Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 50 (9.12.1892)
- Date
- 1892-12-09
- Page
- Seite 599 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Matisjahu und seine Söhne, mit welchen Du es dort zu thun haben wirst, gehören nicht zu dem Schlage von Menschen, die auf diese Herausforderung schweigen werden, und die Antwort, die sie Dir darauf geben, könnte ernster und schwerwiegender ausfaüen, als Du es jetzt in Berechnung ziehst. Darum lasse ab von Deinem Vornehmen." „Aber, was wollt Ihr Beide! Ihr wisset, daß ein von mir gefaßter Entschluß durch nichts zum Wanken gebracht wird. Du bleibst »och hier, Ajriel?" fuhr hierauf Physkon fort, indem er ausstand. „Dann mußt Du mich schon entschuldigen, wenn ich mich jetzt entferne, ich habe noch einige Geschäfte zu erledigen, die keinen Aufschub dulden. Morgen Abend sehen wir uns nach meiner Rückkehr aus Modim wieder und ich hoffe, Dir dann sagen zu können, daß mein Austreten dort von besserem Erfolg gewesen, als wie Du mir zu verheißen beliebtest. Gute Nacht." „Mir bangt vor dem, was der Vater auszusiihren die Absicht hat. Eine düstere Ahnung beschleicht mein Herz und sagt mir. daß dieser Gang nach Modim ihm verhüngnißvoll werden ivird," sprach Helene, nachdem ihr Vater sich entfert, ihr schönes, edles, aber in \ diesem Augenblick von der Sorge angehauchtes Gesicht Asriel zuivendend. '! Die Herzen der Beiden gehörten bereits längst einander an. Sie j wurden einander, »eben den verwandtschaftlichen Verhältnis!, das! zwischen ihnen bestand, noch näher gebracht dadurch, daß sie zu gleicher ' Zeit von dem traurigen Schicksal der Verwaisung getroffen; in dem Zähre, als der Vater Asriels starb, verlor auch Helene ihre Mutter j durch den Tod. Ersterer kam bald darauf in das Haus seines Onkels ‘ und genoß mit seiner Kousiue eine gleiche Erziehung. Daraus ging j denn hervor, daß nicht blos ihre gemüthlichen Eigenschasten, eine ' sondern gewisse Gleichmäßigkeit erhielten, sondern auch ihre Urtheile, ' Meinungen und Ansichten in einer Weise mit einander korrejpondirten, wie es selbst mitunter bei Geschwistern nicht anzutreffen ist. Nur in i den religiösen Anschauungen gingen sie auseinander. Während Helene s von dem was sie in dieser Beziehung um sich sah und hörte, auf j den Standpunkt ihres Vaters hiugeleitet wurde und eine Verschmelzung der Juden mit den Griechen als das erwünschteste Ziel be-! trachtete, verharrte Asriel im treuen Verfolg bei der Glaubcnsrichtung, i welcher sein Vater augehörte, und sah in der Abwendung von derj selben nur das feige Vergehen der Fahnenflucht, de» frevelhaften j Verrath an der väterlichen Religion. - Beide, Asricl und Helene, sprachen sehr oft über dieses Thema j mit einander, aber doch immer so, daß sie dabei niemals aus den Grenzen der Sachlichkeit herauskamen oder gar in eine verletzende Tonart verfielen. Wie konnten sie auch dies? Es gab ja hundert andere Berührungspunkte, die sie mit einander verbanden, und nun erst gar jene beseligende Neigung für einander, die sich langsam nur und allmählich, aber um so intensiver in ihren Herzen entwickelte und sogar schon in das offene Geständniß übergegangen war. Was fragt auch die Liebe nach religiösen Prinzipien und deren Verschiedenheit! lieber diese hinweg webt sie ihre goldenen Fäden und verbindet Herzen und Seelen zum gemeinsamen Empfinden und Fühlen. „Auch ich kann mich der Unruhe nicht entschlagen über das, was in Modim geschehen kan»," erwiederte Asriel auf die bangen Aeußeruugen Heleneus, „allein Du kennst ja doch den Vater und hast es eben vernommen, wiefest er auf seiner Absicht besteht. Jedenfalls