Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 50 (9.12.1892)
- Date
- 1892-12-09
- Page
- Seite 600 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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600 — N. Samuely: Kulturbilder aus dem jüdischen Leben in Galizien. Leipzig, 1892. Robert Friese. — Längst ist durch eine Reihe glänzender Werke die irrige Ansicht, als sei die galizische Gasse an seelischen Konflikten, an charakteristischen, poetisch verwerthbaren Typen ärmer als die böhmische, schlagend widerlegt Den Pfadsindern auf diesem Gebiete hat sich seither eine rührige Schaar strebsamer Jünger zugesellt, unter denen Nathan Samuely in erster Linie genannt 51t werden verdient. Wohl reicht er in Bezug auf StilgewandtheO, Farbenpracht der Schilderung und scharfe psychologische Motivirung nicht an sein berühmtes Vorbild heran, allein Eins hat er vor ihm voraus, die unbedingte, keinem Effekte zuliebe umgemodelte Wahrheit seiner Gestalten, die aus unmittelbarer, frischer Anschauung entspringende Naturtreue seiner Charaktere. Auch S. schildert Geschichten aus seiner Kindheit Tagen — ein altes Gebetbuch bildet hier in sinuiger Weise den Rahmen für seine Bilder — doch betrachtet er die „Gasse" nicht mit der kühlen Ueberlegenheit des vielgereisten Weltmannes, nicht mit jenem leisen Zuge von Ironie, der den Werken seiner Meister einen etwas herben Beigeschmack verleiht, denn er hat das Land, das er schildert, niemals verlassen, die Leute, die er darstellt, ununterbrochen vor Augen gehabt. Die Bilder sind naturgemäß von ungleichem Werthe. Den Preis möchten wir „dem Packenträger" zuerkennen, diesem unbewußten Apostel der Aufklärung, diesem Handlanger der Vorsehung, der den ersten Stein aus der chinesischen Mauer gehoben, mit der sich die galizische Judenheit umgeben hatte. Das „Esches Ehajil" (auf dessen gleichnamiges Pendant wir gern verzichtet hätten) bietet ein ansprechendes, liebevoll gezeichnetes weibliches Portrait dem Ghetto, während die „Vorstandswahl" und „Heirathen über Hals und Kops", recht hübsche Genre bildchen, den Humor in der Sammlung repräsentiren. Die ein wenig sozialpolitisch angehauchte Geschichte von den „zwei Nachbarn", dem breiten Reb Sender, dem dunkeln und dem schmalen Jekele, dem wirklichen Ehrenmanne, wie die treffliche Skizze „Sünder und Sünden" sind von tiefem sittlichem Ernste getragen. Erwähnenswerth wäre noch die Allegorie vom kleinen Jakob, der um keinen Preis von seiner alten Mutter lassen will, und dem es so übel bekommen, als er ein Weilchen den „Jacques" spielte. — Alles in "Allem eine anziehende und empfehlenswerte Lektüre. Eduard Münz. Dr. Walter Po hl mann: Das Judenthum und sein Recht, Neuwied 1893. Louis Hauser. Eine tüchtige Arbeit, die auch bereits Erfolg gehabt hat, da sie soeben in sechster Auflage erschienen. Der Verfasser vindizirt dem angegriffenen Judenthum sein gutes Recht und geht mit denen, die ihm dasselbe entziehen wollen, scharf ins Gericht. Seine Darlegungen sind sachlich, klar und meist auch zutreffend. Die Lektüre dieser Arbeit wäre Allen, namentlich den Antisemiten, bestens zu empfehlen. Diese könnten Manches daraus lernen. * Sprechsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! Gestalten Sie mir, daß ich, Bezug nehmend auf den Titel des Aufsatzes und die daran geknüpften Ausführungen des Herrn Dr. Cäsar Seligmann in Hamburg, Nr. 47 Ihres g. Bl., denen ich in allen Theilen beipflichte, eine von mir herausgegebene „Religionslehre der Thora" für Mittelschulen von Dr. A. Kurrein, Bielitz 1867, Verl. Schneeweiß, in Erinnerung bringe. Dieses Religionsbuch ist nach den von Dittes angeführten und von S. besprochenen Grundsätzen gearbeitet. Da sind die Lehrsätze und Definitionen weder vornoch nachgesetzt. Es sind nichts als Sätze und Erzählungen der Thora in wortgetreuer Uebersetzung an einander gereiht; nur der fett gedruckte Titel sagt dem Lehrer und den Schülern, um was es sich handelt, und Sache des Lehrers ist es, nachdem die Sätze durchgearbeitet, von dem Schüler die Religionslehre daraus folgern zu lassen. Zur Kontrole für Beide findet sich am Ende des Buches ein theoretischer Theil, aus 16 Seiten bestehend, der die ganze Religionslehre in wenigen Sätzen ausführt. Auf diesem Wege wird die ganze Religionslehre wie ein Anschauungsunterricht in Religionsbildern aus der Thora