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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-12-02 · Heft 49 (2.12.1892) · p. Seite 584

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 49 (2.12.1892)
Date
1892-12-02
Page
Seite 584 (sequence 8)
Language
German
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584£ - culssaqun^en getäuscht. Keine Kluge entschlüpfte daher ihren Lippen; sich zwang sich zu lächeln und zu scherzen, so daß selbst der kluge Mendelssohn an ihr irre wurde. Er starb in dem festen Glauben, daß er für seine Tochter in jeder Beziehung gesorgt habe. Mit seinem Tode schwand zwar diese Rücksicht, aber die Macht der Gewohnheit übte auf Dorothea ihren wunderbaren Einfluß aus; sie hatte sich bereits in ihr Schicksal gefunden und verzichtete im Stillen auf ein erträumtes Glück. Anscheinend zufrieden, von mancher Frau ihrer Bekanntschaft noch beneidet, lebte sie ein Dasein voll Resignation und stiller Duldung, wie so viele ihrer Schwestern, deren geheimes Leid die Welt nicht kennt. Nur eine treue Freundin, die eben so schöne als kluge Henriette Herz wußte um Dorotheas Schmerz. Jene befand sich in einer ähnlichen Lage, indem sie den fast doppelt so alten Mann auf den Wunsch ihrer Eltern genommen hatte; aber freilich gehörte der Hofrath Herz, einer der berühmtesten Aerzte in Berlin, zu den geachtetsten und gebildetsten Männern der Residenz. Um die schöne Frau sammelte sich ein Kreis ausgezeichneter Persönlichkeiten, welche ihren Reizen huldigen durften, ohne die Eifersucht des in die Tugend seiner Frau das vollkommenste Vertrauen setzenden Mannes zu erregen. Für die fehlende Liebe fand die schöne Herz ihre Befriedigung in der Verehrung der Menge und in der Freundschaft der Brüder Humboldt und des berühmten Schleiermacher. Bei dieser Freundin lernte Dorothea eines Tages beit Mann kennen, ber diese täuschende Ruhe ihres ehelichen Verhältnisses für immer stören sollte. Die Hofräthin Herz stellte ihr den von Schleiermacher ihr empfohlenen Friedrich Sch legel vor, dessen Name ihr bereits durch seine Schriften bekannt war. Schlegel verband damals mit einein ansprechenden Aeußern, das allerdings für den schärferen Beobachter eine gewisse feine Sinnlichkeit verrieth, eine geistige Beweglichkeit und eine bezaubernde Geselligkeit. Er gehörte zu den damals auftauchenden „schönen Geistern" jener Periode, welche eine schrankenlose Genialität an die Spitze ihres Glaubensbekenntnisses stellten und das deutsche Philisterthum mit den glänzenden Waffen ihres Witzes und einer selbstbewußten Ironie bekämpften. Gründliche Studien und gediegneres Wissen war ihm nicht abzusprechen, aber es fehlte ihm vor Allem der sittliche Ernst und die Wahrheitsliebe Lessings. Wo dieser überzeugte, blendete Schlegel, indem ihm eine glühende, rastlose Phantasie zu Hilfe kam. womit er die oft schwachen Stützen seiner Gedanken und Behauptungen wie mit einem Blumenkranz bekleidete und so dem prüfenden Blick entzog. Nach der vorangegangenen Nüchternheit mußte diese bacchantische Begeisterung Alles mit fortreißen, die Kühnheit des jungen Kritikers selbst die bessern Geister bestechen und in ihm einen neuen und gewaltigen Reformator der Zeit, einen die Welt verjüngenden litterarischen Dionysos, erblicken lassen. (Fortsetzung folgt). d Neue MrliheUungen über Heinrich Heine. In einer Zeit, in der von der Bühne nnd in Zeitschriften gelehrt wird, daß das fünfte Gebot keine Geltung mehr haben könne, thut es wohl, die Stimme eines großen Dichters zu vernehmen, der all seinen Verehrern zurief: „Ehre Vater und Mutter! Das ist eines der Hauptgebote!" Und daß diese Stimme die Heinrich Heine's ist, wird vielleicht gerade den tiefen Eindruck einer solchen Mahnung verstärken. Man muß darum der greisen Schwester des Dichters zu herzlichem Danke verpflichtet sein, daß sie sich entschlossen hat, den reichen Schaß von Fainilienbriefcu, die Heine an seine Mutter und an sie gerichtet