Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 51 (16.12.1892)
- Date
- 1892-12-16
- Page
- Seite 602 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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602 Religion und Sittlichkeit. Von Georg Minden. Wir bemerkten letzthin, daß die Religion, wenn man sie von der Sittlichkeit trennte, von Aberglauben und todtem Ceremoniell überwuchert werden würde. Darauf wird man uns antworten: „Gut denn! Ueberlassen wir die Religion ihrem Schicksal! Sie hat überhaupt ihren Zweck erfüllt. Wir wollen einen Verein zur Beförderung des religiösen Jndifferentismus gründen und Allen wird geholfen sein. Wir brauchen keine kostspielige Geistlichkeit zu besolden, wir können die Gotteshäuser zu nützlicheren Kulturaufgaben benutzen und, nachdem aller religiöser Hader verschwunden sein wird, können wir uns mit den verfügbar gewordenen Kräften in aller Ruhe daran machen, die soziale Frage zu lösen. Sind doch die Ansprüche, die der moderne Mensch an die Religion stellt, sehr geringe: Anständig getraut und anständig begraben zu werden - das klebrige ist uns schon eine Last, die wir allenfalls noch ans Pietät tragen. Wenn uns unser Gretchen fragen würde: „Wie hast Du's mit der Religion?" so würden wir antworten wie Faust: Wer darf ihn nennen? Und wer bekennen: Ich glaub ihn. — Aber unsere modernen Gretchen stellen ja gar nicht solche indiskrete Fragen.-—" Wieviel hierin auch richtig sein mag, Diejenigen, die so sprechen, kennen doch die menschliche Natur nicht, die „Antwort haben will auf all' die Fragen, welche das bekümmerte Herz zu bedrängen pflegen in dieser Welt des Leidens."') Habt ihr je eine Mutter am Krankenbett ihres Kindes gesehen? Das Bedürfniß zu beten ist allen Menschen angeboren, und wenn es auch bei manchen Charakteren sich äußerlich nicht bemerkbar macht, wenn es sich mit Thermometer und Zirkel nicht kontroliren läßt — es gehört eben zu jenen Imponderabilien, die stärker sind als alle mechanischen Kräfte. Darum werden wir die Religion trotz allen Sträubens nicht los; der radikalste Freidenker kann weder eine Familie leiten, noch ein Volk regieren, ohne die Religion zu berücksichtigen, denn in dem menschlichen Bedürfniß nach Gebet und Erlösung liegt die Wurzel des Gottesglaubens; was das Gemüth erstrebt, wird von der Phantasie personifizirt. Aus derselben Wurzel wächst aber auch eine gefährliche Pflanze: Aberglauben. Unterdrücken wir den einen Zweig, so schießt der andere desto üppiger ins Kraut. Darum ist es keine gesunde Politik, die Religion zu vernachlässigen und sich auf eine religionslose Ethik zu kapriziren, die der großen Menge des Volks, die Weibern und Kindern ewig unverständlich sein wird, weil sie das Gefühlsleben nicht befriedigt. Wenn wir wirklich ethisch handeln wollen, so suche Jeder in seinem Kreise und innerhalb seines Bekenntnisses dahin zu wirken, daß die religiösen Begriffe mit der verstandsmäßigen Erkenntnis; der Dinge in Uebereinstimmung bleiben. Und kann man eben vermöge seiner Natur der Mystik nicht ganz entbehren, so mache man sie durch enge Verbindung mit der Sittenlehre unschädlich. In keinem Religionsbekenntniß ist dies leichter als im Judenthum, das, durch keine dogmatischen Fesseln eingeengt, keinen blinden Glauben verlangt, sondern Thora — Streben nach Erkenntniß. >) Adolf Bastian. Wiener Briefe, xxu. T. Sonderbare Kunstfexe! Sie vermeinen, ihren Kunstsin: wirklich zu bethätigen, wenn sie die Wände ihrer sogenannten Prunk gemächer mit Kopien angesehener Meister behängen, ohne