Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 49 (2.12.1892)
- Date
- 1892-12-02
- Page
- Seite 585 (sequence 9)
- Language
- German
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Sie sinb eigentlich nichts weiter als 122 Liebeserklärungen an Mutter unb Schwester, zu welchen ber Neffe bes Dichters, Herr Baron Lubwig von Embben, ebenfalls ein vortrefflicher Mann, ben 9llle, bie ihn kennen, schätzen unb lieben, den verbinbenben Text geschrieben hat. Gegen biesen verbindenden Text hätte ich nun vielleicht manche Einwenbungen zu erheben; ich unterlasse biese aber; wo so viel Liebe unb Güte waltet, da verliert die Kritik ihre Macht. Schon in bem ersten Brief aus Bonn fragt er sein Lottchen: „Bist Tu auch Werth, baß ich Dich so lieb habe?" unb an seinen jukünftigen Schwager Moritz Embben schreibt er aus Berlin 2. Februar 1822): „Ich hoffe, baß Sie unb meine Schwester ein glückliches Paar sein werben, da Lotlchen im Staube ist, ben Werth Fhres Charakters zu fühlen, unb da auch Sie ben Charakter meiner Schwester zu würbigen verstehen. Weil Sie gewiß nicht wie unsere gebildete schöne Welt an einem Weide einseitig hervorsehenbe Borstige des Verstandes ober des Herzens ober des Körpers schützen, unb weil Sie gewiß, wie ich Sie beurtheile, nur im schönen Ebenmaße aller Seelenkrüfte die wahre Bilbnng unb in ber Harmonie mm Seele unb Körper bie wahre Liebenswürbigkeit erkennen. Nein Lottchen ist Musik, ganz Ebenmaß und Harmonie — der Lruder braucht sich gegen den Bräutigam solcher 9lusbrücke nicht zu enthalten." Ein folgender Brief an Embben enthält einige interessante Bemerkungen über sein Trauerspiel „Almansor": „Möge das Büchlein bei Ihnen eine gute Aufnahme finben unb die ethische Grundlage desselben von Ihnen erkannt werden. Sie lesen in diesem Buche, tote Menschen untergehen und Geschlechter, und wie dennoch dieser Untergang von einer höheren Nolhwenbigkeit bedingt und von der Vorsehung zu großen Zwecken beabsichtigt wird. Der echte Dichter -gebt nicht die Geschichte seiner eigenen Zeit, sonbern aller Zeiten, unb darum ist ein echtes Gedicht auch immer der Spiegel jeder Gegenwart." 9lus bem Elternhause zu Lüneburg schreibt er an sein Lottchen 7. November 1823): „Bilbung ist hier gar keine; ich glaube, auf »ein Ruthhause steht ein Knlt>ir-9lbleiter. Aber die Menschen sind licht schlimm. An Dich denke ich sehr oft, Du liebes, gutes, durchichtiges Kind! Wie oft sehne ich mich darnach, Deine kleinen lllabasterpfötchen zu küffen! Habe mich nur lieb, so stark Du annst!" Und vier Wochen später (18. Dezember 1823): „Sei verichert, daß ich immer an Dich denke. Ich weiß ja, daß der liebe ''Sott haben will, daß Dir alle Menschen die Hände küssen, daran glaube ich, das ist meine Religion." Und wiederum 14 Tage Väter: „Der Gedanke an Dich, liebe Schwester, muß mich zuweilen mfrecht halten, wenn die große Masse mit ihrem dummen Haß und hrer ekelhaften Liebe mich niederbrückt." Als Lottchen einem Knaben das Leben schenkte, schreibt er aus ,'üneburg (Oktober 1826): „Möge Gott das liebe Kind in seine besondere Obhut nehmen, daß der Mensch in ihm nicht allzu früh verkrüppelt werde. — Liebes Lottchen. wo ich auch sein werde, ergießt ich täglich mein Herz in den liebreichsten und frömmsten Wünschen iir Dich und Deine Kinder. Möge es Dir und ihnen immer gut gehen! — Sei Du nur gut, und Du wirst glücklich sein, und Deine Kinder werden dann auch gut und glücklich werden. Ich bitte Dich, vergiß mich nicht, denn ich liebe Dich sehr." Nun tritt eine lange Pause in dem Briefwechsel ein, fast vier (fahre, vier wichtige, inhaltsschwere Jahre im öffentlichen >vie im Familienleben Heines. Es sind die Jahre der Reisebilder, des Lebens in Hamburg und München, der italienischen Reise, des Todes seines Vaters, des Kampfes mit Platen