaltend e auch darauf lauschte; alle Vorkehrungen vollzogen sich in stiller rspensterhafter Weise. In diesem, von tiefer Angst getragenen Gedankengange traf sic lsriel an, als er das Zimmer, worin sie sich befand, betrat. „Der Vater?" rief sie, als sie seiner ansichtig wurde, „der Vater, vo ist er?" wiederholte sie mit bebender Stimme. „Der Vater?" hatte er hierauf nur zu antworten, ohne weiter ich zu äußern. Dazu reichte sein Vermögen in diesem Augenblick licht hin. „Dem Vater ist irgend etwas Schreckliches passirt!" rief sie in tterndem Tone, indem sie auf Asriel zuschritt und seinen Arm krampfift umfaßte. „Sprich sie aus die traurige Nachricht, die Du mir, lsriel, zu überbringen hast, ich bin stark, ich werde es ertragen." „Wohl traurig!" erwiederte der Angeredete, allmälig Festigkeit lnvinnend. „Denk Vater," sprach er, „ist etwas geschehen." „Wie? Ist er verwundet oder gar todt?" „Todt!" hauchte Asriel und hatte kaum Zeit, die zusammennechende Jungfrau, vor dem Sturze zur Erde zu bewahren. Ihre Augen schlossen sich, das Gesicht war mit tiefer Blässe bedeckt; am ganzen Körper steif und starr, glich die Tochter Physkons in ihrer klassischen Schönheit einer Marmorstatue, die eben aus der Hand des Künstlers hervorgegangen war. Asriel rief die Dienerin herbei, während er selbst nach Belebungsmittelu umhersuchte. Mehr als eine Stunde ging dahin, bevor Helene aus ihrer Ohnmacht erwachte. Inzwischen hatte Asriel nach seiner Mutter geschickt, welcher er die Pflege der so schwer Heimgesuchten überließ, während er selbst sich nach unten begab, um sich von der würdigen Unterbringung der Leiche seines Onkels zu überzeugen. III. Helene hatte nur schwer den Schlag überwunden, der bei der Liebe, mit welcher sic an dem Vater gehangen, für sie tödtlich schien. Jener Ohnmachtsanfall, der sie bei der Nachricht von dem Tode desselben überkommen, hatte zwar eine gefährliche Krankheit nach sich gezogen, aber in diese»! Augenblicke begegnen wir ihr schon ans dem Wege der Genesung. Sie hatte, wie es bei allen starken Geistern zu geschehe» pflegt, die Resignation gefunden, sich auch in das Schwerste zu schicken. Sie hatte den Vater zu entbehren, dessen Besitz ihr Lebensglück bis jetzt gebildet, sie empfand nunmehr den tiefen Schmerz doppelter Verwaisung und der traurigen Verlassenheit in der großen Welt mit all dem Weh, das beides in sich trägt, aber sie hatte der schivcren Heimsuchung die Erkenntuiß abgerungen, daß die geduldige Fügung des Menschen i» das Unvermeidliche mit zur Erhaltung seiner inneren Würde gehöre. Eines aber durfte nicht vor ihr in Erwähnung gebracht werden, wenn dabei nicht ihr ganzes Innere in Aufruhr gerathen sollte: es waren dies die damaligen hochpolitische» Ereignisse, welche die Erhebung der Juden herbeigeführt, und die heldeinuüthigen Kämpfe, die sich daran geschloffen. Für sie war Matisjahu nur ein Mörder und sein ganzer Anhang nichts Anderes als eine Bande gemeiner Verbrecher. Ganz anders aber hatte sich die diesbezügliche Ansicht Asriels gestaltet. Darum, weil er von vornherein das Treiben der Hellenisten verurtheilt nnd eine Bekämpfung derselben für nöthig erachtete, konnte ihm die That Matisjahns, Ivie ivenig er sie auch gut heißen mochte, nur als ein Akt der Nothwehr erscheinen, hervorgerufen von der religiösen Bedrüngung, in welcher die Glanbenstrenen sich befanden nnd provozirt von einem Muthwillen ohne Gleichen. Diese erste Parteinahme für die Erhebung war aber inzwischen bei Asriel bis zur Begeisterung für dieselbe emporgewachsen. Wenn er von den Siegen Judas vernahm, der nach dem Tode des Vaters und auf Anordnung desselben, bevor er starb, die Führung der Bewegung übernommen, wenn er von dem Heldenruhm hörte, welche sich Einzelne in den blntigen Kümpfen erworben, da schwoll ihm die Brust vor Begierde, ein Gleiches zu thun. mußte er sich selbst der Feigheit, der Schmach zeihen, diesem Ringen um das heiligste der Güter fern zu stehen. Allmälig reifte daher in ihm der Entschluß, der Erhebung sich anznschließen, hinaus zu eilen auf das Feld der Ehre, und >vie Andere es thaten, für Glaube» und Freiheit entiveder zu siegen oder zu sterben. Allein er konnte dies ohne Wissen Helenen nimmermehr thun. Er liebte und achtete sie zu sehr, um sie über so Wichtiges in Unkenntniß zu lassen, und auf die Gefahr hin, ihrer ersten Entrüstung zu begegnen, ergriff er die nächste Gelegenheit, sie mit seinem Entschluß bekannt zu niachen. Es waren Nachrichten eingegangen, die dahin lauteten, daß Antiochus, ausgebracht durch die Verlegenheiten, die ihm dadurch bereitet, daß auch die Völker im Osten und Norden seines Reiches gegen ihn sich erhoben, an seinen Reichsverweser den Befehl ertheilt habe, unter allen Umstünde» und mit allen Mitteln den makkabüischeu