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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-11-25 · Heft 48 (25.11.1892) · p. Seite 574

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 48 (25.11.1892)
Date
1892-11-25
Page
Seite 574 (sequence 10)
Language
German
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571 ihrer Seele zu bamu'ti suchte. Ihr Verstand gewann wieder seine Nolle Herrschaft über das aufgeregte Herz, und da bisher lein Mann eine wirkliche Leidenschaft in ihr entzündet hatte, sondern nur die Ahnung einer solchen ihre jungfräuliche Seele beunruhigte, so konnte es ihr nicht allzu schwersallen, sich mit ihrem Schicksal allmalig auszusöhnen. Als Dorothea am andern Tage erwachte, zeigte sie sich Nollkonnuen resignirt und bereit, dem jungen Beit einst als Gattin allzugehören. — Dieser erschien auch nach der Synagoge in Begleitung seines Vaters, um seine Werbung oorzubringen. Seine Züge waren nicht bedeutend, aber eben so wenig unschön oder gar gemein. Wenn er lächelte, was freilich nicht allzu oft geschah, gewann sein Gesicht durch den Ausdruck herzlicher Gutmüthigkeit. Sein ganzes Wesen war überaus einfach unb bescheiden, fast zu schüchtern, fern von der Anmaßung, welche die Söhne reicher Väter häufig anzunehnien Pflegeii. Selbst in seiner Kleidung gab sich sein schlichter Sinn zu crteimen: er trug einen dunklen Rock von feinstem Tuch, aber ohne jede Stickerei, das gefältelte Jabot von blendender Wüste war nicht einmal mit Spitzen besetzt: fein braunes Haar hatte er nach hinten gestrichen und in einen Haarbeutel zusammengebunden, statt es wie die Elegants jener Zeit in küiistlichen Locken rim die Schläfen aufzuthürmen. Mit bem dreieckigen Hute in der Hand näherte er sich befangen dein Mädchen, dessen Hand er fastte, um sie, wie es die damalige Sitte wollte, ehrerbietig an seine Lipven zu führen. Hatte Dorothea eine stürmische und leidenschaftliche Liebeserklärung erwartet, so sah sie sich getauscht. In wohlgesetzten Worten, aber ohne jede Schwärmerei bat er sie um ihre Hand, als ob es sich für ihn um irgend ein geschäftsmäßiges Vorhaben handelte, aber diese für ihr Gefühl nur zu Prosaische Bewerbung wurde von einem so zärtlich erwartungsvollen Blick aus seinen seelenvollen bralinen Augen begleitet, daß sich darin für den anfnierksamen Beobachter ein Schatz von wahrer Liebe offenbarte. Er gehörte zu jenen aiischeinend kalten Naturen, unter deren kühleni Aenßern ein warmes Herz sich birgt, wie unter der schützenden Schneedecke die innere Wärme sich verhüllt, welche die junge Frühlingssaat beschirmt. Auch als Dorothea, in Rücksicht auf die Wünsche ihrer Eltern, ihm eine befriedigende Antwort gab, blieb er ruhig wie vorher, ohiie durch ein Wort oder ein Zeichen seine tiefe Bewegung zu zeigeii. Die Freude uiachte ihn stumni und das Glück raiibte jhlii vollends die Sprache; ihm stand iiicht die Macht der Rede wie andern Mäniierii zu Gebote, die oft iim so beredter sind, je iveiiiger sie im Herzeii fühlen, ©eine Liebe wurde noch dazu durch die übermäßige Verehrung in Schrankeii gehalten, die er für den Geist des außerordentlichen Mädcheiis empfand, er sah zil ihr wie zu einer überirdischen Erscheinung empor, und diese Empfindung lähmte vollends jede Aeusterung seiner innigen Zuneigung. -- Nach und nach gewöhnte sich Dorothea an das zurückhaltende Wesen ihres Verlobten; sie lernte seine Herzensgüte und noch manche andere treffliche Eigenschaft des bescheidenen Mannes kennen und mußte im Stillen ihrem Vater recht geben, der mit klugen Blicken dies Alles vorgesehen. Sie hoffte, mit Veit so glücklich zu werden, als dies überhaupt bei der Verschiedenartigkeit ihrer Charaktere möglich war; aber im Grunde ihrer Seele hatte sie eine andere Liebe und ein anderes Glück geträumt. Was sie für ihren