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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-12-02 · Heft 49 (2.12.1892) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 49 (2.12.1892)
Date
1892-12-02
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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Es l ißt sich nicht leugnen, daß dieses Programm auf einen großen Theil l es Abgeordnetenhauses einen tiefen Eindruck gemacht hat. Alle Gebiete der Regierungsthätigkeit näher behandelnd, berührte der Ministerpräsident .^ekerle auch den wichtigsten, unstreitig am meisten aktuellen Theil, die lirchenpolitischen Fragen, und s agte ungefähr Folgendes: „ Zur dritten «Gruppe unserer Aufgabe übergehend, erkläre ich vor Allem, daß bei Wahrung der staatlichen Interessen die Ruhe und der konfessionelle Friede nicht? 'stört (Allgemeine lebhafte Zustimmung), ja vielmehr alle öffentlichen Jnstii itionen in der Weise eingerichtet werden, damit dieselben für die Wahrung dieses Friedens und dieser Ruhe eine dauernde Garantie bilden. (Lebhafte Zustimmung.) Wie dies auch schon die frühere Regierung erklärte, wurden . -it allerhöchster Genehmigung jene Prinzipien festgestellt, welcher den ne Einführung der allgemeinen Civilmatrikeln,die Rezeption r?r israelitischen Konfession und die freie Ausübung der eligion betreffenden Gesetzentwürfen als Grundlage dienen sollen. 7 iesen -Prinzipien entsprechend ist der Gesetzen!wurf in Betreff rer gesetzlichen Jnartikulirung der israelitischen Religion schon fertig und wird während der Wintersession zur verfassungsn äßigen Verhandlung vorgelegt werden. Die staatsliche Regelung des d herechtes wird auf Grundlage der obligatorischen Civil ehe ^folgen." * Budapest, 26. November. Der Reichstagsabgeordnete Moritz ahrmann ist heute plötzlich in Folge Herzschlages gestorben. In 7 tahrmann, der 64 Jahre alt wurde, verliert die liberale Partei Ungarns eine hervorragende Erscheinung Im Jahre 1828 geboren, erwarb 1 sich im In- und Auslande eine hervorragende kaufmännische Bildung, '' daß er Anfang der sechziger Jahre an die Spitze der Firma Wahr- : rann u. Sohn trat. Nachdem im Jahre 1868 die Emanzipation u?r Juden in Ungarn gesetzlich gewährleistet worden, wählte ihn der '-Bezirk Leopoldstadt zum Abgeordneten, den er bis zu seinem Tode verdat. Er betheiligte sich hauptsächlich an der Berathung finanzieller und r olkswirthschaftlicher Angelegenheiten und im Jahre 1872 wurde er > relfach als erster Kandidat für den Posten des Handelsministers genannt. 7 ei Erneuerung des Ausgleiches 1877 erwarb er sich das Verdienst, daß u mit Erfolg den Bestrebungen nach einer selbständigen ungarischen Bank .tgegentrat und die Gemeinsamkeit des Noten-Jnstituts wirkungsvoll erfocht. Als zu Beginn der achtziger Jahre die bald wieder niedern brochene antisemitische Bewegung in Ungarn kurze Zeit ihr Unwesen lneb, wurde Wahrmann Gegenstand der heftigsten Angriffe. Es kam 1 gar zu einem Pistolenduell zwischen ihm und Jstoczy. Vom Finanzausschüsse wurde Wahrmann vor drei Jahren zum Präsidenten gewählt. 7ui der Spitze der Lloydgesellschaft und verschiedener finanzieller Körper- ' 'lasten stehend, hatte Wahrmann an dem wirthschaftlichen Aufschwünge! ngarns hervorragenden Antheil. Wahrmann war ein guter Jude, an d m das ungarische Judenthum eine feste Stütze hatte. Er war viele > chre lang Vorsteher der Pester Gemeinde und vieler religiöser und 7 ohlthätigkeitsvereine. Näheres in folgender Nummer. £*3 Holleschau, 28. November. Von hier wird der „Neuen Freien lesse" ein Fall mitgetheilt, der von Neuem beweist, wie leicht es der i swilligen Verleumdung gelingt, mit irgend einem Vorgänge, wobei mand überfallen oder verletzt wird, das gehässige und wahnwitzige 7 ärchen der „Blutabzapfung" und vom „rituellen Morde" in , usannnenhang zu bringen und selbst für die verlogenste Denunziation - u der ungebildeten Menge Glauben zu finden. In der Nacht vom 18. m 19. d. M. kam ein Mädchen, das in Holleschau bei einem Juden l uenstet war, zur Polizei gelaufen und gab daselbst an, „die Juden! -tten es abschlachten wollen". Das Mädchen sei, nachdem es seine 7 l beiten verrichtet hatte, gegen elf Uhr Abends zu Bette gegangen, aber l 'ld nach dem Einschlafen dadurch erweckt worden, daß drei Männer '>ch bemühten, es zu binden und ihm die Pulsadern zu öffnen. Es sei um aber gelungen, sich den Männern zu entreißen und sich blutend und unvollständig bekleidet zu flüchten. Bei der Polizei wurde nun das -'.Mädchen durch einen Arzt untersucht, der aber alsbald erkannte, daß dü Schnittwunden, deren es etwa dreißig am Leibe hatte, ihm