Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 49 (2.12.1892)
- Date
- 1892-12-02
- Page
- Seite 586 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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586 wie der alte Nathan David aus Kopenhagen sagt, so wunderschön singen, und dabei thue ich nichts und Pflege nur meine Gesundheit. Du siehst, daß Du wegen meiner nicht in Sorge zu sein brauchst." — Wenige Tage darauf: „Diesen Winter werde ich mir in Paris einen Borleser anschaffen, der mir zugleich als Sekretär dienen soll. Wenn Du alsdann mal einen Brief von mir erhältst, der nicht eigenhändig geschrieben ist, so erschrick nicht; ich sage es Dir sechs Moiiate voraus." Man muß die Briefe lesen, die Heine zur selben Zeit an seine Freunde geschrieben hat, und sie mit den Briefen an seine Mutter vergleichen, um die Kraft der Liebe und Güte zu ermessen, deren dieses Dichterherz fähig war. Schon an die Schwester lauten die Briefe anders; da heißt es (10. Juni 1848): „Meine Frau wünscht, daß ich Dich über meinen wahren Gesundheitszustand nicht in allzu großer Täuschung, die der Mutter wegen nöthig war, länger erhalte, damit, wenn ich sterbe. Du Dich nicht zu sehr erschreckst. Letzteres aber, liebes Kind, wird hoffentlich nicht so bald geschehen. Kann mich ein Dutzend Jahre noch Hinschleppen wie ich bin, leider Gottes. Bin seit 14 Tagen so gelähmt, daß ich wie ein Kind getragen werden muß, meine Beine sind wie Baumwolle." Der Brief schließt mit dem Satz: „Der Mutier wollen wir nach wie vor die Krankheit verheimlichen." Immer aber trägt er sich noch mit dem Gedanken, „nächstes Jahr" nach Hause zu kommen. Als sein jüngstes Nichtchen stirbt, schreibt er an die Schwester (29. März 49): „Nur ein Wort zum Trost: Sterben ist kein Unglück, aber jahrelanges Leiden, ehe man es dahin bringt zu sterben. — Jahrelanges Leiden — glücklich sind die, welche schnell fertig werden: Per acquit, wie mein Väterchen sagte, und inan dreht sich herum und schläft ein und Alles ist bezahlt." Ganz anders lauten wie gesagt, die Briefe an die Mutter. An sie schreibt er (21. Januar 51): „Der liebe Gott erhalte Dich, bewahre Dich vor Schmerzen und Augenübel, schone Deine liebe Gesundheit, und wenn Dir die Tage auch manchmal nicht zu Wunsche gehen, so tröste Dich mit dem Gedanken, daß wenige Frauen von ihren Kindern geliebt und verehrt worden sind, wie Du es bist und wie Du es wahrlich zu sein verdienst, Du meine liebe, brave, rechtschaffene und treue Mutter. Was sind die Anderen im Vergleich mit Dir! — Man soll den Boden küssen, den Dein Fuß betreten hat. — Der Winter ist unendlich rauh, wenn Du nur warm hast in Deinem dünnen Hänschen am Dammthor." — Und später, da seine Krankheit bereits das Tagesgespräch der Zeitungen ist und selbst vor der Mutter nicht mehr ganz zu verheimlichen geht, schreibt er dieser (15. Juni 49): „Das Schlimmste bei dieser Krankheit ist, daß man nur entsetzlich leidet, aber nicht so schnell stirbt. Du kannst Dich darauf verlassen, daß ich Dir jede Verschlimmerung nicht verschweigen würde. ... In Wahrheit gesagt: ich möchte Dich gern überleben, um Dir den Kummer der Nachricht meines Abscheidens zu ersparen, und das ist vielleicht noch das Hauptinteresse, das ich an dem Lebe:> nehme. Wenn ich Dich einmal nicht mehr habe, so würde ich den Tod mit weit leichterem Herzen entgegen sterben. — Siehst Du, wie recht ich habe, nicht oft zu schreiben, nur melancholische Leichenbittc; briefe. Ich bin ein sehr spaßloser, trauriger Narr geworden." Und in einem folgendem Briefe (3. Dezember 53) heißt