Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 48 (25.11.1892)
- Date
- 1892-11-25
- Page
- Seite 575 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Hans lachte mir ins Gesicht, riß dem Kleinen sein Mützche» -i Kopf und warf es unter Schreien und Jubeln der Andern in c» Fluß. Die Brücke wird wenig begangen. Trotzdem hatten sich einige mvachsene eingefunden, die lachend dem empörenden Betragen der ,!»>.der zusahen. Ein Bauer rief sogar: „Hättest den Judenbalg terher werfen sollen." Ich nahm still meinen kleinen Schützling in die Hand und behütete das arine Waisenkind nur vor neuen läßüandlungen, indem ich seiner Pflegerin, einer rohe», habgierigen rson, meinen größten Schatz, einen blanken Thaler, zu einer neuen f«i»tze einhändigte. So wurde ich die Beschützerin des armen Jungen, und von |iv:n Tage an nannte inan mich nur noch das „Juden-Hannchen" im ttelnden Ton, sogar auch mein Lehrer. Am unglücklichste» machte »ch aber das Betragen von Hans, der, wo er niich sah, höhnend i: Inden-Hanne, Juden-Hannchen. So kam der Winter heran und brachte uns eine entzückende i' wahn. Ich lief leidenschaftlich gern, und keiner konnte es mir ü»D Hans gleich thun. Wenn auch unsere Freundschaft nicht wieder?»z hergestellt war, so brachte uns doch der schöne Sport wieder »iher und wir liefe» täglich zusammen. Es war ein herrlicher Sonntag. Strahlend schien die Winter- ’ »ne auf die spiegelblanke Eisfläche der Ufer, und die offene Fluß- ■ nnung der Mitte schimmerte grünsilbern zu uns hinüber. >»nid in Hand mit Hans strahlend in glücklicher Jugendlust flogen r. iv dahin. Plötzlich mußten wir halten. Bor uns auf einem kleinen > unseligen Schlittchen saß der kleine Baruch, mein Schützling, und »chle in seinem dünnen Röckchen, zitternd vor Frost, ein paar alte, - fige Schlittschuhe an seinem kleinen Füßchen zu befestigen. „Verminter Jiidenbub'" schrie Hans wüthend über das Hinderniß, gab 1 it dem Fuß dem kleinen Schlittchen einen kräftigen Stoß, daß es »ilgeschivind der offenen Strömung zuflog. Ein entsetzter Schrei »i mir, ein hilfeflehender Blick der klugen Augen und verschwunden »ir das arme kleine Menschenkind unter der glitzernden, trügerischen lache!! Niemand war da, kein Menschenauge hatte es gesehen. Ich ollte mich von Hans losreißen, um das Kind zu retten, er aber dtenblaß hielt mich wie mit eisernen Klammern fest. Menschen kamen herzu, Erwachsene hielten mich fest. Fischer »it eisernen Haken an langen Stangen sah ich wie im Nebel nach ein Verunglückten, suchen und eine tiefe Ohnmacht erlöste mich von?r Qual dieses Anblicks. Zu mir gekommen, hörte ich den Ruf nies Fischers: „Er ist todt, der Judenbengel." — Entsetzt starrte ich ach der Stelle, wo die kleine Leiche lag, und laut schluchzend warf ch mich neben meinen kleinen Liebling, der starr und kalt auf der »rde lag. Niemand hatte ein Tuch für ihn übrig, Niemand drückte nie schönen Augen zu, und Niemand wollte vas arme Jndenkind in leine Wohnung tragen. Rauhe Hände rissen mich los und man -«rächte mich mit Gewalt nach Haus zu meiner Mutter. Auch ihr erzählte ich nicht von Hansens Schuld, Niemand fragte überhaupt, >vie es gekommen; es war ja blos ein Jude. Bon diesem Tag an war ich ein stilles, ernstes Kind, und nie wieder konnte ich ohne Schauder den Fluß meiner Heimath sehen. Nieine Eltern starben plötzlich und ich verließ die Stadt, ohne Hans wiedergeschen zu habe». Die Zeit und eine andere Umgebung hatte wohlthätig und beruhigend aus mich gewirkt und das tragische Ereigniß war halb vergesse». Mit siebzehn Jahren führte mich euer Vater in die Gesellschaft ein. Vergnügt