Verlobten empfand, war weit mehr ein schwesterliches Gefühl, eine gewisse Erkenntlichkeit für seine grenzenlose Hingebung, die sich in den zartesten Aufmerksamkeiten, in einer fast demüthigen Verehrung für sie kund gab. Sie konnte nicht ohne Rührung sehen, wie er sich bemühte, jeden ihrer Wünsche zu erfüllen, wie er so geduldig selbst ihre zuweilen hervorbrechenden Launen ertrug, wie er nicht müde wurde, ihr zu Gefallen zu leben. Hatte er nicht aus Liebe zu ihr noch einen Sprachmeister angenommen, um sich im Französischen, Italienischen und Englischen zu vervollkommnen? War er nicht cur ihren Wunsch sogleich bereit, an den damals anftanchenden Lese abenden mit vertheilten Rollen Theil zu nehmen, nachdem er deshal b sein Komptoir zeitiger als sonst geschlossen hatte? (Fortsetzung folgt Aas Iuden-Sannchen. Bon A W.') „O Heimath! süße Heimath! — Tantchen, warum kannst Tr eigentlich das schöne Lied von unserer Else nicht singen hören? - Hast Du mir nicht selbst erzählt, daß Deine Heimath das schönste herrlichste Fleckchen Erde sei? — Warum gehst Du nie nach G. und immun erzählst Du mir. Deinem Patenkind, so wenig davon? - Oskar sagte gestern, es sei landschaftlich wundervoll dort, da Städtchen selbst aber ein altes, schmutziges Judennest. So abscheulich? Juden." — Ernst und streng legte ich meine Hand auf Martha Mund und die kleine Schwätzerin hielt erschrocken in ihrer.; Satz inne. Rufe Else und Oskar, sagte ich nach kurzem Besinnen, und ban i will ich Euch die Geschichte meiner Heimath und meiner Jugend erzählen. — Euer Großvater, ein angesehener Kaufmann in G., war am!? als Mensch von seinen Mitbürgern geachtet und geehrt. Mein? Mutter, die Sanftmuth und Güte selbst, mußte ihn bei seiner aus gedehnten geschäftlichen Korrespondenz unterstützen, und so blieb fü? uns Kinder wenig Zeit übrig. Euer Vater war bereits auf der- Universität, und ich, der kleine Nachkömmling, der Liebling \uv Sonnenstrahl des ganzen Hauses, tollte nach Herzenslust in der schönen Umgebung unseres Hauses nnb den Gürten der Nachbarschan umher. Mein treuer Kamerad war der Sohn unseres Pfarrers, ba vier Jahre älter wie ich, der Anführer aller Unternehinungen wa. Da die Wohnungen unserer Eltern etwas getrennt von der übrigen Stadt lagen, kamen wir mit anderen Kindern wenig in Berührmm nur Hans brachte dann und wann einige Kameraden mit. Anderwurde es, als ich mit acht Jahren die Töchterschule besuchen mußt Altstadt und Neustadt sind durch den Fluß getrennt, und so mußten wir denn, um in die Schule zu kommen, die uralte, schöne Brüe pasnren. Unter Führung von Hans und mit klopfendem Herze i trat ich den ersten Schulgang an. Es ging vorzüglich, und um heißen Backen, stolz über das freundliche Lob meiner Lehrer, sprauz ich um zwölf Uhr vergnügt mit den neuen Freundinnen die hol c Schilltreppe hinab. Unten wartete schon Freund Hans, und jubelnd und im tollste -. Lauf ging es bis zur Brücke. Hier wllrde plötzlich Halt gemach., unb Mädchen und Knaben stellten sich wie auf Kornmando in Re und Glied ans, als kleine, menschliche Mauer den Brückenausgam versperrend. Meine Neugier und mein Erstaunen über das sondrn bare Manöver sollte nicht lange dauern. Aus der Neustadt tarn eine kleine Truppe jüdischer Schulkiilder, und kaum von den jungen Christen gesehen, schnell diese: Brückengeld, Brückenzoll! Schweigem unb still kam die kleine Schaar auf die lebenbe Barriere zu um keiner der {(einen Israeliten wurde durchgelassen, der nicht vorh e seinen Hut abgenommen und drei Mal hinein gespuckt hatte. Du lachst, Oskar, Dll lachst über eine Rohheit, die lnich klein-' Kind empörte. Schäme Dich. — ') Diese hübsche Skizze ist der erste litterarische Versuch einer nichr jüdischen Dame in Schleswig-Holstein. Die Red.

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