entwickelt, ja selbst gelegentlich wird immer in Fußnoten die ganze Liturgie und deren Verständniß ausgeführt. Die fleißige Benutzung dieses Buches von Seiten der Schüler, welche bei wöchentlich zweistündigem Religionsunterrichte mindestens 5—6 Jahre es in Händen haben, prägt dem Schüler, ohne viel auswendig lernen zu müssen, schon durch wiederholtes Lesen der Titel das ganze System der Religionstehre, anknüpfend an die Sätze d.w Thora, bleibend ein. Dieses Buch sollte, wie ich damals in de? Einleitung erklärte, der erste Versuch der Konzentration des hebräischen Bibelunterrichtes und cntd) des Bibelunterrichtes im Allgemeinen mit dem Religionsunterrichte sein. Während meiner 20jährigen Thätigkeit auf dem Gebiete des Religionsunterrichtes konnte ich mich niemals mit der allgemein, wenigstens bei uns hier in Oesterreich herrschenden Methode des Religionsunterrichtes befreunden, nach welchem so viel gelehrt und so wenig gelernt wird Es wird Grammatik und Philologie, biblische Geschichte und Geschichte, aber fast gar keine oder nur sehr wenig Religion gelehrt. Ich aber ließ mich immer von dem Grundgedanken leiten. Alles muß zur Religion nur Mittel sein, und in diesem Sinne machte ich den Anfang mit meiner Religionslehre und begrüße das neu bearbeitete Gebetbuch, das ich nur aus der Besprechung kenne, mit Freuden: ich wünsche ihm die weiteste Verbreitung Ich muß gestehen, daß ich von meinen Kollegen und Fachlnännern vielseitige Anerkennung für mein Buch erhielt, doch die Mehrzahl der Lehrer wünscht es nur für den eigenen Gebrauch, nicht für die Schüler, weil es der allgemeinen Gepflogenheit, die Thora nur nach der Ordnung der Kapitel zu übersetzen, nicht Rechnung trägt. Vielleicht lenkt die neuerdings angeregte und so dringend empfohlene Methode in jenem Gebetbuche die Aufmerksamkeit der Fachmänner auf die nach denselben Grundsätzen durchgeführte „Religionslehre der Thora". Genehmigen Sie den Ausdruck der Hochachtung, mit der ich bin Ihr ergebener Teplitz, den 28. November. Dr. Ad. Kurrein. d Geehrter Herr Redakteur! Noch immer herrscht der die Juden verleumdende Aberglaube, daß letztere es mit dem Schwur nicht genau nehmen; wieso kommt es, daß gerade die Juden sich jeden Schwures enthalten und lieber auf gerechte Rechte verzichten, bevor sie überhaupt schwören? Die Gegner könnten sich noch so manche Frage vorlegen, sie würden gar oft auf Widersprüche stoßen. Ist es in dem heutigen, sonst in Allem vorgeschrittenen Jahrhundert nicht möglich, sich als anständiger Mensch zu behaupten, ohne daß man gerade ausgesprochen der herrschenden Religion angehört? Und dann: ich denke ein Bekenntniß, das wahre Religion birgt, schreibt in erster Richtung Liebe und Verträglichkeit seinen Mitmenschen gegenüber vor, nicht aber Haß und Aufwiegelung. Berlin, 30. November. 0. O. Miscetlen. * Ein Versuch einer jüdischen Kolonisation auf Korsika. In einem Briefe Pasquale Paolis, des Befreiers der Insel Korsika von der sie hart bedrängenden Herrschaft Genuas, an den Grafen Rivarola (datirt vorn 26. Juni 1760) findet sich die folgende Stelle: „Wenn die Hebräer sich bei uns niederlaffen wollen, wird man für sie hier eine Naturalisationsanstalt errichten und ihnen Privilegien einräumeu, wonach sie sich nach ihren eigenen Gesetzen einrichten können Sprechen Sie über diese Angelegenheit mit einigen Rabbinern von Ansehen." (Vergl Bartoli, Histoire de Daseal Paoli ou im episode de l’histoire de 1:> Corse. Nonvelle edition S. 91. Bastia 1891.) Der Plan Paolis war wohl eine Folge der von ihm in Aussicht genommenen Einführung der allgemeinen Gewissens- und Religions freiheit, sein eigentlicher Grund lag jedoch in einer praktischen Erwägung. Der große Regenerator Korsikas war um das materielle Aufblühen seines heißgeliebten Vaterlandes ernstlich bemüht. Nur durch die Pflege des Gewerbefleißes und die Gründung eines selbständigen Handels war dies zu erreichen. Dem scharfen Blicke Paolis entging es nicht, daß du Heranziehung des jüdffchen Elements die sicherste Gewähr für das Ge lingen seiner Absichten biete, darum ersuchte er den Grafen Rivarola, er möge über diese Angelegenheit mit einflußreichen Rabbinern Rücksprache nehmen und sie dazu vermögen, daß sie in ihren Gemeinden für Paolic Plan Stimmung machen. Prof. Dr. Heinrich Block- Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.