Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 51 (16.12.1892)
- Date
- 1892-12-16
- Page
- Seite 608 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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608 Ib>» folgte Apelles selbst. „Ihr habt", begann der Abgesandte des Königs, „Ihr habt vernommen, was Eure eignen Glaubensbrüder Euch gesagt, die jetzt noch Inden sind wie Ihr, aber anfhörcn werden, es zn sein. Mir selbst erübrigt hierbei nur noch, besonders daraus aufmerksam zu machen, daß der Befehl des Königs mir Euer Bestes will, und mein persönlicher Rath geht dahin, daß auch Ihr wie so viele andere Böller in dem syrischen Reich die Staatsrcligiou annehmt, was Euch sicherlich nur zum wahren Heil gereichen kann." Hierauf eine längere Pause. Tie Tribüne blieb, nachdem Apelles sie verlassen, leer. Alle Blicke richteten sich auf Matisjahu, und von der stummen Menge schied sich endlich der Greis, dessen äußere Erscheinung schon etwas Ehrwürdiges in sich trag, dem aber erst die heilige Sache, welche zu vertreten und zu vertheidigen er berufen war, die hohe Bedeutung verlieh, welche aus den gespannten Blicken, die ihm zur Tribüne folgten, deutlich sich zu erkennen gab. Er hatte den Ort betreten, von welchem seine Borredner gesprochen. Eine hohe, imposante Erscheinung. Er begann: „Ich möchte sagen, wie unser großer Lehrer Moses einst gesprochen: Ich bin kein Alaun der Worte. Allein dazu aufgesordert, ans das zu erwiedern, was Andere hier für den Erlas; des Königs, nns Inden betreffend, angeführt, will ich versuchen, der an mich gestellten Forderung gerecht zu werden. Könnte ich das, was ich über unsere alte, ehrwürdige Religion denke und fühle, in Worten wiedergeben, ich bin überzeugt, ein Jeder von Euch, nieine Brüder, würde ansrnsen: Ich bin glücklich, ich bin stolz darauf, ein Jude zu sein, und cs geschähe das Gegenthril von dem, was man von uns verlangt, das heißt, ein Jeder würde mit m» so größerer Liebe und Festigkeit in seinem Judenthum verbleiben. Allein, wie ich schon gesagt, ich besitze nicht die Kraft des Wortes und die Macht der Rede. So gut ich es indes; vermag, muß ich jedenfalls Protest gegen den Borwurf erheben, den man an dieser Stelle unserer Religion gemacht, nämlich, daß sie jede freie Bewegung des Geistes, des Gedankens hindere. Wo und an welcher Stelle thut das Judenthum das, wo verbittet es uns das Nachdenken, wo legt es die freie Meinung in Fesseln? lind weiter: wo heißt es uns etwas thun, das in irgendwie das Wohlergehen Anderer schädige, und daß man daraus die Ursache herleiten könnte, seiner Forteristenz Schranken zu setzen. Wenn der Jude die Fähigkeit, Größeres zu werden und höher zu steigen, in sich trägt und man von anderer Seite das Recht ihm abspricht, die Möglichkeit hierzu ihm nimmt: wo wäre dann wohl ein Wandel dabei zu erstreben? Etwa bei den Inden, daß sie das religiöse Bekenntnis; verlassen sollen, in dessen Bereich sie sich diese Fähigkeiten erworben, oder bei denen, die Gewalt an Stelle des Rechts setzen? Wenn wir für unsere Kinder eine ehrenhafte Zukunft schaffen wollen, so haben wir es in erster Reihe dadurch zu thun, daß wir ihnen die Grundsätze für Recht und Wahrheit eigen machen und sie aus den Weg der geistigen Bildung und des Fortschritts hinführen; was sie dabei erreichen, haben sie sich dann in ehrlicher Weise verdient und erworben; es kann dabei nicht darauf ankommen, was sie im Leben seien, sondern wie sie im Leben seien. Allein unfern Kindern eine Zukunft erwerben zu wollen, die erkauft mit Abfall und Berrath an der väterlichen Religion, die, wie glänzend sie sich auch gestalten möge, diesen Abfall und Berrath immer auf dem Gewissen haben würde — das können nur Vater thun, die bereits selbst jede Fühlung mit dem Jndeuthum verloren, und ich spreche ihnen das Recht ab, die Fürsorge für ihre Kinder mit Opfern zu erkaufen, die sie