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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-12-09 · Heft 50 (9.12.1892) · p. Seite 592

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 50 (9.12.1892)
Date
1892-12-09
Page
Seite 592 (sequence 4)
Language
German
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592 element jedenfalls emigrationsfahiger sind als das an die Scholle gebundene Bauernvolk. Man wird deshalb kaum übertreiben, wenn man die wahrscheinliche Gesamnüzahl der jüdischen Emigranten in den Jahren 1880—1890 — 20,000 annimmt. Soweit die erwähnte Zeitschrift. Man wird jedenfalls aus dieser, allerdings etwas willkürlichen Darstellung die Ueberzeugung gewinnen, daß unter der jüdischen Bevölkerung Galiziens eine nicht geringe Wanderlust berrscht. Und es wird gut sein, wenn man an berufener Stelle die Konsequenzen aus dieser Ueberzeugung ziehen wird. Demselben Blatt entnehme ich auch eine Notiz über Leopold Caro, der über seine traurige Heldeuthat Reue zu empfinden scheint. Er erklärt nämlich unaufgefordert noch einmal seinen Standpunkt in einem Brief an das genannte Blatt und rechtfertigt besonders, warum er seinen bekannten Aufsatz in den „Grenzboten" drucken ließ. Herr Caro schreibt unter Anderem: „Man wirft mir vor, ich hätte meine Arbeit einer antisemitischen Leitung zur Verfügung gestellt. Ich erkläre hiermit, daß die „Grenzboten" weder jetzt antisemitische Tendenzen verfolgen, noch je eine solche Richtung hatten. Diese Zeitschrift hat drei jüdische Mitarbeiter für 9itteraturgeschichte, Aesthetik und Philosophie; ihre Tendenz ist die konservative, welche sich in der sozialen Frage gegen die Richtung des .,l;iis?ser-faire“ mit ihrer Spitze wendet. Vor einigen Monaten erschien in dieser Zeitschrift ein ausgezeichneter Aufsatz, betitelt: „Der Antisemitismus in Hessen", welcher die antisemitische Bewegung auf das Schärfste verurtheilt." So rechtfertigt sich Leopold Caro. Ob auch überzeugend? Uns scheint, daß wenn Jemand wirklich bona fide die Judenfrage diskutiren will, er doch einen geeigneteren Boden finden könnte, als es die „Grenzboten" sind. Man denkt da unwillkürlich an das alte Bolkswort: Gleiches zu Gleichem gesellt sich gern. U Ordert. Das Wort vom Recht auf Arbeit ist »ns heute so geläufig, daß man de» lebhaften Wunsch nicht unterdrücke» kann, cs möchte Allen im Lande so in Fleisch und Blut übergehen und die Verhältnisse sich derartig gestalten, daß Jeder, der arbeiten kann, auch beschäftigt werde. Nach dem Gesetz ist auch den Juden endlich das Recht zugestanden worden, an der Arbeit theilzunehmen, lind damit der Anfang gemacht, ein Jahrhunderte altes Unrecht zu sühnen. Ich habe vor Jahren einmal eine Schrift von Martin Luther ,gelesen, „daß Jesus Christus ein geborener Jude sei", und was er darin vom Mitarbeiten der Juden sagt, schien mir so bemerkenswerth, daß cs sich meinem Gedächtniß tief eingeprägt hat. Nachdem er im Anfänge dieser Schrift darüber gescholten, daß man die Juden schlecht behandle, sie schelte und ihnen ihr Gut nehme, sagt er zuui Schluß unter Anderem: „Ferner, daß inan ihnen verbietet, unter uns zu arbeite», zu hantiren und andere menschliche Gemeinschaft zu haben, womit man sie zum Wuchern treibt: wie sollte sie das bessern?" Und dann empfiehlt er, die Juden „mitwerben und Mitarbeiten zu lassen". Als Luther dieses schrieb, war er 40 Jahre alt; es war also leine jugendliche Schwärmerei mehr, sondern eine aus genügender Kenntniß und reiflicher Ueberlegung gewonnene Ueberzeugung. Darum verliert es nicht an Bedeutung, wenn Luther später eine andere Ansicht ausspricht; er hat auch in anderen Sachen sein Urtheil geändert. Aehnlich wie Luther hat sich übrigens iit neuerer Zeit ein anderer großer Mann geäußert. Moltke nämlich sagt: „Mau hat cs überall leichter gefunden, die Juden zu verbrennen, als