Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 51 (16.12.1892)
- Date
- 1892-12-16
- Page
- Seite 607 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227931-3227983--49352-3270040- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
607 ■sie Juden zwingen werde, darauf zu opfern. Eine Tribüne war oereits errichtet, von welcher einige Hellenisten und Apelles selbst zum Volke sprechen sollten, um es mit dem Heile bekannt zu machen, welches ihm geschehen, wenn es sich unter die Fittige der griechischen •Religion begeben werde. Eben hatte man mit der Herrichtung des Altars begonnen und chon zeigte sich, welch' gefährliches Spiel Apelles und die Hellenisten hielten. Fast aus allen Häusern des Städtchens sah man eifrig init einander sprechende und hastig gestikulirende Männer treten und in den Straßen sich zu immer größern Gruppen bilden. Die aufgeregte Menge bewegte sich schließlich nach einem gut gebauten, unfern vom Marktplatz gelegenen Hause hin, welches von dem Priester Matisjahu und seiner Familie bewohnt wurde. Vor dem Hause befindet sich ein geräumiger Garten, sonst verschlossen, in diesem Augenblick aber weit geöffnet; er sollte, wie es schien, zum Sammelplatz einer großen Anzahl von Menschen dienen. In dem Innern des Hauses treffen wir den Eigenthümer desselben, Matisjahu, an, einen Greis zwar, aber in jugendlicher Kraft und Frische sich äußernd, wenn es gilt, seine Religion, sein Judenthnm zu vertheidigen. Ihn umstehen seine fünf Söhne, von welchen besonders Juda und Jonathan in Marsgestalten uns erscheinen und in Mienen und Blicken ihre Kampfbereitschaft für den väterlichen Glauben uns kund geben. Der Garten hatte sich mit Leuten der verschiedenen Stände bereis gefüllt. Jetzt trat Matisjahu unter sie, er winkte mit der Hand und die eben noch stattgehabte laute Bewegung schwieg. „Meine theuren Glaubensgenoffen!" begann der Greis mit fester Stimme. „Wohl ist eine schwere Zeit, eine Zeit der herben Prüfung über uns gekommen. Wir sehen unsere Religion bedroht, bedroht nicht blos von denjenigen, die aus unserer eigenen Mitte hervorgegangen, sondern auch und noch mehr von dem Könige Antiochus, dem wir sonst getreue Unterthanen, dem wir uns aber mit aller Kraft entgegenstellen werden, wenn er uns zwingen will, unser Judenthum aufzugeben, um einer Religion anzugehören, die unmöglich die unsrige werden kann. Jndeffen, hüte» wir uns vor jeder Ueberstürzung, warten wir vielmehr zuvörderst ab, was die Feinde unseres Glaubens zu thun Vorhaben. Ich darf mir wohl schmeicheln, Euer Vertrauen zu besitzen, und wenn ich Euch daher sage, daß ich jedes sündhafte Anmuthen, das man an uns bezüglich unseres heiligen Gottesglaubens stellensollte, energisch zurückweisen werde, sodürft Jhrwohlberuhigtsein." „Ganz recht, ganz recht!" tönte es aus der Menge. „Uebrigens," fuhr Matisjahu fort, „nehme ich an, daß der bereits für den Heidengott errichtete Altar nicht zur Benutzung kommen wird. Ich kann nicht glauben, daß jüdisches Blut insoweit schon vergiftet sein soll, daß ein Angehöriger unseres Stammes im Stande wäre, eine solche That zu vollbringen." In diesem Augenblicke trat ein königlicher Beamter in den Garten und an Matisjahu heran. Er war von Apelles abgeschickt, Matisjahu aufzufordern, auf dem Marktplatz zu erscheinen, um auf der daselbst errichteten Tribüne das anzusühren, was er gegen den Erlaß des Königs einzuwenden, und das zu widerlegen, was einige von den Juden selbst für den Erlaß des Königs sprechen würden. „Man kennt diese Art sophistischer Reden, die, wenn sie genau auf ihren Gehalt untersucht werden, nichts weiter als Wind sind. Jndeß werde ich erscheinen, wenn es auch nur geschieht, um persönlich die Antwort