später in den Augen der eigenen Kinder ungerecht machen können. Tie Vergangenheit, die unser Judenthnm hinter sich hat, sie bürgt ihm für eine glänzende Zukunft, und was ein nusgeartetes Geschlecht der Gegenwart an ihm ausznsetzcn hat, ist eine Schöpfung des Modegeistcs, der ebenso schnell sein Ende finden wird, wie bisher Alles Menschliche, das sich an die Zerstörung göttlicher Anordnungen herangewagt hat. Man hat hier einen Altar erbaut, damit die Juden einen; fremden Gotte opfern. Letzteres haben die Israeliten, wie uns die heilige Schrift erzählt, in früherer Zeit öfter gethan. Allein es ist fast nieinals geschehen, ohne daß sic dabei später von der Nemesis erreicht worden wären. Was die in dieser Stunde und an dieser Stelle gegebene Gelegenheit dazu betrifft, so glaube ich nicht, daß ein Jude den schlechten Muth haben wird, das, was in so ungerechter Weise von ihm verlangt, zu vollbringen; allein wenn er es dennoch thütc, wenn er den Gott Israels in dieser Art verhöhnte — ich stehe nicht dafür, daß sich heute ein Pinchas finde, der den Limri blutig zu treffen wissen würde. Was nun noch den Hinweis darauf anbelangt, daß alle Völker im Reiche dem Könige in dieser Hinsicht gehorsam gewesen, so antworte ich hierauf: Ich und mein Haus, wir werden im Bunde unserer Väter weiter wandeln." Und ruhigen Schrittes, wie er die Tribüne bestiegen, verließ Matisjahu dieselbe, der gläubige Greis hatte darauf gerechnet, daß seine Worte, seine Drohung, selbst den eingefleischtesten Hellenisten abhalten würde», dem fremde» Gotte zu opfern. Als er aber nichts destoweniger Physkon ans den Altar zuschreiten und das Opfer vollbringen sah. da war es um die Ruhe des alten Haemonärs geschehe». Schneller, als man cs von dem betagten Manne erwarten konnte, ivar er dem Opfernden an der Seite, ein glänzender Strahl blitzte in seiner Rechten und versenkte sich im nächsten Augenblick in die Brust Physkons, der tödtlich getroffen znrücktaumelte. Er wurde von Asriel aufgcfangen, der zu spät herbeigeeilt war, um die That Matisjahus zu verhindern. Ringsherum Getümmel und Lärm. Wild drängte sich die Menge hin nach dem Schauplätze der blutigen That. Mit erhobenem Schwert stürzte sich Apelles auf den Vollbringer derselben, dieser indeß war bereits von seinen Söhnen in die Mitte genommen und die funkelnden Waffen derselben bedrohte» Jeden, der es wagen sollte, ihren Vater zu berühren. Und als Apelles nichtsdestoweniger auf Matisjahu eindrang, sank er bald von dreien Seiten getroffen als zweites Opfer des von den Hellenisten in Szene gesetzten unseligen Schauspiels. Nun aber bedienten sich auch die syrischen Söldner ihrer Waffen, und wer weiß, wohin es mit der Haemonürfamilie gekommen, wenn nicht in diesem Augenblick alle Glaubenstrenen mit den verschiedensten Waffen den Bedrängten zu Hilfe gekommen wären. Der Kampf war heftig, aber bald entschieden, denn die Soldaten befanden sich in der Minderzahl. Modim war von der syrischen Herrschaft befreit und die Hellenisten flohen nach allen Richtungen. Während das Haus Matisjahus den Berathungsort bildete, wo man über das Weitere sich zu entschließen hatte, da Antiochus jedenfalls eine größere Anzahl Truppen schicken würde, um den Tod seiner Bevollmächtigten zu rächen und den Aufstand niederzuwerfen — wir sagen, während dieses Alles geschah, hatte sich Asriel mit seinem Onkel beschäftigt, der indeß unter seinen Händen, ohne wieder zur Besinnung gekommen zu sein, seinen Geist aufgab. Asriel hatte es nunmehr nur noch nsit einer Leiche zu thun. Ihm erwuchs die traurige Aufgabe, dieselbe nach Jerusalem und zu der nun auch vaterlos gewordenen Helene zu bringen. Er besaß kaum den Muth dazu. Er wußte, mit welcher Liebe und Verehrung sie an dem Vater gehangen, das; daher die Nachricht von dem Tode desselben eine Wirkung auf sie haben müßte, für deren Folgen er Alles fürchten zu müssen glaubte.