Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 51 (16.12.1892)
- Date
- 1892-12-16
- Page
- Seite 605 (sequence 5)
- Language
- German
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Beide stände vertreten die übersinnliche Idee der materiellen Sinnenwelt gegenüber, und für beide ist diese ihre Stellung zur Welt der Rechts- itel und die Quelle ihrer unbedingten Herrschermacht. Wie sehr auch ferner Platos philosophischer Staatsabsolutismus nit seiner Güter- und Weibergemeinschaft zuin modernen Bewußtsein ii schroffem Gegensatz steht und daffelbe abstößt, so zeigt er doch andererseits, >vie Zeller treffend ausführt, fl auch mit der Gegenwart;ar mancher Berührungspunkt. Die Loslösung eines besonderen Standes der Wächter — eines Wehrstandes — im Staate Platos inbet auch in der modernen Zeit eine gewisse Analogie in der Ausonderung eines eigenen, für seinen Beruf erzogenen und die Wehrhaft des Landes zur Darstellung bringenden Kriegerstandes; die auf whxren, ideellen Bildungsmitteln beruhende Unterweisung und Eriehung der für den herrschenden Beruf der Philosophen Beanlagten uid Bestimmten eine gewisse Analogie in der von der modernen Zeit o scharf betonten Forderung einer höheren wiffenschaftlichen Vorbildung für den den Staat leitenden und regierenden Beamtenstand, endlich findet die politische Gleichstellung der Frauen mit den Männern in Staate Platos in den Emanzipationsbestrebungen der Gegenwart inen mächtigen Widerhall, welche sowohl hinsichtlich der Rechte im -taate, als auch in Bezug auf die Gründlichkeit und Sorgfalt der wissenschaftlichen Vorbildung und Erziehung die Parität beider Gechlechter immer lauter und ungestümer fordert. Zeigt sich somit auch im platonischen Staate, trotz seines eigenartigen und ursprünglichen Charakters, jene Vielseitigkeit des griechischen Genius, vermöge deren er mit den mannigfachsten Ideen und Bestrebungen ferner Zeiten sich berührt, so werden wir jetzt noch das für -um vorliegenden Zweck besonders in Betracht kommende Crgebniß u ziehen haben, wie sich die sozialen Grundprinzipien des platonischen Staatsideals zu der oben dargestellte» sozialen Gesetzgebung des nosaischen Staates verhalten. An Berührungspunkten fehlt es auch hier nicht ganz. Auch die »osaische Verfaffuug entzieht, wie wir gesehen haben, dem geistig eitenden Stande — den Priestern und dem ganzen Levitenstamme — eben individuellen Besitz, auch sie verlangt von den geistigen Führern aes Volkes Hingabe an den Dienst des Idealen, welcher bei ihr in der Verehrung Jehovahs und in der Verwaltung des zu diesem flwecke angeordneten Kultus besteht. Allein während bei Plato die Entäußerung jedes individuellen Eigenthums bei den leitenden Ständen urch Einführung des extrem-kommunistischen Grundsatzes der Güteremeinschaft geschieht, gründet Moses die wirthschaftliche Existenz des »terbten Priesterstandes und des gesammten Lcvitenstammes auf die esetzliche Verpflichtung des ganzen übrigen Volkes, durch Abgabe des lehnten von dem Ertrage seiner Besitzthümer den Priesterstand zu sub- 'entioniren und zu unterhalten. Der tiefgreifende Unterschied beider Einrichtungen zeigt sich am schärfsten in den unmittelbaren Konsequenzen, welche sich aus ihnen für den Begriff und das Wesen der Familie ergeben. Während bei Plato die Aufhebung des Privateigenthums innerhalb der beiden leitenden Stände die Aufhebung der Familie nach sich zieht, sie Gütergemeinschaft, die