es: „Am Ende glaube ich, giebt es nur eine einzige Person, auf die der Mensch fiih ganz verlassen kann, das ist nämlich die Mutter. Hier ist man gar; sicher — wer hieran zweifelt, für den wäre nichts rathsamer, als da er diese Welt so bald als möglich verließe." Oft weiß er selbst noch unter den größten Schmerzen non manchen hübschen Scherz anzubringen. So schreibt er eimnn (5. Dezember 51) von seiner Frau, die er wegen ihrer Verschwendungssucht immer „die Verbringerin" nennt: „Meine Verbringen, hat sich eine grüne Robe angeschafft, welche ich die Vitzliputzli-Rol? nenne, ich habe ihr nämlich berechnet, daß die Robe so viel kost! wie das Honorar betrügt für das Gedicht „Vitzliputzli", welches in „Romanzero" enthalten. Wir leben in der größten Harmonie, in ichönsten, kostspieligsten Frieden .... Ich hoffe, liebe Mutter, dan Du recht wohl bist und ich werde mir meine Gesundheit nach der Deinigen einrichten. Du verstehst mich." lieber Juden und Judenthum findet sich seltsamerweise in den Briefen nichts oder doch mi: sehr wenig. Einmal schreibt er an die Schwester: „Meine Köchin ist ein Genie und unter dem Namen „Deutsche Nudeln" fabrizirt sie ein Gericht, welches eigentlich das jüdische Schalet ist, und den ich m > Vergnügen effe." Ein andermal erinnerte er sich aus den Jugendtagen seiner Kämpfe mit den Hamburger Tempelpredigern, d.i Jemand eine französische Arbeit von ihm ins Deutsche übertragen. „Ich bin überzeugt, der Lump, der die Uebersetzung machte, ist tn Aufgeklärter aus der Schule eines Salomon oder Kley." Ich kann hinzufügen, daß Heine im Jrrthum gewesen, und daß auch seine Abneigung gegen Gotthold Salomon unberechtigt war. Der letzte Brief, den Heine geschrieben hat, ist ein Beileide schreiben an seinen Vetter Hermann, nach dem Tode seines Oheime Henry, den er sehr liebte (19. November 55); er schließt mit de : Worten: „Ich bin sehr leidend, trage aber mein Elend mit Ergebun > in den unerforschbaren Willen Gottes." Und so ist Heine gestorben. Die Briefe aber, die seine Familie heransgegebcn, tverden für die Beurtheilung des Menschen Hein sicher von größter Bedeutung sein. Es wird Niemand mehr wage i dürfen, gegen diese authentischen Zeugnisse den Dichter der Herzlosigkeit, der Gemüthskalte anzuklagen. Die Liebe zu seiner Mutte, die Treue zu seinen Geschwistern, das heiligste Gefühl der Menschei brust, begleitete Heinrich Heine durchs ganze Leben und hat ihn iu Alter, in Einsamkeit und Fremde, geradezu mit religiöser Gewa t erfüllt. Diese Erkenntnis; des Menschen ist sicher auch von hohn Bedeutung für die Wiirdigung des Dichters. G. P Der Verwaltungsbericht und das Verzeichniß der Berliner Gemeinde-Mitglieder In kunstlosen Reimen betrachtet von einem — Dichter (V). Einleitung. Der Rechenschaftsbericht. Der Inhalt des nachfolgenden Gedichts Ist der große Verwaltungsbericht, Den der Berliner Vorstand alle drei Jahr' Seinen Mitgliedern bietet dar. Daraus ist deutlich zu ersehen. Was seit einem Triennium ist geschehen; Wie viele Mark sind eingetommen, Und wieder davon abgenomrnen. Mit andern Worten: Das „Sott und Haben", Damit Niemand kann sagen. Man gebe viel zu viel aus. Es leben Alle in Sans und Braus. Der Vorstand muß zu sparen verstehn, Soll Alles den geraden Weg gehen. — Q wie interessant sind diese Zahlen, ' Aber wie groß auch die Qualen, i Wenn mall nicht gehört zu den Frommen,! Die Gehälter von der Gemeinde bekommen: i Rabbiner, Lehrer und Talmudkenner, Kantoren, Choristen und Minjanmänner; i Sie alle erhalten für Red' und Gesang j Silber und Gold vom hellsten Klang!