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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-12-09 · Heft 50 (9.12.1892) · p. Seite 590

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 50 (9.12.1892)
Date
1892-12-09
Page
Seite 590 (sequence 2)
Language
German
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590 Gott schütze uns vor unseren Freunden! Von Georg Minden. Bon England her ist in unser Vaterland seit einiger Zeit die Heilsarmee eingezogen und versucht, im Sturmschritt mit einem Aufgebot militärisch klingender Bezeichnungen die ungläubig geivordene Menschheit wieder der Religion zuzusühren. Von Süden' ans rüstet sich der neue Jesuitengencral, seine wohldisziplinirten Schaaren in das „kältere Deutschland" zu entsenden. Und um die Verwandtschaft des Militärischen mit dem Religiösen auch von einer andern Seite her zu erhärten, ersteht bei uns selbst eine neue Reihe von Reformatoren: Stabsoffiziere in und außer Dienst erklären, daß sie mit der jetzigen Religion und Sittlichkeit nicht znrcchtkommen können und daß darum reformirt werden müsse: ..marsch, marsch, was fällt, füllt!" Der erste dieser kühnen Neuerer, bei denen mau in der Thal wieder fragen muß: „Wie kommt Saul unter die Propheten?" war Herr von Egidy. Sein Bekenntnis;, das; er an die Göttlichkeit Christi nicht glauben könne, wird den meiste» unserer Glaubensgenossen begreiflich erscheinen. Für den Einen oder den Andern von ihnen, der schon mit einem Fuß in der Taufe stand, ist es vielleicht der äußere Anlaß gewesen, für sich oder die Seinigeu die lästige Fessel der ererbten Religion abzustreifen. Aber weiter ging uns diese Sache doch nicht an. Jetzt ist der Oberstlieutenant von Egidy vom Oberst von Gizycki übertrumpft worden. In der Broschüre, die er unter dem Lutherischen Motto: „Hier stehe ich; ich kann nicht anders", in die Welt gesandt hat, kämpft letzterer gegen die ganze Bibel, insbesondere gegen unsre heiligen Bücher, gegen das alte Testament. Er weist »ach, daß im Charakter der alttestamentnrischen Gestalten sich manche schwache Seiten finden. Ob ihn auf diesen Gedankengang das alte Studentenlied gebracht hat: Der David und der Salomo Das waren arge Sünder, Wir sagten oben: „Das Rüthsel löst stch'F zuversichtlich hoffen wir nämlich,' daß unsere auf falscher Fährte befindlichen Glaubensgenossen nur diese Gelegenheit abwarten wollten, uni ihren.Mstritt aus der gedachten Gesellschaft zu erklären, hernach über Are' ethische Kraft ihren Glaubensgenossen zuzuwenden. Ueber das Verhältnis; von Ethik und Religion läßt sich ja sehr viel sagen; wir wollen nicht bestreiten, daß eine' Ethik ohne Religion sehr wohl denkbar ist, in der Theorie sowohl, wie atich — obgleich dies schon schwieriger ist — in der Praxis. Wir erachten es aber als den größten Vortheil, daß in unserer Zeit Religion und Ethik noch nicht von einander getrennt sind, da sonst der Religion dasjenige Element, welches wir für das Wichtigste in ihr halten, entgleiten und sie selber — wie es leider vor großen geistigen Umwälzungen öfters der Fall war — ganz von Aberglauben und todtem Ceremoniell überwuchert werden würde. Wird die ethische Gesellschaft eine gelehrte Körperschaft »ach den« Vorbild der geographischen, der ethnographischen rc. re. werden, so könnten wir ihrem Auftreten Glück wünschen. Ihre ganze Organisation und ihr Aufwand von weiblichen Mitgliedern u. s. w. u. s. w. zeigt aber, daß sie ganz andere Ziele verfolgt. Dadurch, daß man zwischen einer Opernpremwre bei Kroll und einer Schaujpielpremmee bei der Düse „ethische" Vorträge theologisnender Dilettanten anhört und bei Sekt und Austern darüber