aber di Frage sich nahezulegen, ob dieselben thatsächlich durch einige Aehnlichke: an die Originale erinnern. Treffend ist der Name, mit welchem n Fachkreisen diese Gattung von Gemälden belegt wird; man nenn sie Ausstattungsbilder. Daran werde ich lebhaft gemahnt, wen, ich das Interieur gottesdienstlicher Einrichtungen hie und da zu bisehen Gelegenheit nehme. Der Einsicht kann man sich in der Gegenwart schwer verschließe!. daß zum Ensemble des Gottesdienstes vornehmlich die Predigt gehör Nur Unverständniß vermag heutzutage noch deren Werth und 33^ deutung herabsetzen. Es hieße aber Eulen nach Athen tragen, wenn man erst den Beweis dafür liefern wollte, daß die Wirkung der Predßi abhängig ist von dem Grade der geistigen, sittlichen und charakteristische: Potenz des Redners. Und selbst die Meisterschaft der Rede äußen sich verschieden in dem Effekt, je nachdem sie mehr oder minder getragen ist von der unbesiegbaren Macht und überwältigenden inneren Wahr heit. Cicero und Demosthenes, die Heroen der forensischen Beredsamkeit des römischen und griechischen Alterthums, waren nicht gleich erfolgreich mit den Ergüssen ihrer meisterhaften Redekunst. Um so berechtigter ist die Forderung, bei der Acquisition eines Predigers sich unverrüm das „Trau, schau, weur" vor Augen zu halten. Leider wird dießr Forderung nicht immer und überall Rechnung getragen. Wie jener Kunstfex in seiner Art finden manche Vorstände ihr Genüge m: einem Ausstattungsprediger, wenn er es allenfalls abgeguckt, w;c der Meister sich geräuspert und gespuckt. Wunder darf es nicht nehme::, wenn selbst ein solcher Prediger nicht ohne Anhang bleibt, insbesondere wenn er über eine Fülle von Schlagworten verfügt; Kualleffet c finden immer ein dankbares Prrblikum. Beachtenswerth ist es, daß die jüdischen Landgemeinden im die- - seitigen Oesterreich hierin mehr Verstäudniß bekunden als manche Gemeinden in großen Städten. Man könnte fast mit Neid daran: sehen, wie peinlich wählerisch erstere sind, wenn es sich um die B - stellung eines Predigers, oder bester nach der kultusgesetzlichen Tc - minologie, eines Rabbiners handelt. Sie sind sich nämlich deff:: klar bewußt, was Alles mit einer solchen Wahl zusammenhängt: t c Ehre und Würde der Gemeinde, deren kulturelles Leben, die religic-c Erziehung der Jugend. Halten Sie es für keinen „Sprung", wenn ich hier auch auf die „Aushilfsprediger für die hohen Festtage" zu sprechen komme; gir so unvermittelt ist dies denn doch nicht. Ihr geschätztes Blatt l u dieses Thema in den verschiedensten Variationen behandelt, pro u:!> contra. Meines Bedllnkens erledigt sich diese. Frage je nach der I >- teution, welche der betreffende Vorstand hegt, wenn er auf die Suche tui einem solchen Funktionär geht: will er einen Aushilfsprediger, der hi in den Tagen der Abrechnung und Buße „könnte lehren, die Mensch :: zu bessern und zu bekehren", oder einen, welcher „hohe Worte" :» machen versteht und äußerlich auch nach etwas gleichsieht. Je tr I) der einen oder anderen Absicht ist die Frage der „Aushilfspredchcr für die hohen Feiertage" zu begrüßen oder zu verwerfen. Es wc« wahrlich tieftraurig, wenn es mit den Aushilfspredigern so weit käinc, daß ein solcher, wie es in den letztverflossenen hohen Feiertagen geschehen ist, durch sein Pathos die Zuhörer zum Lachen bringt, wabekanntlich Mephisto für sein Theil perhorreszirt. Oder was toll dazu gesagt werden, wenn ein Aushilfsprediger, um einem netterlicl e» Fiasko, wie er glaubt, mit aller Sicherheit Vorbeuge» zu köni:c:>,