Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 49 (2.12.1892)
- Date
- 1892-12-02
- Page
- Seite 583 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nicht minder verletzend erschien ihr der Moment, >vo der junge Mann nach vorgeschriebener Sitte ein Glas mit seinen Füßen in hundert Splitter zertrat, um damit anzudenten, daß die Herrschaft des Hauses ihm gehöre und er jeden Widerstand wie das zertretene Glas zu brechen wisse. Aber am schmerzlichsten war der Abschied von ihrer Fmnilie, von dem herrlichen Vater, der liebevollen Mutter, von einem Kreise, der ihr unersetzlich schien und auch war. Weinend riß sie sich aus den Armen der Ihrigen los, trennte sie sich von den Freunden und der Gewohnheit eines Daseins, in dem sie bisher ihre volle Befriedigung gefunden hatte, um ein neues, ihren Wünschen und Neigungen widerstrebendes Leben anzutreten. Der gute Vater küßte noch einmal die scheidende Tochter und segnete sie aus der Fülle seines Herzens. „Weine nicht," tröstete er die Aufgeregte, „Du wirst glücklich sein." So lebte der tveise Mendelssohn in dem festen Glauben, das Loos eines geliebten Kindes gesichert zu haben. Der Philosoph hatte alle Verhältnisse mit weisem Scharfsinn berechnet und erwogen, nur einen unberechenbaren Punkt außer Acht gelassen — das Herz eines Weibes. — II. Die meisten jüdischen Ehen waren damals glücklich zu nennen, wenn auch mehr vom praktischen als idealen Standpunkt betrachtet. Der Mann geht seinen Geschäften nach, erwirbt und sorgt mit anerkennnngsiverthem Eifer für seine Familie; er behandelt die Frau, welche das Erworbene zusammenhält und ihm rathend und oft helfend zur Seite steht, mit Achtung und Aufinerksamkeit. Rohheit und Ausbrüche der Brutalität von Seiten der Männer, sowie Untreue der Weiber gehören selbst bei den geineinsten Juden zu den äußersten Seltenheiten. Die Kinder knüpfen dies Band noch inniger, so daß mit Recht der Sinn und die Liebe des Juden für seine Familie sprichwörtlich geworden ist. Allerdings giebt es Herzen, welche für eine Stunde des Entzückens Jahre des bittersten Leidens eintauschen wollen; die den verheerenden Sturm einer großen, allmächtigen Leidenschaft dem ruhigen Glücke einer alltäglichen Zärtlichkeit vorziehen. Solch ein Herz besaß Dorothea Mendelssohn, stark und entschlossen genug zu dem größten Opfer. Was kümmerte sie der Reichthum, der sie jetzt umgab? Sie hätte lieber gedarbt und gehungert. wenn sie dein Manne begegnet wäre, den sie wahrhaft lieben konnte. Mit trübem Lächeln blickte sie auf den theuer» Schmuck, welchen der gutmüthige Veit ihr zu ihrem letzten Geburtstage geschenkt hatte. Die funkelnden Diamanten ersetzten ihr nicht das mangelnde Glück, die blutrothen Rubine gaben ihr keinen Trost, und die öleichen Perlen mahnten sie nur an ihre heimlich geweinten Thränen. All diese Aufmerksamkeiten, mit denen sie der zärtliche Gatte überhäufte, vermochten nicht, die stille Trauer der jungen Frau zu zerstreuen. Zwar mußte sie sich selbst gestehen, daß sie keinen Grund zur Klage hatte. Konnte es einen bessern Mann auf der ganzen Welt geben, als der ihr zu Theil geworden war? Seine Gutmüthigkeit grenzte fast an Schwäche; er war so stolz auf ihren Besitz, so glücklich in ihrer Nähe, daß er keine Ahnung von dem nnsichern Grunde hatte, auf dem sein Familienleben ruhte. Mit jedem Tage erweiterte sich unmerkbar für ihn die Kluft, welche die Gatten früher oder später trennen mußte. Es fehlte Beiden das richtige Verständniß für einander, jene innere Sympathie der Seele», die gleiche oder doch wenigstens ähnliche Lebensanschauung, welche in der Ehe eine unbedingte Forderung ist. Dorothea ließ den trefflichen Eigenschaften ihres Mannes die vollste Gerechtigkeit widerfahren, und doch fühlte sie sich, ohne daß er die Schuld