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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-12-09 · Heft 50 (9.12.1892) · p. Seite 597

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 50 (9.12.1892)
Date
1892-12-09
Page
Seite 597 (sequence 9)
Language
German
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Sie ging, um eine bescheidene Wohnung zu beziehen, die sie in der damals ganz öden Ziegelstraße gemiethet hatte. Die Frau des reichen Banquiers mußte sich mit einem Chambre-garnie-Stübchen in jener verlassenen Gegend begnügen, da sie nur die sehr geringe väterliche Mitgift von ihrem früheren Gatten angenommen hatte. Statt des früheren Luxus umgab sie eine fast ärmliche Einrichtung, verwaschene Gardinen, gebrechliche Möbel machten jetzt ihren Hausrath aus; ihre ganze Bedienung bestand in einer alten Frau, welche nur des Morgens kam, um die nöthigen Handleistungen zu verrichten. Gewöhnt an ein geordnetes Hauswesen, an eine behagliche bürgerliche Existenz, mußte ihr diese dürftige Studentenwirthschaft doppelt traurig Vorkommen; aber ihr starker Geist bot der sie umgebenden Armseligkeit Trotz und sie konnte selbst zuweilen über ihre jetzige Lage lächeln. Weit schmerzlicher wurde sie von dem Umstande berührt, daß sich ihre früheren Bekannten und Freunde jetzt bis auf wenige Ausnahmen von ihr zurückzogen und sie zu meiden schienen. Wie es gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten zu geschehen Pflegt, mißbilligten jetzt dieselben Leute, welche ihr Verhältniß zu Schlegel bereits gekannt und stillschweigend geduldet, sogar als ein interessantes Ereigniß befördert hatten, laut und öffentlich ihr Betragen. Sie hätten ihr einen kleinen Liebeshandel gewiß nachgesehe», aber daß sie ihrer Liebe eine so glänzende Stellung, ihren Reichthum, ihr ganzes Lebensglück geopfert hatte, erschien den Meisten unverzeihlich. Jetzt erst schrieen sie über Unsittlichkeit, über Rücksichtslosigkeit und spielten die moralisch Entrüsteten. Selbst die Besseren aus der Gesellschaft brachen allen Umgang mit ihr ab, da sie doch unmöglich mit einer geschiedenen Frau verkehren konnte», die noch dazu Chambregarnie wohnte und ihren Geliebten bei sich sah. Nur die Hofräthin Herz und Schleiermacher setzten sich über das Urtheil hinweg und besuchten die Freundin in ihrer Einsamkeit. Die Stunden, welche sie in ihrer Gesellschaft und in Schlegels Nähe zubrachte, entschädigten sie jedoch hinlänglich für die Meinung der Welt. Während Dorothea den Thee bereitete, unterstützt von der schönen Hofräthin Herz, wetteiferten die Männer in bedeutenden Gesprächen, in einer Unterhaltung, die so leicht nicht wiederkehren sollte. Von Liebe und Begeisterung getragen, entfaltete Schlegel sein reiches Talent und riß selbst den bedächtigen Schleiermacher mit sich fort. Wie ein mächtiger Zauberer beschwor er bald die Geister eines Plato und Sophokles, eine untergegangene Welt voll Schönheit und Poesie, bald führte er seine Zuhörer in das Feuerreich der mittelalterlichen Romantik; er ließ die gothischen Dome vor ihren Blicken emporsteigen und belebte sie mit den gewaltigen Erscheinungen der Nibelungen, mit frommem Orgelklang und süßem Minnelied. Andächtig lauschten die Frauen und mischten ihre anmuthigen Fragen und Bemerkungen in das ernste Männerwort, wie Blumen von zarter Hand in den brausenden Strom geworfen. Ein neues Leben begann jetzt für die liebende Dorothea, ihr Horizont erweiterte sich, an der Hand eines theuren Mannes erschloß sich ihr das weite unermeßliche Reich des