Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 49 (2.12.1892)
- Date
- 1892-12-02
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 f 1 hier das Glück, der Bibliothekar des Barons Horace v. Günzburg zu werden, was ihm eine vollständige Muße verschaffte und in den Stand setzte, sich ganz feinen literarischen Neigungen hinzugeben. Vielleicht muß man es diesem Umstande zuschreiben, daß er Vieles angefangen hatte, ohne es zu Ende zu führen. Man kann dies nicht genug beklagen; was für ein Schade, daß er so Vieles nur skizzirt hat, ohne es fortzuführen oderauchnur fortznsetzen. So seinezwei Bände: „Kerern ChemetT, so die Zeitschrift: „Ha-Tehija“, „Ha-Jonah“". Es existiren nur drei Bogen seiner Arbeit über Jbn Gabirol und seine Gedichte, drei Bogen auch von dem Katalog der Bibliothek Günzburg, der nach einem großen Plan angelegt war, ebenso eine Anzahl von Artikeln im „Ha-Magid“> „ila-Meliz“, „Haehoher“ u. s. w. In allen seinen Werken hat Sachs neben einer großen Gelehrsamkeit einen starken, hohen, scharfsinnigen Geist und eine wirkliche Originalität der Gedanken bewiesen. Er hatte oft in seiner litterarischen Thätigkeit glückliche Eingebungen und überraschende Ideen. Eine Fülle von Gedanken und ein Reichthum von Belehrung, den er verstand, um jede Thatsache 51t gruppiren, verbreiteten über seine Schriften eine erstaxmliche Klarheit. Wie viele rverthvolle Notizen, die hier für die Nachwelt gesammelt wurden, xverden nie mehr das Tageslicht erblicken. Friede seiner Aschel © Paris, 24. November. Eine Trauerkunde kommt aus Dahomey. Kapitän Crömieux-Foa, der tapfere Offizier, dessen Name noch jüngst anläßlich des Duells seines Freundes Mayer in Aller Munde war, ist einer Verwundung erlegen. Ueber den Lebensgang des tapferen Kriegers erfahren wir: Andreas Cremieux-Foa trat 1876 in die Kriegsschule von Saint-Eyr ein. Er verließ dieselbe 1878 als Unterlieutenant und wurde dem 5. Dragoner-Regiment zugetheilt. Später wurde er Lieutenant beim 17., dann Kapitän beim 8., in Meaux garnisonirenden Regiment. In Folge der Streitigkeiten mit Drumonts Zeitschrift „Libre parole“, welche durch den Tod des .Kapitän Mayer ihren tragischen Abschluß fanden, wurde er nach Tunis geschickt, um dort die Eskadrons der Spahi-Hilfstruppen zu organisiren. Mit diesen stach er nach Dahomey in See. Tort kommandirte er eine dieser Eskadrons mit außerordentlicher Umsicht und Tapferkeit, bis er am 27. Oktober bei Kotopa verwxmdet wurde. Afrika. H. B. Marokko, 20' Oktober. Ein Akt widerwärtiger und fast unbegreiflicher Brutalität ist von dem unmenschlichen Gouverneur hiesiger Stadt begangen. Dieser brutale Mann hat thatsächlich seine barbarische Handlungsweise bis zum Peitschen eines Weibes getrieben. Ich kann mir wohl vorstellen, welchen Schreck diese Nachricht bei allen civilisirten und menschlich fühlenden Personen Hervorrufen wird. Die Thatsachen sind in Kürze folgende: Ein maurisches Weib eitirte Hadj Widah, eine jüdische Näherin, vor den Gouverneur, weil dieselbe ein Kleid, das sie zum Nähen übergeben, nicht genäht hatte. Die Jüdin vertheidigte sich, daß sie während der Feiertage nicht hätte arbeiten können und daß die Krankbeit ihres Sohnes sie nachher verhindert hätte, den Axfftrag zuführen. Der Gouverneur befahl ihr, das Kleid bis zum nächsten Morgen vollständig fertig zu stellen, worauf die Jüdin flehentlich um einen kleinen Aufschub bat, da sie ihren kranken Sohn pflegen müsse. Der Gouverneur gerieth über diesen Widerspruch so sehr in Wuth, daß er befahl, das Weib in das Frauengefängniß zu werfen und zu peitschen. Nicht lange nachher erreichte das furchtbare Geschrei xmd der Ton der Peitschenhiebe das Ohr der Außenstehenden. Leute dürfen nicht in das Frauengefängniß, und da Auspeitschen nur bei Männern auf öffentlichen! Platze stattfindet, so weiß man nicht, wie lange des armen Weibes Tortur dauerte. Jetzt liegt sie im Gefängniß mit schweren eisernen Fußfesseln und einer noch schwereren Kette um den Hals. Wenn in solcher Weise fortgefahren wird, wenn nicht schleunigst Hilfe kommt, so ist das Loos der Juden und Jüdinnen in der Hauptstadt von Marokko eines der beklagenswerthesten. Von Nah und Fern. Der Frauenverein von 183 3 zum Besten israelitischer Waisenmädchen veranstaltet, wie alljährlich, auch in diesem Jahre, vom 1. bis 3. Dezember, Vormittags 11 bis Nachnnttags 3 Uhr eine Ausstellung weiblicher Handarbeiten, und zwar in der Wohnung der Frau Recha Marckwald, Bellevnestr. 