Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 49 (2.12.1892)
- Date
- 1892-12-02
- Page
- Seite 580 (sequence 4)
- Language
- German
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580 Der Tod des Dr. Gcrson Wolf Hot eine Vakanz in unserer Beamten-Hierarchie geschaffen. Seit dem Tode des geistvollen und wissensreichen Simon Szantö versah er den Dienst eines Religionsnnlerrichis-Juspcllvis. Cr widmete sich dies«m Amte mit Eifer und Gewissenhaftigkeit. Wie ich höre, soll Dr. Jonathan Wolf dazu auscrsehcn sein, von nun ab ganz oder theilweise das Amt zu übernehmen. Der Gemeinde wäre zu der Aequisition zu gratuliren. In vorzüglicher Weise mit dem hierzu erforderlichen Wissen ausgestattet, durch die eigene vieljährige Lehrthätigkeit ans dem Gebiete des Religionsunterrichtes wie nur Wenige erfahre», in seiner Lebensführung mustergiltig, kann er als Religionsunterrichts-Jnspeklor wahrlich Ersprießliches leisten. U Help Vour86lk! Europäischer Brief an einen amerikanischen Kollegen. Von Dr. Jg». Ziegler, Rabbiner in Karlsbad. Also, lieber Freund! „Help Yourself“ ist Dein Rath. Worin «rberdiesc Selbsthilfe bestehen soll, das erwähnst Dn mit keinem Sterbenswörtchen. Du zeigst nur den falschen Weg, den wir nicht weiter gehen sollen, welcher aber zu betreten wäre, vermeidest Du anzugeben. Wie wenn ein Schiffbrüchiger, den der glüclliche Zufall eine Barke finden ließ, dem zweiten mit den Wellen Ringenden zurufen wollte: llolp Yourself! Hilf Dir selbst! Ja, lieber Freund! Sollen wir denn Alle Europas Staub von den Füßen schütteln und Thalatta, Thalaüa! selig zu Dir hinüberschwimmen, nachdem unser Sehnen unerfüllbar geworden? Siehst Tu, da hat der alte Zuuz — allerdings ein Europäer — doch anders gesprochen: „Weil ich gesehen, daß ich in der Wüste predigte, habe ich aufgehört zu predigen, doch nicht um dem Inhalt meiner Worte treulos zu werden", und auch in der Wüste ist er derselbe geblieben! — Es ist mir rein undenkbar, daß Du den vollen Sinn Deines Motto in das ideale Leben des Rabbinerthums verpflanzen wolltest. Leiste Jedermann das Allerbeste, das Publikum wird dann schon wählen! Freie Konkurrenz — wie ich sehe, bist,Du Demokrat geworden — auf allen Bahnen und die Käufer mögen nach Belieben aussuchen! Weißt Du denn nicht, daß in unseren Tagen unser Publikum die Waare nicht versteht und nur nach Billigkeit fragt? Wissenschaft, Gediegenheit ist bei uns zu Lande Hekuba, billig soll es sein, das genügt! Das Losungswort des kommerziellen Verkehrs kann dem geistigen Leben nicht angepaßt werden,! und wenn doch, dann nur unter gleichen Grundbedingungen! Trefflich war die Antwort des Abgeordneten Sueß ans die berühmte Ansprache unseres Kaisers: „Wir können einen Skandal nicht mit einem Skandale beantworten!" Rur auf gleichem Boden ist ein ehrliches Kämpfen möglich, nur unter anständigen Leuten ist die Selbsthilfe vor niedrigen Ausschreitungen bewahrt. Waren die Aerzte und Rechtsanwälte nicht zum Einschreiten gezwungen gegen Kurpfuscher und Winkelschreiber? Warum thaten sie das? warum mißgönnten die studirten Herren , diesen armen Schluckern das bischen Nebenverdienst? Etwa aus Geldgier? Zweifellos gab es auch welche, die nur an den Groschen dachten, doch die große Anzahl war bestrebt, das Volk aus der Verdummung, ans seinem Aberglauben herauszureißen lind verwahrte sich dagegen, mit Lumpen und Gaunern in einen Topf geworfen zu werden. Gewiß! Der reiche Mann wird keinen Kurpfuscher rufen und keinen Winkelschreiber, der kleine Mann wird sie aber aufsuchen, nur weil sie billiger ihm scheinen und weil sie auf seine blöden Ideen eingehen. Nun zu uns Rabbinern! Der Eine hat mehr Wissen, mehr i Fähigkeit als sein Nachbar; nichtsdestoweniger haben sie zum großen > Theile eine gemeinsame Grundlage, gemeinsame Prinzipien, Anstand und Takt. Unter diesen ist Dein