Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 50 (9.12.1892)
- Date
- 1892-12-09
- Page
- Seite 596 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227931-3227982--49336-3270023- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
596 diese soziale Institution der Freilassung im siebenten Jahre das Sklavenwescn dem Einheimischen, dem Volks- und Staatsgenossen gegenüber, streng genommen, aufgehoben und in eine sechsjährige Dienstzeit umgewandelt, so geboten andere Gesetze, auch dem fremden, heidnischen Sklaven gegenüber milde und rücksichtsvolle Behandlung. „Du sollst nicht aiisliefern," lautet eine Anordnung, „den flüchtigen Sklaven an seinen Herrn, der sich zll dir rettet vor seinem Herrn. Bei dir soll er bleiben, in deiner Mitte, an einem Orte, den er erwählt, in einem deiner Thore, wo es ihm gefällt. Du darfst ihn nicht kränken." st Nach einem andere» Gesetze erlangt der Sklave wenn ihm seitens seines Herrn durch körperliche Züchtigung eine Verletzung beigcbracht loorden, die Freiheit wieder.2) 9 FEUILLETON Me Tochter des Philosophen. Eine Erzählung von Max Ring. (Fortsetzung.) Wurden doch Männer wie Schieiermacher von dieser neuen und überraschenden Krast hingerissen, geschweige eine Frau lvie Dorothea Veit, die plötzlich ihr Ideal hier verwirklicht sah. Welch ein Abstand zwischen dem von seinen Zahlen und Geschäften eingenommenen Banquier und diesem von den erhabensten Ideen erfüllten Dichter, der aller Schranken spottete und eine neue Welt der ungebundenen Genialität der fessellosen Freiheit für die Auserlvählten erschloß! Selbst die trunkene Sinnlichkeit, welche er offen zur Schau trug, erfüllte Dorothea nicht mit Mißtrauen, sondern war nur ein neuer Reiz, da der gewandte Redner den golddurchwebten Schleier seiner! Poesie über die materiellen Anschauungen zu breiten wußte. Eine Fülle überraschender Gedanken und Ideen stand ihm zu Gebote, griechischer Schönheitssinn und katholische Mystik, klassische Bildung und romantische Poesie verschmolzen in ihm zll einem wunderbaren Genrisch und verliehen ihm den Anstrich einer Alles bewältigenden Universalität. Bald sprach er mit dem Dithyrambenschwunge eines Pindar, bald mit der Weihe eines christlichen Jüngers und Apostels. Die Macht seiner Persönlichkeit ließ seine Zuhörer leicht übersehen, daß sein Wille größer war als seine Kraft, daß sein Geist mehr lveiblich anfnehmend als männlich schaffend sich verhielt, daß ihui die Ausdauer und Beharrlichkeit fehlte, um eine neue, Epoche machende Lehre zu begründen. Trotz seiner Begabung blieb Friedrich Schlegel! nur ein sekundäres Talent, kein lirsprüngliches Genie, wenn auch sein j bedeutender Einfluß auf die Litteratur sich nicht leugnen läßt. Diese! glänzenden Eigeilschaften waren mit einem leicht beweglichen und entzündbaren Charakter verblinden, dessen schnell auflodernde Gluth nur wenig wahre und innere Wärme gab. Seine lebhafte Phantasie täuschte ihn selbst und Andere über die Stärke seiner Empflndungen, in der Liebe wie in der Freundschaft gab er sich dem Augenblicke! hin, ohne die allein für die Zukunft bürgende Festigkeit zu besitzen, j Derartige Männer sind den Frauen stets gefährlich, um so gefähr-! licher, je geistreicher sie selbst sind. Dorothea, welche bisher noch für! keinen Mann Liebe empfunden, wurde sogleich von ihm gefesselt, von; diesem in hundert bunten Farben schillernden Talent bezaubert. End-! lich glaubte sie das Ziel ihrer Sehnsucht, das Ideal ihrer Mädchen-! träume gefunden zu haben. In seiner Nähe vergaß sie Alles, den! gutmüthigen, aber ihr unbedeutend vorkouunenden Gatten, die ') 5. B. Mos. 23, 16, 17. 