werde ich aber selbst, was ich sonst eigentlich gar nicht wollte, morgen in Modim sein. Vielleicht bi» ich im Staude, die Aufstellung des Zeusaltars zu verhindern und so das gefährliche Thun des Vaters unmöglich zu machen." „Ja, thue dies, Asriel, Du hast ja freundschaftliche Beziehungen zu Lysias, dem Halbbruder von Apelles, vielleicht macht dieserffeinen Einfluß dabei geltend. In jedem Falle werde ich Dich als Beschützer des Vaters dort wissen, was meine Sorge um diesen bedeutend verringern wird." — „Wenn ich morgen in Modim sein will, so bin ich geuöthigt, heute »och meine Vorkehrungen dafür zu treffen, weshalb ich mich jetzt, Helene, von Dir verabschieden muß. Gott halte Dich in seinem Schutz," sprach er, ihr seine Hand reichend. „Und laß auch Dich von seinen Engeln geleiten," erwiederte sie, indem sie mit ihren kleinen weißen Händen die seinigen umfaßte. Eine Viertelstunde darauf sehen wir Asriel durch die verödeten Straßen der Vorstadt zuschreiten und im Dunkel der Nacht verschwinden. (Forts, folgt.) Fitterarische Mittheilrmgen. — Homiletische Winke von Dr. Ad. Jellinek. Es dürfte wohl noch Niemand das Vergnügen gehabt haben, mit Dr. Jellinek ein Stündchen zu sprechen, ohne eine Menge werthvoller Anregungen, geistvoller Gedanken von ihm mitzunehmen. Mich führte der Zufall auf einige Tage nach Wien und oas Gefühl der Verehrung führte mich zu Jellinek. Nach so mancherlei Zeitungsnachrichten erwarteteich einen altersschwachen Greis anzutreffen; wie war ich so angenehm enttäuscht, ihn so rührig Amtsgeschäfte erledigen zu sehen. Drei Sekretäre standen mit umfangreichen Aktenbündeln neben ihm, Blatt um Blatt wurde durchgesehen, Unterschriften geleistet, Anordnungen getroffen, alte Eheleute wurden „nachträglich" gesetzlich getraut und also ihre vor 23 Jahren geschloffene Ehe legitimirt, russischen Auswanderern die nöthige Anweisung ertheilt, Studenten Stipendien bewilligt, Preßburger Bachurim mit prickelndem Witz abgefertigt, und zwischendrein immer ein freundliches Wort an mich mit der Bitte, noch ein wenig zu gedulden. Endlich hatte sich der Schwarm verlaufen, nun kam ich an die Reihe. Ich suchte die Unterhaltung auf die Homiletik zu lenken. Manch kluges Wort fiel da über neuere homiletische Werke. — Im Laufe dee Unterhaltung stellte Jellinek nachfolgende Theorien für die jüdische Kanzelrede auf: 1. Unser Redner soll den Text seiner Predigt aus der Bibel vorlesen. 2. Langathmige Einleitungen finb zu vermeiden, weil man sonst die Aufmerksamkeit der Hörer von Anfang an gewaltsam unterdrückt. 3. Aus wie viel Theilen eine Predigt zu bestehen habe, darüber giebt es keine Vorschriften, darf es keine geben. Nur keine Schablonen- Arb eit! 4. Das Salz einer Predigt muß Midrasch und Talmud sein. Wer aus dieser Goldgrube nichts für seine Predigt holen kann, hat höchstens einen guten deutschen Aufsatz vorgetragen, nicht aber eine jüdische Predigt. 5. Die Gestik bei der Rede kann nicht empfohlen und darf nicht verboten werden. Die Rede muß lebendig werden durch die Kunst des Vortrages und unterstützt durch die Handbewegungen. Am Tage darauf — es war der Sabbath Paraschath Tahlott — hörte ich Jellinek predigen. Ich werde die Predigt im Leben nicht vergessen! Da trat jeder Gedanke — und es waren deren viele und höchst originelle in dieser einen Predigt — geradezu plastisch hervor, jedes Wort lebte, jeder Satz ein Ganzes, eine ganze Wahrheit. Und die ganze Predigt? Ein Kunstwerk? Nein, eine Prophetenrede war's! Ich fand es sehr begreiflich, daß man diesem gottbegnadeten.Redner, als er von der Kanzel herabtrat, die Hand küßte. Dr. K.n.