unmöglich während eines Handgemenges beigebracht worden sein konnten; es waren nämlich ganz unbedeutende Schnitte, die offenbar mit solcher Behutsamkeit und Vorsicht ausgeführt worden waren, daß sie nirgends tiefer als durch die Haut gingen. Auch vermochte die Dienstmagd bei der Vernehmung durch die Polizei ihre Behauptung nicht zu rechtfertigen, daß es Juden gewesen seien, die sie angeblich überfallen halten und „umbringen" wollten, da ihrer eigenen Aussage nach der ganze Vorgang im Finstern stattgefunden habe. Das Mädchen, welches die Aussagen bei der Polizei gemacht hatte, ist nach seiner Vernehmung einfach in seine Heimathgemeinde abgeschoben worden. Allerdings liegt in diesem Verfahren eine Bestätigung, daß die Polizeibehörde selbst die Angaben des Mädchens als Lügen erkannt hat. Aber man glaubt in Holleschau, daß es doch nöthig gewesen wäre, den Fall vollständig aufzuklären und sicherzustellen, wodurch das Mädchen bewogen wurde, mit seinen Lügen an die Polizei heranzutreten und auf welchem Wege es sich die Verletzungen zugezogen hatte, die es dann den Juden zur Last legen wollte. Eine Aufklärung durch die Behörde stellt sich um so mehr als geboten heraus, als sich das Gerücht von einem rituellen Mordversuche der Juden doch in der Stadt verbreitete und man an vielen Orten die Meinung aussprach, es müsse bei dieser mysteriösen Geschichte doch etwas Verdächtiges mit im Spiel sein! Großbritannien. * London, 25. November. Der Sekretär des Schatzamtes in den Vereinigten Staaten ernannte bekanntlich vor einiger Zeit eine Kommission, welche sich in Europa über Alles informiren sollte, was mit der Jmportation von unter Kontrakt stehenden europäischen Arbeitern nach den Vereinigten Staaten zusammenhängt und darüber berichtet. Außerdem wurde die Kommission beauftragt, sich auch j über alle anderen Klassen von Ausländern zu unterrichten, deren Einj führung in Amerika verboten ist. Der Bericht der Kommission ist nun! veröffentlicht. In Kurzem sei hervorgehoben, was die nach Rußland j gesandten Mitglieder der Kommission über die schreckliche, barbarische! und schimpfliche Verfolgung, welche die Juden in dem orthodoxen Lande > mit der Sanktion des russischen Kaisers und der russischen Regierung! zu leiden haben. Natürlich ist dies Alles im Großen und Ganzen der! Welt schon längst bekannt. Die Kommission, die Alles geprüft, die nichts! auf guten Glauben hingenommen, führt jedoch Einzelheiten an, welche! — authentisch wie sie sind — ihr selbst Abscheu und Scham eingeflößt haben. Wir machten es uns zur Pflicht — sagen die Delegirten — in unserem Berichte die Thatsachen für sich selbst sprechen zu lassen. Wir hatten uns Zwang anzulegen, um die Gefühle, die sich unserer beim Anblick des grausamen Elends, dem diese menschlichen Wesen ausgesetzt waren, bemeistern wollten, zu unterdrücken. Die Szenen, die wir vor unseren Augen hatten, werden nie aus unserem Gedächtniß schwinden. Ein Ukas, von dem Zaren selbst unterzeichnet, und in welchem alle Privilegien, die den Juden früher gewährt worden waren, wieder zurückgenommen wurden, ward in Moskau an den beiden ersten Tagen des Passah-Festes 1891 veröffentlicht. Die Polizei und die Feuerwehr umzingelten während der Nacht das Ouartier der Juden, trieben Männer, Frauen, Kinder aus ihren Häusern und schleppten sie zur Polizeiwache. Die, welche eitig gewarnt worden, flohen nach den Vorstädten, den Kirchhöfen, andere fuhren von einem Ende zum anderen Ende der Stadt, heimathlos, hungrig, hilflos — und nur wenn sie Zuflucht in öffentlichen Häusern finden konnten, waren sie für den Augenblick gerettet. — Die „Times", welche in einem Leitartikel den obigen Bericht bespricht, drückt ihren Unwillen in starken Worten über diese Unmenschlichkeiten im christlichen Rußland aus. Was, sagt das Blatt, die ganze zivilisirte Welt empört, ist, daß ein solches System der Unterdrückung, wie nun offiziell dokumentirt, von dem russischen Kaiser und der russischen Regierung gebilligt und aufrecht erhalten wird. Frankreich. L2 Paris, 28 November. Einer der ältesten und hervorragendsten Vertreter der Wissenschaft des Judenthums, Senior Sachs, ist am 15. d. M. hier verstorben und wurde am letzten Freitag den 18. d. M. begraben. Geboren in Kaidan (Russisch-Polen) am 17. Juni 1815 kam er noch sehr jung nach Berlin, um dort seine Studien zu vervollständigen. Später dem Beispiel von Munck, Zedner, Goldberg u. s. w. folgend, ging er nach Paris in den fünfziger Jahren, um sich ganz der nicht sehr einträglichen Pflege der hebräischen Wissenschaft zu widmen. Er hatte

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