Help Yourself gut möglich und die größeren Gemeinden können ihre Wahl nach den Leistungen treffen. Die kleinen Gemeinden aber suchen billige Waare, suchen Rabbiner, die ihren Etat nicht belasten, weiter aber auch nichts. Du wirst mir aber das Zugeständniß machen, daß gerade für die kleinen Gemeinden der Rabbiner von großer Bedeutung ist, daß er eben da der geistige und religiöse Erzieher seiner Gemeinde werde, und nun soll ich müßig znsehen, wie verkommene Subjekte die heute so wichtige Warte besteigen, wie Leute, den Fremden zum Spott, die geistlichen Vertreter des Jndenthums werden, die den Pentateuch nicht übersetzen können und dabei auf der untersten Stufe allgemeiner Bildung stehe», und mit diesen soll ich in freie Konkurrenz treten, mit diesen soll ich wetteifern um die Palme der Achtung und des Verdienstes! Wahrlich, mein Freund! wäre es nicht so traurig, man könnte lachen über das gutgemeinten Help Yourself. Du sagst, auch unter diesen gäbe es tüchtige Auivdidakteu. Wer will denn das in Abrede stellen, und wer von uns ist nicht bereit, diese anzuerkennen, mit brüderlicher Werthschätzung sie ausznnehmen? Verlangen wir denn den Doktor oder just ein gesteinpeltes Rabbinatszeugniß? Wir fordern nur die für das Rabbinat allcrnothwendigste Kenntniß des Rabbinischen, nehmen wir an, die eines Kandidaten, der in Breslau 6—7 Jahre gesessen, ohne die Reife erhalten zu haben und sich schließlich anderen Ortes einer etwas leichteren Prüfung unterzieht. Du kannst es aber nicht verlangen, daß ich einen ungeheuerlichen xrVHl&HD DP pD“HDl herumwirthschaften lasse und mich begnügen soll, lächelnd über däs wüste Treiben und über den Niedergang des religiösen Gedankens hinweg zu sehen; daran könnte höchstens ein Deist Gefallen haben, doch ein Jude niemals. — All diesem gesellt sich noch der Umstand zu, daU es uns unmöglich gleichgiltig sein kann, ob >vir von der Behörde vollkommen gleich geachtet werden oder nicht. — Vielleicht wäre es mir auch nicht unlieb, wenn die Behörde sich um uns nicht kümmern wollte; da sie es aber thut, so muß unser Bestreben darauf gerichtet sein, uns einen gewissen Respekt zu verschaffen, unser Ansehen bei der Behörde zu vergrößern, aber nicht zu schmälern. Wie soll dies aber geschehen, wenn ungehobelte, unwissende Leute aus ihrer dunstigen Atmosphäre durch den Zauberstab der Regierung plötzlich herausgehoben werde», um als Führer und Leiter der jüdischen Kultusangelegenheiten bestellt zu werden? Oder glaubst Du vielleicht, daß diese einstigen Schächter, Pächter, Schneider und Kleiukrämcr daran gehen werden, durch Fleiß und Ernst würdig ihr Amt zu ver- Ireten? Wenn ein Mensch fähig ist, für 25 oder 50 Gulden ein Rabbinerzcugniß sich zu kaufen, muß ihm da nicht das Streben nach weiterer Fortbildung abgesprochen werden? ist es dann noch erlaubt, solchen Individuen vertrauensvoll die Zukunft unserer Jugend in die Hände zu legen? Aus Deiner Abneigung, die Staatsgewalt zum Schutze anzurufen, spricht die Kenntniß der jüdischen Geschichte, die Thatsache, daß ein solcher Schritt stets von unheilschweren Folgen begleitet war. War es nicht Juda Makkabis größter politischer Fehler, das mächtige Rom um Beistand anzugehen? War es nicht ein gewaltiger Fehltritt der Antimaimunisten, als sie in ihrer Angst vor religiösem Verfalle die Staatsgewalt gegen die Ketzer losließen? War das Amt der mittelalterlichen Reichsrabbiner nicht eine Plage für die ganze Judenheit? Und zu allen Zeiten war es verpönt, auf den inner» Zwist die Regierung aufmerksam zu machen, und man hielt es für das Beste, den Streit ruhig unter einander auszutragen. Trotzdem, daß wir den modernen Staat, mag er noch so wenig judenfreundlich sein, mit dem des Alterthums und des Mittelalters gar nicht vergleichen können, und ohne auf die Frage weiter eingehen zu wollen, ob eine Regelung