hat, zu veröffentlichen. Wenn diese Zeilen in die Hände der Leser koinmen, wird wohl das bereits vor seinem Erscheinen viel besprochen! Buch zur Ausgabe gelangt sein, welches den Titel „Heinrich Heine: Familienleben" führt. Dasselbe enthält 122 bisher ungedruckte Briefe des Dichters von den Universitätsjahren bis zu seinem Tode. Alse von 1820—1855. Die meisten sind an Mutter und Schwester zu gleich, einige an die Mutter allein, einige an die Schwester allein, etwa zehn an andere Verwandte gerichtet. Außerdem enthält da: Buch noch das allein richtige Testament des Dichters, welches ich abe: schon vor 15 Jahren, allerdings in deutscher Uebertragung, veröffentlich, habe, und eine geschäftliche Korrespondenz nüt Frau Mathilde Heine die allerdings nur für eingeweihte Kreise von Interesse sein dürfte Desto größeres Interesse wird aber die Publikation selbst für all: diejenigen haben, welche den Dichter lieben, nnd auch für die, - welche ihn hassen. Ist es gestattet, bei der Beurtheilung derartiger Schöpfungen per sönliche Gefühle walten 311 lassen, so kann ich auch hier nicht ohne eine Empfindung berechtigten Stolzes es aussprechen, daß die These die ich nun schon bereits seit fast 24 Jahren, vielleicht allerdings mv mehr Eifer als Geschick, immerhin aber gegen eine ganze Kohorb von Gegnern vertheidigt habe, die These nämlich, daß Heine nichi blos ein großer Dichter, sondern auch ein guter Mensch war, nunmehr durch dieses Buch glänzend gerechtfertigt wird. Enttäusch! werden allerdings Diejenigen sein, welche geistreiche Einfälle, gut, Wiße, feine litterarische Bemerkungen oder gar wichtige Aufschlüsse über gewisse dunkle Punkte in des Dichters Leben er warten. Es ist also nicht Heine, der Dichter, sondern viel mehr und ausschließlich der Mensch Heine, der uns in diesem Buche entgegentritt. Und um cs gleich von vornherein zu sagen: der Grundzug dieses Buches ist Liebenswürdigkeit und Güte. Man kann es dreist behaupten, daß es in unserer ganzen deutschen Litteratur nichi viel Familienbriefe giebt, die ein so reines Gefühl von Liebe und Treue athmen, wie diese; so viel Zartheit, eine so vornehme Gesinnung, ein so reiches, liebevolles Herz bringt Heine seiner Mutter und seiner Schwester entgegen, daß man wahrhaft gerührt wird durck die Lektüre dieser Briefe. Aber auch seinen Brüdern, selbst wenn si> ihn ärgern, seinen Neffen und Nichten, auch wenn sie ihm fern standen ja selbst seinem Oheim widmete er ein so wahrhaft herzliches und aufrichtiges Empfinden, daß man immer und immer darüber staunen muß, wie gut dieser Dichter sein Herz vor der Mitwelt verbergen konnte. Und noch einen anderen Eindruck möchte ich an dieser Stelle nicht verschweigen. Es ist das gute jüdische Herz, das aus all diesen Briefen 311 uns spricht, das jüdische Herz, das auch in de: Brust dieses Spötters schlug, und dessen Schläge wir in diesen Ergüssen förmlich hören können. Natürlich kommt in den Briefen auch die Taufe zur Sprache Es ist schade, daß die betreffende Briefstelle nicht ganz abgedrnckt ist. Dort heißt es nämlich (31. Juli 1825): „Grüße mir Moritz recht herzlich und wen» Du sicher bist, daß er keine Plaudertasche, sage ihm, ich scjetzt nicht nur Dr. juris, sondern auch-(hier stand wahrscheinlich das Wort „geschmadt") — Du kennst jetzt schon seit zwei Jahren unfern Moritz ganz intim und mußt jetzt wissen, was an ihm ist, vier den Mund halten kann u. s. w." Also auch Heine hat sich de: Taufe geschämt, genau so wie Henriette Herz, von der wir jüngseinen ähnlichen Brief an Schleiermacher veröffentlicht haben — da-: ist werthvoll und charakteristisch zugleich. Betty Heine, die Mutter des Dichters, war nach den überein stimmenden Berichten ihrer Zeitgenosse» eine vortreffliche Frau, und Charlotte Embden, die greise Schwester des Dichters, die diese Brief' herausgegebcn, ist eine nicht minder vortreffliche Frau, die zu rühmen

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