2) 2. B. Mos. 21, 26, 27. i eigenen Knaben, sich selbst und die ganze Welt. Sie lauschte m: stiller Andacht seinen Worten, die ihr wie eine neue Offenbarun > klangen, sie zeigte das innerste Berständniß für seine Gedanken un, nahm trotz ihres scharfen Verstandes seine gewagten Paradoxen m! Begeisterung auf. Ihre Bewunderung konnte ihm nicht entgehen un > schmeichelte seiner Eitelkeit. Auch Schlegel fühlte sich zu der klugei. strebenden Jüdin hingezogen, aus deren glänzenden Blicken ihm kei l gewöhnlicher Geist und so viel Verehrung für seine Person entgegen strahlte. Beide näherten sich an diesem Abend und knüpften de > geheimnißvollen Bund der Seelen für immer. In jener Zeit einer eben erst aufblühenden Litteratur hatte ju eine Art von Freimaurerei unter den Gleichgesinnten gebildet. D Eingeweihten verkehrten mit einander in freundschaftlichster Weis Männer und Frauen, welche dazu gehörten, ließen jede Schranke de alltägliche» Lebens schwinden und setzten sich über alle gewöhnliche Vorurtheile fort. Die Mitglieder dieser Kreise, gleichviel ob sie de! - männlichen oder weiblichen Geschlechte angehörten, dutzten sich nnte einander und verbannten jede sonst beobachtete Form als lächerlich Philisterei. Man tauschte seine Gefühle unumwunden aus: die schöne Seelen" fanden sich und häufig folgten auch die Körper nach. Der artige Verhältnisse erregten damals durchaus keinen Anstoß und wen sich eine heftigere Leidenschaft als die bloße Freundschaft daraus e»' wickelte, so nahmen die Eingeweihten kein Aergerniß daran, sonder zeigten die innigste Theilnahme. Mit dem größten Interesse wurk ein solcher Roman aus dem Leben verfolgt, besprochen und oft vo > den Freunden befördert und gerühmt, wenn auch die bürgerliche Morc. damit nicht immer einverstanden war. Man hatte den Grunl satz aufgestellt, daß der wahren Liebe Alles erlaubt sei und d Genialität Vieles entschuldige. Ein subjektives Mißbehagen, da bloße Gefühl des Unbefriedigtseins reichte damals hin, alle Bant zu lösen, und zahllose Ehescheidungen gehörten zur Mode des Tage, War auch Dorothea von einer solch frivolen Anschauung ihre Pflichten freizusprechen, so übte doch der Ton der ihr. befreundete Kreise unwillkürlich einen großen Einfluß auf ihre eigene Eutschließuu; aus. Seit jenem Abende traf sie noch öfters mit Schlegel zusammei und bald entspann sich, begünstigt von diesen Umständen, ein gegen seitig leidenschaftliches Verhältniß. Sie war eine zu edle Natur, un ihren Gatten zu hintergehen, selbst in ihren Verirrungen konnte s die Offenheit ihres Charakters nicht verleugnen. Sie sah dje Nott Wendigkeit einer Trennung ein, aber es fehlte ihr der Muth, de - nichts ahnenden Veit mit diesem Entschlüsse bekannt zu machen. T; erbot sich die Hofräthin Herz, welche die Vertraute ihrer Liebe war diesen nothwendigen Schritt zu thun. Der gutmüthige Mann wo wie vom Blitz getroffen; das hatte er nicht erwartet. Sein Schmer >var eben so tief als wahr, aber auch in diesem traurigen Momei; zeigte er eine Seelengröße, die alle Genialität wohl aufzuwiegen i>; Stande war. Kein Vorwurf, keine Beschuldigung entschlüpfte seine Lippen, nur die kaum zurückgedrängteu Thränen verriethen, daß d> Schlag sein Innerstes getroffen. Hätte Dorothea seine bleichen Züg das schmerzliche Zusammenzucken des Armen in diesem Augenbli gesehen, so wäre sie vielleicht noch zu ihrer Pflicht zurückgekehrt. Naä dem er sich so weit gefaßt, um die Gründe der Hofräthin ruh anzuhören, willigte er seufzend in die Scheidung. Dorothea war frei, aber sie hatte diese Freiheit um einen theure, Preis erkauft; mit blutendem Herzen riß sie sich von ihren Kinder: los, die sie dem Vater überlassen mußte. Bei der Trennung vo: den Knaben drohte ihr das Herz zu brechen; sie fühlte sich ein , Ohnmacht nahe. „Darf ich meine Kinder Wiedersehen?" fragte sie unter eine : Thränenstrom.