und anderen Gegnern. Der erste Brief, der die Korrespondenz wieder eröffnet, ist aus Helgoland (vom 28. Jnli 1830), er beginnt wieder mit einer Liebeserklärung : „Obgleich mir eine freundschaftliche Korrespondenz immer sehr sauer wird, und ich Dir gar nichts zu schreiben habe, als daß ich Dich liebe, so kann ich doch nicht umhin, Dir einige Zeilen ins Bad zu schicken. Ich habe Dir wirklich nichts anderes zu sagen, als daß ich Dich liebe, und zwar sehr stark. . . . Lebe wohl, ich grüße Dich schriftlich, nnd nächsten Monat küsse ich Dich mündlich." Charlotte war damals in Ems, und der Schluß des Briests lautet: „In Ems muß es lebhaft gewesen sein und Du bist der französischen Revolution so zu sagen auf halbem Wege entgegeugekommen." Mit dieser charakteristischen Mittheilnng schließen eigentlich die Briefe an die Schwester. Heine übersiedelt nun nach Paris nnd schreibt jetzt vor Ment an bie Mutter ober an Mutter und Schwester zusammen. Schon in dem ersten Briefe (25. Oktober 1838) heißt es: „Dein Jammern, liebe Mutter, über das außerordentliche Malheur, mich nicht zu sehen, mußt Du einstellen . . . Uebers Meer kann ich und will ich Dich nicht reisen lassen, durchaus nicht, ich gehe sonst nach 9legypten. Aber ich will, wenn Du es durchaus verlangst, diesen Sommer ans acht Tage nach Hamburg kommen, nach dem schändlichen Neste, wo ich meinen Feinden den Triumph gönnen soll, mich wieder zu sehen und mit Beleidigiingen überhäufen zu können." Die Nachrichten von dem Hamburger Brand versetzen ihn in die furchtbarste Aufregung. Er kann sich nur langsam beruhigen. Erst die Mittheilungen von Hause über das Faniilienglück seiner Schwester bringen ihn wieder in eine heitere Stimmung. So schreibt er nach der Verlobung seiner ersten Nichte an die Schivester (28. November 1842): „Du bist noch äußerlich und geistig so sehr jung und verheirathest schon eine Tochter und wirst also bald Großmutter werden! Und die Gluck wird Urgroßmutter! — Hütte ich nur einen Augenblick mein armes Väterchen, wie würde der sich gefreut haben! Das ist beständig mein Gedanke, und das Glück macht mich traurig!" — Ein ander Mal (23. Mai 43) schreibt er an die Mutter: „Bei mir hat sich in der Ehe noch gar nichts verändert; im Gegentheit, meine Fra» wird mit jedem Jahre vernünftiger und traitabler nnd ich habe meine Heirath noch nicht bereut. Das ist viel in der jetzigen Zeit und in Paris, wo es schlechte Ehen w'nninelt; die guten Ehen sind so rar, daß man sie in Spiritus setzen sollte." — In den nächsten Briefen spielt die Reise nach Hamburg eine große Rolle. Nach zwölfjähriger Abwesenheit kommt er endlich im November 1843 nach Hanse nnd verbringt seinen sechswöchentlichen Aufenthalt fast ausschließlich im engsten Familienkreise. Kaum ist er wieder abgereist, schreibt er schon an die Mutter (18. Dezember 1843): „Daß ich Euch nur Alle gesund und glücklich künftiges Jahr wiedersinde! Das ist meine einzige Sorge." Im nächsten Jahre macht er in der That dieselbe Reist, und zwar in Begleiiung seiner Frau, deren Aufenthalt in Hamburg Herr v. Embben sehr ergötzlich schildert. Was nun folgt, ist bekannt, aber es ist wahrhaft rührend und ergreifend, wie Heine seine immer zunehmende entsetzliche Krankheit vor der Mutter auf jede Weise zu verbergen weiß; wie er selbst seine ökonomischen Verhältnisse zu beschönigen und 9llles der alten Frau so rosig wie möglich zu schildern sucht. Ja, wührend seine Krankheit immer schlimmere Wendung nimmt, ist er fortdauernd ängstlich bemüht, der Mutter die Wahrheit zu verheimlichen; er erzählt ihr unter den unsäglichsten Leiden (7. Juni47), „daß er in einer wunderschönen Landwohnung das angenehmste und behaglichste Dasein genieße". Und weiter heißt es: „Ein großer Garten, beinahe ein Park, wo hohe Bäume nnd worin die Nachtigohls,