Wissens. Ihre Sehnsucht war gestillt und sie hielt sich selbst für glücklich; alle ihre Ahnungen waren in Erfüllung gegangen; sie glaubte, daß ihr kein Wunsch mehr übrig, blieb. Es war ihr, als hätte sie sich nun erst selbst kennen gelernt und sich wiedergefniiden. Wie unter dem Einfluß der belebenden Sonne entwickelten sich in ihrer Seele tausend nie geahnte Keime, so daß die Freunde selbst von diesem plötzlichen Hervorbrechen ihrer genialen Natur überrascht wurden. Oft sprach sie wie im magnetischen Schlafe unbewußt das Höchste aus und löste mit einem gewichtigen Wort die schwierigsten Fragen. Der alte Prophetengeist ihres Volkes schien über sie gekommen zu sein, und wenn sie so dasaß mit funkelnden Augen und glühenden Wangen, glich sie wohl einer jener Sibyllen des Orients. Selbst die ärmliche Umgebung störte diesen Eindruck nicht, sie diente nur zur Folie dieser seltenen Vereinigung, welche hier Begeisterung und Schönheit, männliches Wissen und weibliche Anmuth in der öden Ziegelstraße und in dem nüchternen Berlin feierten. (Forts, folgt.) U Ssriel. Eine Episode aus den Makkabäerkämpfen. Bon Moritz Scherbel. L Der Leser folge uns weit, weit zurück in der Zeit bis zum Jahre 108 vor der gewöhnlichen Zeitrechnung, fort, weit fort von unserer deutschen Heimath, hin nach dem kleinen Lande Judäa und der Stadt Jerusalem. Sie gleicht in dem Augenblicke, wo wir sie jetzt betreten, einem Trümmerhaufen. Der syrische Machthaber Antiochus Epiphanes hatte seinen Feldherrn Apollonius hingeschickt, der die nichtsahnenden Bewohner an einem Sabbath überfallen, und was nicht seinem Schwerte erlag, wurde gefangen genommen und als Sklave verkauft. Die schönsten Gebäude Jerusalems warm dem Vandalismus der syrischen Soldaten zum Opfer gefallen; überall sah man zerstörte, verbrannte Häuser. Das war das Werk der Hellenisten unter den Juden, einer Partei, die mit dem griechischen Wesen, das sie angenommen, auch dem griechischen Heidenthum auf Kosten der eigenen Religion huldigte. An ihrer Spitze stand der damalige Hohepriester Menelaos. Er war es, der Antiochus den Gedanken eingegeben, den Widerstand der gesctzestreuen Juden in dieser Weise zu brechen und durch die Gewalt der Waffe sie zur Annahme der heidnischen Religion zu zwingen, wo die Macht der Ueberredung es nicht vermochte. Wie gesagt, die Hauptstadt von Judäa glich einem Trümmerhaufen. Nur um die Burg Akra herum, welche eine syrische Besatzung aufzunehmen gezwungen worden war, lagen wenige wohlgebaute Häuser, denen sicherlich auf höheren Befehl Schonung zu Theil geworden war; und in eins derselben, im griechischen Baustil errichtet, treten wir ein. Während uns nun draußen das grelle Bild der Zerstörung entgegen gestarrt, noch unheimlicher durch die Nacht, die sich über die so schwer heimgesuchte Stadt ausbreitet, dringt uns, indem wir die Schwelle dieses Hauses überschreiten, ein heller Lichtstrom entgegen, zeigt uns die Menge der Diener, denen wir begegnen, die in diesen Näumen obwaltende Vornehmheit, und berichtet uns die Eleganz der Einrichtung, die wir vorfinden, von der glänzenden Stellung, welche der Eigenthümer dieses Besitzthums wohl einnehmen mußte. Und in der That konnte Physkon, den wir als solchen nennen, als die rechte Hand Menelaos bezeichnet werden, er war ein durchaus eifriger Beförderer der griechischen Sitten und deren religiösen Anschauungen unter den Juden, was ebensowohl seine Wohlhabenheit zu mehren, als sein Ansehen zu heben geeignet war.

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