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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-12-16 · Heft 51 (16.12.1892) · p. Seite 606

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 51 (16.12.1892)
Date
1892-12-16
Page
Seite 606 (sequence 6)
Language
German
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606 Skandale Gefallen findende Menge sah in ihr das „Urbild der | Lucindc", in dem berüchtigten Roman nur ihr eigenes Verhältnis; zu; Schlegel dargestellt. Sic erröthete, trotzdem sie sich unschuldig fühlte, bei dem bloßen Gedanken nicht nur um ihretwillen, sondern wegen j ihrer Kinder, wie um den geschiedenen Gatten, dessen Namen sie! noch trug. Ungeachtet ihres Geistes konnte sie sich nicht zu jenem j Standpunkte erheben, den Schlegel bald im Ernste, bald im Spotte : gegen seine Gegner behauptete. Vergebens berief er sich ans das! Griechenthum mit seinen nackten Göttergestalten, ans die färbentrunkene Verklärung Correggios, welcher in seinem „Jo" das Mystej rium der Liebe so wie er gemalt, Dorothea wiederlegte diese Gründe! und ließ sich nicht von seiner blendenden Sophistik diesmal täuschen. Ihre Weiblichkeit und der dem Juden angeborene Geist sittlicher Würde schreckte vor dieser Offenbarung der geheimsten Liebe zurück. „Du hättest nicht," sagte sie mit einem schmerzlichen Lächeln, „so unser Innerstes herauskehren sollen!" Mehr als je drang sie jetzt auf eine eheliche Verbindung, trotzdem Schlegels Verhältnisse ihr noch immer keine feste Garantie boten; sie wollte lieber Noth und Kummer mit ihm theilen, als den Mißdeutungen der Welt sich ferner ausgesetzt sehen. Die Neuvermählten traten sogleich eine Reise nach Jena an, wo Schlegels; Bruder August Wilhelm in verhältnißmäßig angenehmen Beziehungen! lebte. Aber die Aufnahme, welche Dorothea von der Seite der j Verwandten ihres Mannes zu Theil wurde, war eben nicht geeignet,! die ersten anssteigenden Wolken an dem Himmel ihrer Liebe zu zer-! streuen. Ihre Schwägerin, eine Tochter des berühmten Professors! Michaelis, sah mit einem gewissen Stolz auf die „getaufte Jüdin" herab und ließ ihr nur zu sehr ihr vermeintliches Uebcrgewicht fühlen.! Ueberhaupt >oar auch die Ehe ihres Schwagers keine glückliche zu nennen; zwischen den Gatten herrschte schon damals ein Zerwürfniß,; welches kurz nachher zur Auflösung ihrer Verbindung führte. Alich 1 der Bruder ihres Mannes war ein Dichter und zählte wie dieser! zu den hervorragendsten Geistern seiner Zeit, nichts desto weniger! fühlte sich seine Frau unglücklich und unzufrieden, trotzdem sie nicht; von jeder Schuld freizusprechen war. Dorothea war Zeugin von j höchst verletzenden Auftritten zwischen beiden Eheleuten, von wahrhaft j nnpoetischen Ausbrüchen eines laug verhaltenen Grolles. Sie ver-! glich damit im Stillen die Duldung und Liebe, welcher mancher! prosaische Kaufmann und Banquier ihrer Bekanntschaft bei ähnlichen! Gelegenheiten zeigte, und es drängte sich ihr immer mehr die lieberj zeugung auf, daß nicht der Geist, sondern das Herz des Mannes das! Glück der Frauen allein zu begründen vermöge. i Nach einem kurzen und unerquicklichen Aufenthalt in Jena reiste sie mit Schlegel wieder ab; sie wußten nicht wohin, da Berlin für Schlegels Thätigkeit keinen geeigneten Boden bot. Jetzt begann für Beide ein planloses Herumirren in der Fremde, bald in Dresden, j bald in Paris und zuletzt in Cöln suchte Friedrich eine bleibende! Stellung zu gewinne», aber nirgends fanden sie eine rechte Heimath, j um darin Wurzeln zu schlagen. Manche Entbehrung mußte Dorothea sich auferlegen; sie that es, ohne zu murren. Es kamen Momente der materiellen Bedrängniß, wo es ihr und Schlegel an dem ' Nöthigsten fehlte, da seine litterarischen Arbeiten während des von allen Seiten heranziehenden Krieges nicht ansreichten, um sie hinlänglich zu ernähren. j In dieser Bedrängniß erhielt Dorothea