Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 50 (9.12.1892)
- Date
- 1892-12-09
- Page
- Seite 598 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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598 Indem wir das höchst komfortabel ansgcstattetc Zimmer, das sich uns erschließt, betreten, begegnen wir zuerst dem Hausherrn selbst, der nachlässig auf einem Divan hingestreckt, mit einem ihm gegenüber sitzenden jungen Mann ini Gespräche begriffen ist. Pbyskon zählt ungefähr 55—60 Jahre. Er besitzt nur einen spärlichen Haarwuchs, ein blasses Gesicht, aber lebhaft sich bewegende Blicke; er gestikulirt viel und stark, und man konnte fast sagen, daß er mehr mit den Händen, als mit dem Munde sprach. Sein Gegenüber ist in dieser Beziehung das gerade Gegentheil von ihm. Asriel, der Neffe Physkons, ist von ruhiger, gemessener Haltung sein Alter war das der mittleren Zwanziger. Bon hohem, schlankein Wuchs und strotzender Jugendkraft, vermissen tvir dennoch in seinem Blicke das sprühende Feuer, das wir sonst bei dem jüngeren Alter anznl'rcfsen pflegen; wir finden bei ihm mehr den sinnreichen Geist vor, wie er sich auf Stirn und Augen lagert. In einiger Entfernung von ihm saß die Tochter Physkons, seine Kousine. Wir sehen sie als zwanzigjährige Jungfrau mit allen Vorzügen der Jugend bedacht, mit dcm seinen Gesichtsschnilt, wie ihn nur die Griechin aufweist; jeder einzelne ihrer Züge bekundet Intelligenz und Gcistessrische. Sie sitzt ruhig und schweigsam da, und nur ihre Blicke, die sie abwechselnd den beiden Sprechenden znwcudet, geben Zeugniß davon, daß sie sich nicht theilnahmslos dcm behandelten Gegenstände gegenüber befinde. „Nun sag doch einmal, Asriel," nahm jetzt Physkon das Wort „sag doch einmal, ob unser Judcuthum in seiner jetzigen Verknöcherung noch eine Zukunft vor sich habe, vor sich haben könne, ob es nicht rathsam für dessen Bekenner sei, ihre geistigen und materiellen Kräfte hinüber zu tragen nach einer Religion, der Alles innclvohnt, das den Menschen stark, groß und edel machen kann." „Verknöcherung in unserem Judenthum? Ich finde sie eben darin nicht vor, ich schaue Geist und Bewegung in ihm, freilich ohne Geräusch und blendenden Flitter, wie es die Religion so sehr thut, welche Dn mir als Musteranslalt der Mcnschenerziehung hiuzustellen beliebst. Selbst der Formendieust, an dem Tu so gern Deinen Spott übst spricht und wirkt gegen die Verknöcherung; er giebt Anregung zum Denken, er synrbolisirt, um dem Geiste einen festen Boden zu geben, daß er sich nicht im ungehemmten Ausfluge in die Unendlichkeit verliere. Die Religion der Jude» lehrt das Vorhandensein eines einigen, reingeistigen Gottes; die Religion der Griechen zersplittert den Gottesbegriff und löst ihn ans in eine Menge vermenschlichter Götterwesen. Mußt Du das nicht zugestehen und einräuinen, daß in dieser Beziehung der Judaismus viel höher als der Hellenismus steht?" „Einrünnieu? Ich räume nichts ein, ich urtheile nur nach dem, was ich vor mir sehe und was das Leben mir als vorlheilhaft und bildungfördernd bietet. Aber Du, Asriel, — habe ich Dich darum die höhercir Bildungsstätten besuchen lasse» und nichts gescheut, Deinen Geist auf die Höhe der Zeit zu bringen, daß Du mir he ute mit solchen Anschauungen entgegen treten sollst?" „Deine Absicht war gut, Onkel, und mein Dank, meine Erkenntlichkeit für die mir zugewendete Fürsorge sollen sicher nicht ausbleiben; allein, wenn ich sagen sollte, daß die von mir erworbenen weltlichen Kenntnisse und die griechische Bildung die Liebe zu der mir angeborenen Religion, die Werthschätzung des Judenthums geschmälert hätten, so müßte ich lügen." „lind das sagst Du mir, Asriel, dem ich