und froh machte ich meinen ersten Ball, einen Hausball beim Kommandeur A„ mit. In einer lauschigen Ecke sitzend, froh, einmal aufathmen zu können von den Anstrengungen des Tages, hörte ich plötzlich eine nie vergessene Stimme hinter mir sagen: „Hanne, Hannchen, sind Sie es denn wirklich?" Hans stand vor mir. Er warffchön und stattlich geworden, und das Glück, mich zu sehen, strahlte ihm aus den Augen. Vergessen war Alles, wir sahen uns an. und ehe ich wußte, wie mir geschah, hielt mich Hans umschlungen und nannte mich küssend seine kleine, süße Braut. Geliebt hatte» wir »ns schon als Kinder. Ei» glücklicheres Brautpaar wie »ns, gab es wohl nicht. Hans hatte eine gute Stellung, und der Tag unserer Hochzeit war bereits festgesetzt. Mein Bräutigam hatte eine wundervolle, gut geschulte Stimme, und nichts machte mich glücklicher, als wenn er mir seine Lieder sang. In dem lauschigen, kleinen Salon eurer Mutter stand mein Flügel, und Hand kam jeden Abend, um bei uns den Thee zu nehmen und mit mir zu musiziren. An einem stürmischen Herbstabend, du, Oskar, warst krank und Deine gute Mutter verließ uns, um nach Dir zu sehen, spielte mir Hans mein Lieblingsstück, einen Brahmsschen Tanz. Plötzlich zu einer anderen Melodie überspringend, sang er jubelnd: „O Heimath, süße Heimath, wie bist du so schön"! Wie im Geiste sah ich den Fluß mit seinen herrlichen Ufer» der Heimath an mir vorüberziehu, bezaubernd wie im Frühling, strahlend wie im Sommer und herrlich wie im Herbst, dann der starre Winter mit seinem Leichentuch die Erde bedeckend, darauf an den Ufern des erstarrten Flusses die kleine Leiche mit hilfeflehenden, gebrochenen Augen. Dann verstummte das Lied. Hans stand vor mir: „Hanne", sagte er, mich umschlingend, „liebe, süße Inden-Hanne". Ei» Schauder rieselte mir durch die Glieder. Mechanisch zog ich den Ring vom Finger und gab ihn Hans. Die Sache für Scherz nehmend, sagte er laut lachend: „Nanu, Juden-Hannchen. „Mörder", flüsterte ich, „Mörder", und hinter mir und nieinem Glück fiel die Thür ins Schloß. Fitterarische MittheUrmgen. — Für literarische Kreise wird die Mittheilung gewiß von Interesse sein, daß das Werk „A rudi Completum“ des Rabbiner Dr. Alex. Ko Hut in Newyork in acht starken Bünden mit Supplement und Inder nunmehr vollständig herausgegeben, nachdem es erst vor zwei Monaten fertig geworden, aus dem Selbstverläge des Herausgebers soeben in den Besitz von K. F. Köhlers Antiquarium in Berlin und Leipzig übergegangen ist. Ueber die Wichtigkeit dieses Werkes für jeden Fachmann, Theologen und Orientalisten ist kaum eine Bemerkung nöthig; wer dasselbe nur einmal benutzt hat, sieht, welche Fülle von Wissen und Sprachforschung in ihm enthalten ist. Schon der „Aruch" des Rabbi Rathan ist nameutlich in seinen ersten vollständigen Ausgaben, trotz seiner vielfachen Mängel für den Fachmann, von geradezu unschätzbarem Werthe, da die meisten Artikel nicht nur philologisch, sondern auch halachisch behandelt werden. Bon ungleich höherem Werthe aber ist die jetzt vollständige Ausgabe des Aruch Completum von Dr. Alex. Kohut, da derselbe durch Vergleichung und kritische Untersuchung der ältesten gedruckten Ausgaben und sieben alter Manuskripte viele Mängel des „Aruch" beseitigt, die Schlagwörter genau interpunktirt (was bisher noch in keiner Ausgabe geschehen), die griechischen, lateinischen, arabischen, syrischen und persischen Fremdwörter durch die diesen Idiomen eigenthümlichen Schriftarten ausgedrückt, und dadurch eine Menge verdorbener Stellen und verworrener Lesarten im Talmud und Midrasch beleuchtet, die Korruptelen in