Weibergemeinschaft zur Folge hat, läßt der mosaische Staat für die Priester ebenso wie für jeden anderen ihrer Volksgenossen das Recht des Individuums auf Ehe und Familie als ein unantastbares und unversehrtes bestehen. Ja, die Beveutung der Familie für das Leben und Wirken des Priesters wird so scharf betont, daß angeordnet wird, der Hohepriester sollte am Versöhnungstage, bevor er das Staatsopfer für die gesammte Gemeinde Israel darbringe, das Sühnopfer für sich und seine Familie darbringen,') für sich als Individuum, für seine Familie als Haupt derselben, für die Gemeinde als oberster Priester. (Schluß folgt.) 9 FEUILLETON h» Me Tochter des Philosophen. Eine Erzählung von Max Ring. III. (Fortsetzung.) Auf diese schöne Zeit der ersten Leidenschaften folgten freilich für Dorothea Zeiten der unausbleiblichen Enttäuschung: manche bittere Erfahrung hatte sie noch zu machen. Da Schlegel ohne Vermögen und Anstellung war, so konnte er auch ihr keine feste Lebensstellung bieten. Deshalb verzögerte sich ihre Verbindung, so sehr sie auch wünschen mußte, dieser zweideutigen Lage entrissen zu werden. Er selbst spottete in seiner genialen Weise über die nach seiner Ansicht philiströse Bedenklichkeit der Geliebten, welche sich nicht so leicht über die Heiligkeit der Sitte hinwegzusetzen verniochte. In dieser Stimmung schrieb er an einem Buche, das über Dorothea neue Leiden brachte. Wie so viele Dichter jener Zeit litt auch Schlegel an der Sucht, sein „Ich" zum Mittelpunkte seiner Poesie zu erheben und aus den geheimnißvollsten Vorgängen des eigenen Lebens den Stoff für seine Dichtungen zu schöpfen. Es war die Periode der „Selbstbekenntnisse", womit Rousseau in seinen „Confessions“ den Anfang gemacht hatte. Erlebnisse und Gefühle, welche man bisher sorgfältig vor der Welt verborgen und auszusprechen sich gescheut, wurden ohne Rücksicht preisgegebe». Mit einer überraschenden Kühnheit und Offenheit malte man sich selbst in den verfänglichsten Situationen. Wahrheit und Schönheit war die allgemeine Losung, aber nackte Wahrheit und Schönheit ohne jede Hülle. Die bedenklichen Leute, welche in diesen Taumel nicht einstiinmten, galten für unverbesserliche Philister und wurden von den sogenannten „Genialen" verspottet. Aus dieser subjektiven Richtung der Zeit ging damals Schlegels bekannte „Lucinde" hervor, ein Roman, der bei seinem ersten Erscheinen ein ungewöhnliches Aufsehen machte und die entgegengesetzte Beurtheilung erfuhr. Kein Dichter hatte es je vorher gewagt, einen ähnlichen Dithyrambus der Sinnlichkeit anznstimmen, in so begeisterten Worten den physischen Genuß zu verherrlichen. Das ganze Buch erschien als eine Verklärung der Wollust, alseine Hymne auf die geheimsten Vorgänge der Liebe. Während die Freunde Schlegels Kühnheit priesen, den Glanz seines Stils, die Gluth seiner Phantasie und den berauschenden Zauber der „Lucinde" bewunderten, erhoben die Gegner einen Schrei der moralischen Entrüstung und klagten den Verfaffer laut der höchsten Unsittlichkeit und Verworfenheit an, so daß der befreundete Schleiermacher sich veranlaßt sah, in seinen bekannten „Briefen über Lucinde", die nur zum Theil von ihm, zum Theil von einer Frau herrühren, die aufgeregten Gemüther von seinem vermittelnden Standpunkte zu beschwichtigen. Ein Theil dieser Beschuldigungen fiel natürlich auf Dorothea zurück; die urtheilslose und am 31 ff. fl Philos. d. Gr., II., h 782, 783.!) 3. Buch Mos. 16, 6 u. 17.