jene glänzenden Aussichten ans Rang und Würden am syrischen Hofe verschaffte, die nur erreicht und besessen tverden können bei der vollen Hingebung an die dort ivaltenden Religionsprinzipien und in der wahren Begeisterung; für griechische Sitten und griechisches Wesen? Sage mir doch, wie j Du aussehen würdest als Intendant der olympischen Spiele mit dem Sinne und der Sehnsucht nach jüdischen Ritualien, die den Unsinn und die Ungereimtheit an der Stirn tragen." „Nicht doch, Onkel, diese Ritualien haben etwas Pietätvolles für mich, mein Vater übte sie auch, — wie, wollte ich klüger als derselbe erscheinen?" „Dein Vater" — erwiederte mit einem gcwiffen Tone der Verachtung und des Hohnes Jener — „Dein Vater war von jeher ein Stück Unglück für unsere Familie; mit seiner Betsucht und Frömmelei, mit seiner Vorliebe für Synagoge und Lehrhaus hat er jedes thatkräftige Leben eingebüßt und meiner Schwester eine Existenz bereitet —" „Halte ein Onkel, mit der Verunglimpfung desjenigen, dessen Andenken mir immer hoch und heilig bleibe, störe die Ruhe meines Vaters in dem nur zu frühen Grabe nicht. Ich fühle mich jetzt bereits glücklich in dcm geistigen Gute, das ich von meinem Vater an edlen Lehren und Grundsätzen empfangen, aber ich stehe erst am Beginn der Bahn, auf welcher mich die hellenische Wissenschaft zu einem glücklichen Ziele führen soll. Ich achte und schätze beides hoch — aber ist es wohl nöthig, daß ich dem Einen auf dem Grabe des Andern Triumphsäulen errichte? Mir steht das Judenthum sehr hoch, und ich habe die Ueberzeugung, daß der Menschheit aus seinem Boden noch Früchte erblühen werden, von welche wir heute keine Ahnung haben." — „Stille, stille, mit dieser Verherrlichung einer Religion, die ihren Bekennern bis jetzt nur Fußtritte eingetragen hat. Brechen wir ab von diesem Thema. — „Weißt Du auch, Asriel, daß Apelles heute bei mir war?" „Das ist mir unbekannt." „Ja, er hat mich mit seiner Gegenwart beehrt, und Dn weißt, was es heißt, wenn ein solcher Mann das Haus eines Juden betritt. Das sollte man in der That nicht hoch genug anschlagen. Der hohe Herr ist von hier nach Modim gegangen, er ist vom Könige mit Vollmachten versehen, die Juden sammt und sonders mit oder gegen deren Willen der Landesreligion znzubringen." „Nach Modim ging er? Nun, dort wohnt ja doch der Matisahu, der ihm zu dienen wissen wird, dahin wird er wohl die Kosten der Reise umsonst gemacht haben." „Ja, dort ist das Nest der Dunkelmänner, dort sind sie noch in der Ueberzahl — und dieser Matisjahu —" „Mir ist er ein Ehrenmann, ein Fels wahrer Glaubenstreue." „Dir, — aber es giebt Leute, die anders von ihm denken, die in ihm das störende, verderbliche Hinderniß für Aufklärung und Bildung im Volke erblicken. Er hat in Modim einen großen Anhang, das ist wahr, aber warum? weil dort bis jetzt noch Niemand gewagt hat, seine freieren Anschauungen zu bekennen, weil es noch Niemand unternommen, die Leute eines Bessern zu belehren. Doch ich, ich werde morgen dort sein, ich habe es dem Apelles versprochen. Ich halte mich nicht blos dafür berufen, sondern sogar dazu verpflichtet, die Jrregehenden durch eine energische That ans den rechten Weg zu führen, auf den Weg der Verbesserung ihres Schicksals unter den Völkern; ich werde derjenige sein, der dort dem Zeus das ihm gebührende Opfer darbringt." „Das solltest Du nicht thum, nein," betheiligte sich Physkons Tochter jetzt auch an dem stattgehabteu Zwiegespräch, „das solltest Dn nicht thu», Vater; es liegt kein Verdienst darin, Andersdenkende in ihrer Ueberzeugung zu kränken." „Andersdenkende in ihrer Ueberzeugung zu kränke»! Aber glaubst Du denn, daß jene dort eine Ueberzeugung überhaupt haben, daß