zu überbringen, welche ich auf den Erlaß des Königs zu geben habe." Der Bote entfernte sich. „Nehmen wir," wandte sich Matisjahu wieder zu der Versammlung, „nehmen wir die uns gewordene Herausforderung an, stehen wir denen Rede, die den Gottesglauben wie einen profanen Gegenstand behandeln, um welchen man feilscht und handelt, wo man die Vortheile erwägt, die bei der Vertauschung desselben zu erringen, zu gewinnen seien. Uns, die wir hier stehen, ist das Judenthum mehr, uns ist es ein von den Eltern ererbtes Heiligthum, an welchem wir mit allen Fasern unserer Seele hängen. Gehen wir!" Hierauf leerte sich der Garten und die Menge begab sich in einzelnen Gruppen nach dem Marktplatz. Dort herrschte bereits ein reges Treiben. Der Coup, auf welchen die Hellenen einen großen Theil ihrer Hoffnungen gesetzt, sollte des theatralischen Gepränges nicht entbehren. Der geräumige Platz war mit Fahnen umgeben, welche die syrischen Farben trugen, die errichtete Tribüne bekränzt und mit kostbaren Draperien versehen, während der Zeusaltnr, auf einer vergoldeten Unterlage ruhend und mit dem der griechischen Gottesverehrung unentbehrlichen Pomp ausgestattet, weithin dem Auge erkenntlich sich über dem Boden erhob. Nachdem die nöthige Ruhe hergestellt war, bestieg zuerst ein gewisser Jason, einer der sogenannten Tobiaden, Enkel Josephs des Steuerpächters, die Tribüne. Er versuchte mit gewählten Worten, die indeß mehr der Phrase als dem Ausdruck der Wahrheit angehörten, darzuthun, daß das Judenthum mit seinem asketischen Wesen nicht mehr in die Welt hineingehörte, die in tausend Sprachen von Lebenslust und Lebensgenuß zum Menschen rede. Die mosaische Religion unterbinde jede freie Bewegung des Gedankens, während die der Griechen dem Geiste die Möglichkeit der weitesten Entwickelung darbiete. Er fordere daher die Juden auf, nicht dem Vorwurf der lächerlichen Verstocktheit und fanatischen Blindheit zu verfallen, sondern dankbar das entgegen zu nehmen, was ihnen von dem Könige in der besten Absicht geboten, und den Erlaß desselben als den Beginn einer neuen Aera zu betrachten, welcher jeder vernünftige Jude aus dem innersten Herzen zujubeln müßte. Jason war oft durch Ausrufe des Unwillens, die ans der Menge drangen, unterbrochen worden, allein er hatte sich in seiner Expektoration nicht stören lasten. Ihm folgte, als er die Tribüne verlassen, Physkon. Derselbe war, man mußte es zugestehen, gewandter und schlagender in seinen Ausführungen. Im Verlaufe seiner Rede war er auf die gesellschaftliche Stellung der Juden zu sprechen gekommen: „Wie Bleikugeln hängt ihnen," sagte er unter Anderem, „wie Bleikugeln hängt ihnen ihr religiöses Bekenntniß an den Füßen und macht ihnen jeden Fortschritt in der Gesellschaft und im Leben ganz und gar unmöglich. Das Judenthum hat vielleicht früher seine Berechtigung gehabt, bevor noch der Anspruch auf Bildung und Aufkärung so sehr in den Vordergrund getreten als jetzt. Jüdisch denken, jüdisch handeln, leben und fühlen heißt jetzt, wo inan es mit dem Sinn für Kunst und Bildung, wie sie beide bei den Griechen, unter welchen wir leben, und unter der Aegide der hellenischen Religion, unter welcher sie blühen, vorhanden sind, ich wiederhole es, heute noch als Jude fortexistiren zu wollen, heißt auf das niedrigste Niveau der Achtung und des Ansehens herabsinken und seine Kinder zu Parias heranwachsen zu lassen. Ja, Jeder, der es noch gut mit seinen Kindern meint und ihnen eine Zukunft schaffen will, er verlasse das Judenthum, das nicht aufhören würde, wie bisher, ihm jede höheren Ziele zu verschließen." — Mit ausgeprägter Selbstbefriedigung, trotz der Proteste, die zu ihm gedrungen, verließ Physkon die Rednertribüne.