15. — Am 2. Dezember feiert Herr Br. med. M. M u n k, Wartenburgstraße 13, sein fünfzigjähriges Doktorjubiläum. Früher praktizirte er in Breslau xlnd Posen un) siedelte dann nach Berlin über, wo er zwanzig Jahre lang als Bezirke arzt thätig xvar, bis ihn sein Alter nöthigte, seine Praxis aufzugeben. - Das Schöffengericht hat die Beleidigungsklage des Redakteurs du „Antisemitischen Correspondenz" gegen den früheren verantwortliche.! Redakteur der „Grabowschen Mitth." Herrn Joh. Buch Holz zurüc gewiesen xmd letzteren freigesprochen. — Vergangenen Mittwoch hie 1 Herr Prediger Dr. Lew in in Magdeburg in der „Mendelssohn-Log^ vor etwa 200 Personen einen sehr interessanten Vortrag über Bühl 0 und Kanzel, Tribüne und Katheder. — In Essen ist der Landrichter T.. Rinteln zum Landgerichtsrath befördert und Herr Js. S. Hirsch: land, Vorsitzender des Sx)nagogen-Vorstandes, zum Stadtrath gewähu worden. — Wie in der Monatsversammlung des Vereins für Kund? der Aachener Vorzeit bekannt gegeben wurde, beabsichtigt Her? Rabbiner Dr. Janlus die Herausgabe einer Geschichte de? Juden in Aachen. - Das israelitische Asyl für Kranke un. Altersschwache zu Köln hat mit dem 1. Juli d. I. eine Erweiterung durch Ankauf des Hauses Silvanstraße 10 erfahren. — In Brüssel i; die Senatorswittwe, Frau v. Bischofsheim, die Mutter der Fra 1 Baronin Moriz Hirsch, nach kurzem Leiden gestorben. Frau v. Bischöfe heiln war eine xvegen ihres Edelmuthes und ihrer ausgezeichnete! Geistesgaben allgemein verehrte Dame, deren Hinscheiden in der Brüssel?? Gesellschaft lebhafte Theilnahme hervorrief. Herr und Frau Baroni i Moriz Hirsch haben sich nach Brüssel begeben, um dem Leichenbegängnis!? beizuwohnen. - Gegenüber dem in jüngster Nummer erwähnten Gerüchte von einem Uebertritt der Baronin Eduard v. Roth schild zum Katholizismus, konstatirte die „Archives israelites", daß di? genannte Dame am jiingsten Sabbath dem feierlichen Minchagottesdienn in der Synagoge der Rue de la Victoire bexgewohnt habe. — In Paris xvurde in der Synagoge der Rue de la Victoire am Freitag ein Trauergottesdienst für die in Dahomey und Tonkin gefallenen jüdischen Offiziere und Soldaten abgehalten. Der Großrabbiner Zadot Kahn hielt eine bewegte Ansprache an die Versammlung, in der er den Antisemitismus als eine Barbarei, als unfranzösisch brandmarkte. - Wie man aus Paris xneldet, hat Baron Hirsch si?n auf der Jagd in Saint Germain an der linken Hand xun dem Arm verwundet, in Folge Zerspringens seines Gewehrlauf?. Baron Hirsch wird dem Vernehmen nach im nächsten Frühjahr nac, Amerika reisen, um mit dortigen Freunden in Philadelphia und Bosto persönlich die Aus- und Durchführung seiner menschenfreundlichen Plän zu besprechen. Es heißt, daß der Baron weitere Millionen zur Verbesserun; des Looses seiner Glaubensgenossen in Amerika verwenden xvill. - Die Mahnungen, die der Oberrabbiner Dr. Hermann Adler xn Londm jüngst an die Deputation israelitischer Arbeitslosen in eindringlicher Well gerichtet hat, scheinen nicht ohne Erfolg gewesen zu sein. Es war b? kanntlich von ihnen beabsichtigt gewesen, einen dreitägigen baarfüßigeu Umzug durch die Straßen Londons zu halten, um ihren andersgläubige Mitbürgern ein echtes Bild des Elends im Ostende zu geben. Diese- Projekt ist. Dank den Bemühungen des erwähnten israelitischen Obex Hauptes, vom Ausschuß jener Stellenlosen 'aufgegeben worden. Hoffentlü werden sie auch seinen übrigen Empfehlungen, sich der Drohxxngen zu enthalten und sich voll den Anarchisten und Sozialisten zu entferne; Gehör schenken. — Ein Fräulein Sara Treves wurde an der Un versität in Turin als Pro fessorin der italienischen Sprache diplomu. und dem Gylnnasium 51t Asti als Lehrerin zugetheilt. — Bei der En! hüllung des Victor Emanuel - Denkmals in Pisa hielt Professo A. d' Ancona die Festrede in Anwesenheit des Kronprinzen von Malier welcher dem Professor seine aufrichtige Befriedigung aussprach. Professo d'Ancona wurde auch mit einer Einladung zu dem im königlichen Palast stattgehabten Diner ausgezeichnet. — Herr Emanuel Steinfeld, de vor langen Jahren aus Oberglogau auswanderte, ist bei der jüngste! Wahl in Wellington zum Mitglied des Oberhauses gewählt worden Es ist der erste Jude, dem diese Ehre widerfährt. — Wie aus Uticu (New-Aork) gemeldet wird, hat sich dort ein Mann Namens Abrahcn Ephraim Eimer in die Wählerlisten für die Präsidenten-Wahl ein tragen lassen, der über 108 Jahre alt ist xmd als Junge die Schlack bei Oriskany im Jahre 1797 rnitgeumcht zu haben behauptet. Druck xmd Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Aeranüvortlich für die Redaktion. Mar Bauchwiy in Berlin.