plaudert, ob es interessant und „schön" war oder nicht, fördert man weder die Sittlichkeit iin Allgemeinen, noch den uns so nöthigen religiösen Frieden im Besonder». Man verbreitet aber bei Christen und Juden Abneigung gegen die jüdische Religion, und das ist für unsere Zeit das Schlimmste, ivas man thun kann. O Gallische Briefe, v. E. Lemberg, im Dezember. oder ob er ganz von selbst daraus gekommen ist, erhellt nicht. Jedenfalls würde man diese Schrift auch nicht weiter zu beriicksichtigcu haben, sondern sie den übrigen jndenseindlichen Angriffen zntheile», und zwar derjenigen Klasse, derselben, die sich ein wissenschaftliches Mäntelchen umhängen — allerdings in diesem Fall ein ziemlich fadenscheiniges —, wenn sich der Verfasser als Tummelplatz für seine Steckenpferde nicht die „Gesellschaft für ethische Kultur" ansgewühlt hatte. Dieser Verein, der nach amerikanischem Muster seit einigen Wochen hier gebildet worden ist, um'„ethische Kultur" ohne Unterschied der Konfession zu Pflegen, und der mit großen, wenn auch unklaren und verschwonimene» Zielen operirt, zählt unter seinen Mitgliedern Inden. Wie diese es fertig bringen, in Gemeinschaft mit Herrn Oberst von Gizycki „ethische" Ziele zu erstreben, mußte wohl jedem Unbefangene» als ein Räthsel erscheinen. Ist es ethisch, gegen die Religion seiner Mitbürger solche Angriffe zu schleudern, wie es der Verfasser der gedachten Schrift thut? Nun löst sich aber das Rüthsel: Herr GehUmrath Professor Tr. Förster, der berühmte Direktor der Berliner Stermvarte, hat neuerdings einen Vortrag im „ethischen Verein" gehalten, der sich gegen den Antisemitismus wende» sollte. In diesem Vortrag spricht er stets vom „Volk Israel" und bekämpft auch die angebliche Kanieraderie der Inden. Dies zeigt doch, wie wenig Uebersicht über die irdische» Verhältnisse der am Himmelszelte so wohl bewanderte Gelehrte hat, obgleich seine Absicht sicher die edelste ist. Das Gesetz, betreffend die Kultusordnung der jüdischen Gemeinden! in Galizien, ist vor kurzer Zeit ins Leben getreten. Nach demselben müffen die Rabbinen der größeren Gemeinden (Lemberg, Krakau, Koloinea, Brody, Brzezany, Drohobycz, Jaroslau, Jaslo, Sandte, Podgorze, Pczemysl, Rzeszöw, Sambor, Sanok, Stanislau, Stryj, Tarnopol, Tarnöw, Zlazow, Zolkiew) ein Gymnasium absolvirt habe» (Abiturientenexamen wird nicht gefordert), die Rabbinen der kleineren Gemeinden sind blos zur Absolvirung einer vierklassigen Normalschule verpflichtet. Die Achillesferse dieses Gesetzes ist jedoch die Klausel, wonach dem jeweiligen Statthalter das Recht zukommt, in einzelnen Fällen nach eigener Einsicht von diesen Bestimmungen abzusehen. Dadurch gewinnt die verderbliche Mache „hinter den Koulissen" weiten Spielraum. Schon der erste Fall dieser Art läßt erkennen, wie locker dieses Gesetz gehandhabt wird. In Kolo me a ist durch das Ableben des Rabbiners Liechtenstein (bekannt unter dem Namen Hillel Lösch) der Rabbinerposten vakant geworden. Die Statthalterei forderte den dortigen Kultusvorstand auf, binnen 30 Tagen einen den gesetzlichen Anforderungen entsprechenden Rabbiner zu wühlen. Allein die orthodoxe Gemeinde geriet!) darob in Schrecken: ist sie doch zum ersten Opfer dieser „Geserah" auserkoren worden. Sie wandte sich an die Statthalterei mit der Bitte, die Statthalterei möchte die „unausführbare" Bestinimung zurückziehen, und merkwürdiger Weise wird sie auch in diesen ihren Bestrebungen von dem dortigen, angeblich fortschrittlichen, hebräischen Lokalblatte „Ha-am‘ unterstützt. Wir wissen augenblicklich noch nicht, wie die Statthalterei

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