trug, täglich und stündlich verletzt. Selbst sein Streben nach Bildung war nur ein neuer Grund, den gegenseitigen Abstand noch schärfer hervortreten zu lasten. Veit besaß jenen klaren Verstand seines Volkes; deshalb beschäftigte er sich am liebsten mit den realen Wissenschaften; Reisebeschreibungen, physikalische Werke bildeten seine Lieblingslektüre, während Dorothea sich in die neuesten Schöpfungen der Dichter versenkte. Auf ihre Empfehlung las er dann und wann ein ähnliches Buch, ohne ihm Geschmack abzugewinnen. So that er es mit dem eben erschienenen „Werther" von Goethe, der damals ein ungeheures Aufsehen erregte und allen empfindsamen Seelen Thränen entlockte. Er kritisirte mit vernichtendem Spott diese sentimentale Richtung der Zeit, für die sein unpoetischer Geist durchaus kein Verständniß hatte. Seine Ansicht unterstützte er mit der Autorität eines Nicolai und Lessing, der für ihn der größte Dichter Deutschlands blieb, der einzig lesenswerthe Schriftsteller. Bei aller Achtung für den großen Freund ihres Vaters war Dorothea bereits von der neuen Bewegung der Litteratur so ergriffen, daß sie keinen Anstand nahm, zu »vidersprechen und Goethe besonders dem pedantischen und überall Jesuiten riechenden Nicolai gegenüber zu vertheidigen. Sie that das mit einer Heftigkeit, vor welcher Veit ganz erschrocken verstummte. Aehnlicher Streit und Zwiespalt wiederholte sich auf dem religiösen Gebiete. In den frommen Satzungen der Väter nufgewachsen, hing Veit mit warmer Liebe an dem Judenthum, dessen Einfachheit und Klarheit gegenüber der mystischen Tiefe des Christenthums seinem eigenen klaren Verstände vollkonnnen zusagte. Nie hätte er sich entschließen können, an die ihm undenkbare „Dreieinigkeit" zu glauben, die neben dem Glauben an den einen Gott Israels ihm wie Götzendienst und Lästerung Vorkain. Wenn er auch hie und da einräunien mußte, daß viele Ceremonien und Gebräuche des Judenthums nicht nur veraltet und lästig, sondern geradezu thöricht und schädlich »raren, so konnte er sich doch nicht ans liebgewordener Gewohnheit davon trennen. Gegen ihre Ueberzengung mußte die junge Frau diese oft für sie unangenchinen und kleinlichen Pflichten eines nach ihrer Meinung sich vollkommen überlebt habenden Kultus mit der größten Strenge üben. In alle» anderen Dingen äußerst nachgiebig, zeigte sich Veit in diesem einen Punkte äußerst fest und unnahbar. Mit dieser Anschauung des Glaubens stand Dorothea selbst im größten Widerspruch. Der Rationalisinus des Judenthums konnte ihr tieferes und innigeres Bedürfniß nach Religion nicht befriedigen, selbst die geläuterte Auffassung ihres philosophischen Vaters und die von ihm angeregten Reformen entsprachen ihrer Sehnsucht nicht. Wurden auch diese Gedanken mehr von ihr geahnt, als deutlich und bestimmt erkannt, so reichten sie doch hin, um den Zwiespalt zlvischen ihr und dein Gatten nur noch mehr hervorzurnfen und die schon vorhandene Kluft zu eriveitern. Selbst die in kurzen Zeiträumen nach einander erfolgte Geburt zweier Knaben vermochte nicht, das zerrissene Band wieder anzuknüpfen. Die zärtlichsten Mütter sind nicht iminer die glücklichsten Frauen, und je inniger Dorothea diese Kinder liebte, desto gleichgiltiger wurde ihr der Gatte. Was ihr an Zärtlichkeit blieb, wandte sie den beiden Knaben zu, so daß der arine Veit leer ausging. Dieser wurde durch seine Geschäfte so in Anspruch genoinmen, daß er keine Zeit hatte, auf diese inneren Seelenzustände seiner Frau zu achten; er wie alle Welt hielt seine Ehe für eine wahrhaft glückliche. Dieser Wahn wurde allerdings durch Dorotheas eigenes Benehinen unterstützt; so lange ihr berühmter Vater lebte, wollte sie ihm die Kränkung und den Schmerz ersparen, daß der Philosoph sich in seinen Berechnungen und Vor-