von Zeit zu Zeit bedenj tende Summen zugeschickt; sie glaubte den edlen, unbekannten Wohl-! thäter zu errathen, und sie hatte nicht den Muth, seine Unterstützun- , gen zurückzuweisen, obgleich sie vor Schlegel den Namen sorgfältig! verschwieg. Nur der Hofräthin Herz, ihrer Freundin, schüttete sie das durch solche Verpflichtungen belastete Herz aus, indem sie ihr schrieb, daß sic nicht länger diese beschämenden Beweise einer sie drückenden Liebe anzunehmen vermöchte. Zugleich sprach sie in dem Brief ihre heiße Sehnsucht nach den Kindern ans, deren Bild sie fortwährend umschwebte. Nicht wenig wurde sie durch eine Antwort von der Hand des geschiedenen Mannes überrascht. Veit, der auch nicht einen Augenblick sie vergessen hatte nnd ihr Schicksal mit der liebevollsten Theilnahme verfolgte, machte ihr von freien Stücken den Vorschlag, den ältesten Knaben, der ein entschiedenes Talent zum Maler frühzeitig bekundete, der Mutter zur ferneren Erziehung anzuvertrauen. Zugleich setzte er großmüthig zum Unterhalte des Sohnes eine so bedeutende Summe aus, daß eine ganze Familie davon leben konnte. Dorothea durchschaute die Hochherzigkeit eines solchen Anerbietens und weinte heiße Thränen über den Mann, der in demselben Maße in ihren Augen immer höher stieg, je mehr Schlegel von der ihm angedichteten Größe bei einem innigen Zusammenleben verlieren mußte. Sie konnte es sich nicht verhehlen, das; der Dichter im Grunde seiner Seele einen bedeutenden Grad von Egoismus barg, daß ein Hang zum sinnlichen Wohlbehagen in ihm vorherrschte und daß ihm vor allen Dingen jene Festigkeit des Charakters fehlte, welche eine Frau, wie sie, bei dem Manne ihrer Wahl voraussetzte. Während Dorothea einen fast männlichen Geist besaß, zeigte Schlegel immer mehr seine eigentlich weibliche, wenn auch überaus fein organisicte Natur. Dies umgekehrte Verhültniß, wovon sie anfänglich schmerzlich berührt wurde, erwies sich jedoch später als ein neues Band, indem Dorothea mit mütterlicher Nachsicht die Schwächen Schlegels ertragen lernte. Je egoistischer er sich zeigte, desto aufopfernder wurde sie für ihn, wovon ihr ganzes Leben den schönsten Beweis gab. In Köln, wo sie jetzt lebten, trat Schlegel zur katholischen Kirche über und sie folgte ihm willig auch zu diesem Schritte, der sie ihren früheren Freunden nur noch mehr entfremdete. Bei Schlegel wie bei den meisten Konvertiten jener Zeit war dies Ereigniß nur die nothwendige Folge seiner Vergangenheit. Die schrankenlose Subjektivität, die geniale Ungebundenheit mußte auf natürlichem Wege mit der größten Beschränkung und der gänzlichen Aufgabe des so mißbrauchten Eigenwillens enden. Nachdem der Geist und mit ihm auch häufig der durch ihn zerrüttete Körper bankerott gemacht, blieb ihm nur noch übrig, nach dem Glauben, als der letzten Stütze, zu greifen. Je fester und unerschütterlicher derselbe stand, desto mehr mußte er den schwachen Seelen willkommen sein. Der imposante, seit Jahrhunderten gegründete, mit starker Autorität ausgerüstete Bau der katholischen Kirche konnte ihnen allein noch Zuflucht aus der selbstgeschaffenen Verwirrung bieten, wobei die noch nicht völlig erloschene Sinnlichkeit und das ästhetische Bewußtsein ihre Befriedigung in dem mystischen, mit allem Zauber der Künste ausgestatteten Kultus fanden. Hierzu kam noch bei einzelnen die mehr irdische Aussicht auf die Macht und das Ansehen, welche die Kirche häufig über den bekehrten Sünder auszugießen bereit sich zeigte. (Fortsetzung folgt.) U Ssriel. Eine Episode aus den Makkabäerkämpfen. Von Moritz Scherbe!. II. In Modim, einem kleinen Gebirgsstädtchen, ungefähr drei Meilen von Jerusalem entfernt, brodelte und kochte es in den Gemüthern. Schon seit einigen Tagen sprach man davon, daß Apelles nach Modim kommen, einen Zeusaltar auf dem Marktplatz errichten und

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