gute Bürger aus! ihnen zu machen" (liebet Polen; abgedruckt in der Zeitschrift „Bo n Fels zum Meer", Oktober 1884). Der freundliche Leser werde nicht ungeduldig ob meiner Ab schweifung, aber wes das Herz voll ist, des geht der Mund übe : Welcher rechtschaffene Israelit kann heute von Arbeit reden, ohi c chmerzlich daran erinnert zu werden, daß man uns so lange vo i ihr fern gehalten hat? Schmerzlich, denn wir haben nicht nur da: Recht auf Arbeit, wie jeder Bürger, sondern wir sind durch unsere Religion zur Arbeit verpflichtet. Jnr Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Broc essen, bis du wieder zur Erde zurückkehrst, denn von ihr bist d > genommen (1. B. M. 3,10). Wenn du deiner Hände Arbeit genießes, Heil dir, du hast es gut (Ps. 128, 2). Hasse nicht beschwerliche Arbei. noch den vom Höchsten eingesetzten Ackerbau (Sirach 7, 15). Unti der Arbeit ist aber vor Allem auch Ackerbau r»rd Handwerk verstände,. Die Hauptfeste der Israeliten, das Passah, zur Zeit des Aehre, - monats, Pfingsten, das Fest der Erstlinge der Weizenernte, und da- Laubhüttenfest, „wenn ihr den Ertrag des Landes einsammelt", stehe im Zusammenhang mit dem Ackerbau. Ein großer Theil der Geset. gebung Mosis hat ja den Ackerbau zur Voraussetzung. Sobald ab, die Juden keinen Grundbesitz mehr haben durften, hörte die Beschä tigung mit dem Ackerbau natürlich auf. Was das Handwerk anlangt, so ist selbstverständlich, daß es vo den Israeliten betrieben wurde, so lange diese in ihrem Lande wohnte. Aber auch nachher blieb es allzeit in hohen Ehren. Im Talmud heis es: „R. Mci'r sagt: Es gicbt kein Handwerk, welches entbehrlich wäre; aber wehe dem, der seine Eltern bei einem Handwerk sieh dem ein Makel anhaftet." Und weiter: „Was soll der Mensch thun Er lehre seinem Sohn ein reines Gewerbe und bete und flehe uv Erbarmen zu dem, welchem aller Reichthum gehört, denn jedes Hand werk hat Arme und Reiche, es kommt alles auf das Verdienst au (Mischna, Kidd., Ende). „Sieben Jahre war Hungersnoth, aber an der Thür des Hand Werkers kam sie nicht vorüber „(Synh. 29a). „Wer es verabsäum seinem Sohn ein Gewerbe lernen zu lassen, der erzieht ihn gleichst» zum Räuber" (Kidd. 29a). — Ueberhaupt wird die Arbeit, sie s> welcher Art sie wolle, mit Vorliebe und Nachdruck empfohlen. „We sich von seiner Hände Arbeit ernährt, übertrifft denjenigen, den ma> gewöhnlich gottesfürchtig nennt" (Ber. 8a.). „Die Arbeit ist hoch j: achten, denn sie ehrt den Mann" (Ned. 49b.) „Verrichte, wenn t sein muß, die geringste Arbeit auf der freien Straße, und nimm de Lohn dafür; sage nicht: Ich bin ein Priester, ich bin ein große Mann, die Sache ist mir zuwider" (Pes. 113a.). Was helfen aber Alle diese schönen Vorschriften und Mahnunge, dem, der nicht arbeiten darf? Sie erfüllen ihn mit Wehmuth, bi er sich endlich in den Willen Gottes fügt und von diesem Besserum seiner Lage erhofft. Das ist jüdischer Optimismus — und der ha auch nicht getäuscht. Die Zeit, in der inan den Juden von jede» ehrlichen Gewerbe und Handwerk ausschloß, ist Gottlob vorüber; uni wenn auch Neid und Mißgunst oder althergebrachte Norurtheile sie immer wieder hervorwagen, weil in manchen Köpfen der Jude imnie noch als vogelfrei gilt — so wollen wir uns doch die Lust an de Arbeit nicht rauben lassen, sondern von unserer Pflicht als Israeliten tvie von unserem Recht als Staatsbürger Gebrauch machen um weiter arbeiten. Ich sage: weiter arbeiten; denn schon habe, wir in der kurzen Zeit, seit uns das Arbeiten gestattet ist, gezeigt daß wir gewillt sind, auf allen Gebieten mitzuarbeiten. In Künsten Wissenschaften und gelehrten Berufen müssen selbst unsere Feind uns das bezeugen. Was dagegen die Händearbeit betrifft, so wollen sie das freilich noch nicht zugeben. Das liegt aber nur daran, weit

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