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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-12-09 · Heft 50 (9.12.1892) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 50 (9.12.1892)
Date
1892-12-09
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Naübiner 8* Ludwig philipPson-Äonn. Verlags-Crpedition: iöerlm, Jerusalemerftr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Nudolf Mosse, Berlin. 3itl)(tlt« Leitartikel: Die Lage. — Gott schuhe uns vor Miseren Freunden! >on Georg Minden. — Galizische Briese. V. — Arbeit. Von B. K. — Die 'zialen Institutionen des Mosaieniils und des platonischen Staats. Von Dr. .. Horowitz. — Feuilleton: Die Tochter des Philosovben. Erzählung von llax Ring. (Forts.) — Asriel. Von Moritz Scherbel. — Litterarische Nittheilungen. — Sprechsaal — Misccllen. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Oeslau, Friedeberg, Darmstadt, Stilttgart, Frankfurt a. M.. Wien. Olmütz. Budapest, Mailand, Sofia. — Bon Nah und Fern. — Miseellen. Nie Lage. Berlin, 7. Dezember. \ Der Programmentwurf der konservativen Partei, die Reichstags-!vahl in Friedeberg-Arnswalde, der Prozeß Ahlwardt — das sind ne Symptome der gegenwärtigen Lage, die von keiner Seite als ine erfreuliche bezeichnet werden wird. Die konservative Partei verwirft nur die „Ausschreitungen" des Antisemitismus, nicht diesen selbst. So lautet wenigstens der Entvurf. Ob die Ereigniffe in Arnswalde und in — Moabit nicht die : Partei selbst zu einer anderen Auffaffung bekehren werden, bleibt abmwarten. Inzwischen aber können wir, wenn wir durch den Lärm oes Tages uns nicht täuschen lassen und ruhig die Entwickelung der Dinge beobachten, doch eine gewisse Wendung im Kampfe konstatiren, oie für uns sehr beachtenswerth ist. Man fängt an, die Gefahren des Antisemitismus auch in Kreisen zu erkennen, die bisher demselben zum Mindesten eine wohlwollende Neutralität entgegengebracht haben. Das ist ein sehr wichiiges Symptom, welches die Wahl in Friedeberg-Arnswalde und der Moabiter Prozeß zu Tage gefördert haben. Mit Ausnahme der Konservativen jenes Landkreises hat Niemand bisher seine Zustimniung zu dieser Wahl ausgesprochen; ja, aste Parteien haben sich beeilt, den „Mann des Vertrauens" seiner Wähler sofort von ihren Rockjchößen abzuschütteln. Nicht jeder Partei wird dies gelingen; daß es aber alle versucht haben, ist wichtig und charakteristisch genug. Hat man erst astgemein die Gefahr erkannt, welche der schwarze Anarchismus — so möchte man die antisemitische Bewegung nennen — dem gesummten öffentlichen Leben zu bringen droht, dann ist der Weg zur Umkehr nicht mehr weit. Diese Erkenntniß bricht sich aber immer mehr Bahn, daß der Antisemitismus „nur ein Theil jener Reaktion gegen die großartige Entwickelung ist, welche das Wirthschastsleben aller Völker in diesem Jahrhundert, und speziell seit sechzig Jahren, aufzuweisen hat." Es sind die zurückgebliebenen Schichten, die sich gegen die Fortschritte des Jahrhunderts auflehnen und ihren Einfluß auf die herrschenden Mächte zur Niederhaltung der aufstrebenden Elemente mrd zur Festhaltung unberechtigter Privilegien auszunutzen suchen. Der größte Kenner deutscher Wahlpsychologie, Fürst Bismarck, hat sehr richtig die Wahl in Arnswalde nicht alseinen Ausfluß des Antisemitismus, sondern vielmehr als den Ausdruck der Unzufriedenheit mit den bestehenden sozialen Verhältnissen erklärt. Denn Herr Ahlwardt geht tollkühn über Alles weg. Er erklärt Alles für „verfault", Verwaltung und Richterstand und Ofsizierkorps, überall wittert er „jüdisches Geld", und vielleicht sind ihm auch Landgerichtsdirektvr Brausewetter und Polizeipräsident v. Richthofen nur Werkzeuge der „Alliance israelite“. Vor Herrn Ahlwardt besteht kein Minister, kein General, kein Hofmann; er allein ist der Mann „mit reinen Händen", er allein der „Patriot", er allein der „Freund des Volkes" — und die Tausende wählen Ahlwardt, nicht um für ihn, sondern um gegen alle Andern zu stimmen. Von dieser Erkenntniß der Krankheit bis zur völligen Heilung derselben ist, wie gesagt, nur ein kurzer Schritt. Aber wir dürfen uns nicht darüber täuschen, daß diese Erkenntniß noch lange Zeit brauchen wird, um allgemein durchzudringen. Der Prozeß, welcher nun schon seit mehr als zehn Tagen im Justizpalast zu Moabit verhandelt wird, kann uns darüber aufklären. Der Antisemitismus schreckt vor keinem Mittel, vor keiner Gefahr zurück, wo es gilt, sein Ziel zu erreichen. Sein Vorgehen ist, wie es Professor Lazarus in seiner Zeugenaussage über die „Alliance" sehr richtig ausgedrückt, „eitel Wahnwitz". Der künftige Kulturhistoriker wird sicher die Thatsache, daß zwei Zeugen vor Gericht beschwören mußten, die „Alliance Israelite Universelle" habe nicht die Mittel dazu hergegeben, das Deutsche Reich durch schlechte Gewehre zu Grunde zu richten, und den Zaren Alexander II. zu ermorden, für eines der charakteristischsten Symptome der antisemitischen Krankheit erkennen und darstellen. Für uns, die wir leider noch inmitten der Bewegung stehen, hat sie allerdings noch eine tiefere Bedeutung. Derselbe vortreffliche Publizist, dem wir schon oben das Wort gegeben, hat sehr Recht, wenn er sagt: „Andererseits sollten die Juden sich klar machen, daß man den Antisemitismus nicht dadurch los wird, wenn man über ihn lamentirt und ihn ausschließlich defensiv bekämpft." Aber wir sind nicht seiner Meinung, daß der Antisemitismus „nur im Rahmen der allgemeinen Politik wirksam zu bekämpfen sei". Der Antisemitismus ist vor Allem vom Standpunkt der Kultur und der Humanität zu bekämpfen und von da aus wohl auch hoffentlich zu überwinden. Aber wie i dem auch sei, jedenfalls ist es durchaus nothwendig, die Gefahr zu erkennen und ihr mit voller Kraft, mit zielbewusster Energie und in ungestörter Eintracht entgegeuzutreten. Das haben uns die Ereignisse dieser Woche mit überzeugender Kraft gelehrt.

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