Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 48 (25.11.1892)
- Date
- 1892-11-25
- Page
- Seite 573 (sequence 9)
- Language
- German
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573 gewachsen. Sic war nicht eigentlich schön z» nennen, aber ihr in-!:rcssantcs Gesicht und besonders die dunkeln in wunderbarem Glanze mahlenden Angen verricthcn einen ungewöhnliche» Geist. Bon b ühestcr Jugend nahm sie den lebendigsten Antheil an den litterarischcn «besprächen und gelehrten Unterhaltungen ihres Vaters mit seinen , reunden. Wie ost hatte der berühmte Lessing nicht über die geist- >.eichen Einfülle des frühreifen Mädchens sich gefreut und ihren Scharfsinn belobt! Sie hatte mit athemloser Bewunderung seinen Borten gelauscht und sie tief in ihre empfängliche Seele eingeprügt, «ucht minder wie die Reden und treffenden Bemerkungen der übrigen 7 ichter und Gelehrten, die mit ihrem Vater verkehrten. Hatte dieser ruht selbst den in ihr ruhenden Keim, dieses Streben nach einer Here» Bildung mächtig gefördert und entwickelt? Für sie und i ren Bruder hatte er seine „Morgenstunden" geschrieben. Wissen! nd Erkenntniß schienen ihr die höchsten Güter des Lebens; der « ultus des Genius, die Verehrung des Talents war die einzige 'i eligion der erwachsenen Jungfran. Diese unter solchen Verhält- « fsen naturgemäße Richtung wurde noch durch fortwährendes Lesen k t neuesten Erscheinungen in der Litteratur genährt. Ihre lebhafte t hantasie entzündete sich an den auftauchenden Erzeugnissen einer 7:türm- und Drangperiode, von der sie, wie jene ganze Zeit, mit > ner Gewalt ergriffen wurde, von der die Gegenwart sich keine Vor-!. e klung mehr machen kann. Die Anfänge unserer neueren Litteratur > aiden noch einen jungfräulichen Boden, eine geistige Frische und! inpfänglichkeit, wie sie unsere übersättigte Kultur längst nicht mehr bunt. Dazu kam noch, daß Dorothea eine Jüdin war und vorzugsweise der unter den Juden seit Jahrhunderten zurückgedrängte Geist »d Drang nach Belehrung mit einem unwiderstehlichen Ungestüm : vt hervorbrach. Bisher ausschließlich auf den Talmud durch religiöse atzung und Unterdrückung aller Art beschränkt, zeigte dieses Volk am w nde des achtzehnten Jahrhunderts plötzlich das Streben nach der ihm 1 -her durch eigene und fremde Schuld vorenthaltenen Bildung. Mit aenschaftlicher Hast bemächtigte sich der verachtete Jude, der lediglich -her auf den Gelderwerb angewiesen war, der geistigen Waffe, ach die er sich Achtung und Anerkennung zu erkämpfen hoffte. Die olgen konnten nicht lange ausbleiben; die bisherigen Vorurtheile nvanden und bald sah man gebildete und hochgestellte Christen mit u zurückgesetzten Juden Verkehren; selbst junge Kavaliere traten ' «t in die Häuser der Hebräer, aber nicht um wie früher Geld auf sänder und Wechsel zu borgen, sondern aus bessern Gründen. Die ’ »»den und bisher einander gegenüberstehenden Elemente zogen sich genseitig an; die schönen und geistreichen Jüdinnen fanden Ankennung. während sie dagegen bei den christlichen Männern Eigenlasten und Sitten kennen lernten, die sie an ihren armen Glauusgenossen vermißten. Diesen erst allmälig entstandenen Verhältisen hatte sich auch Dorothea nicht zu entziehen vermocht; die wünsche und Träume der bliihenden Jungfrau fielen mit diesem lgemeinen Drang ihrer Nation nach Bildung zusammen und ersten dadurch noch cnergerische Färbung. — Als daher Mendels- ’ tm seine Tochter mit dem Anträge des Banquiers bekannt machte, usie erschrocken, obgleich sie keine andere Einwendung gegen den * bestimmten Bräutigam vorzubringen wußte, als seinen Stand B eine gewisse geistige Beschränktheit, die sie an dem jungen Veit ' ahrgenommen zu haben glaubte, obgleich sie nur seine Bescheidenheit : diesem Jrrthum verführte. „Du weißt," entgegnete ihr der kluge Vater, „daß Niemand ehr als ich den Geist und die Bildung eines Menschen schützen mu; aber beide sind nicht für sich allein ausreichend, um das Glück es Lebens zu begründen. Dazu gehört noch ein gutes Herz und ui edler Charakter; diese geben für das eheliche Verhältniß weit bessere und sicherere Garantien. Der Geist ist gleichsam nur die Festtagsspeise des Menschen, das Gemüth aber das tägliche Brod, das ihn ernährt und zusammenhält. Diese Eigenschaften besitzt der junge Beit im höchsten Grade, und deshalb würde ich keinen Anstand nehmen, ihm Dein Loos anznvertrauen. Außerdem kann ich Dir nicht einräumen, daß es ihm an Bildung fehlt; nian braucht nicht immer ein Gelehrter zu sein, um am Wissen Freude zu habe». Er besitzt, so viel ich weiß, den redlichsten Willen, ein ernstes Streben. Eine kluge Frau wird diese Richtung in ihm befördern und dazu beitragen, die edlen Keime zu entwickeln. Wäre er nichts weiter, als der Sohn eines reichen Mannes, so würde ich kein Wort zu seiner Empfehlung verlieren. Deshalb prüfe Dein Herz, ehe Du voreilig einen Mann zurückweist, der mindestens auf Deine Achtung Anspruch machen kann." Die Rede eines solchen Vaters mußte auf Dorothea einen großen Einfluß ausüben; sie war von Jugend an gewohnt, jeden seiner Aussprüche tvie ein göttliches Gebot zu verehren. Es herrschte damals noch jener patriarchalische Geist des Judenthums, jener merkwürdige Gehorsam der Kinder gegen ihre Eltern. Forderte auch Mendelssohn kein solches Opfer, so war doch das Gewicht seines Ansehens innerhalb der Familie und seine väterliche Autorität so groß, daß jeder Widerspruch vor ihm verstummte. Nur in ihrem Innern erhob sich noch ein stiller Kampf zwischen den Idealen und Träumen ihrer romantischen Einbildungskraft und der Wirklichkeit mit ihren gebieterischen Forderungen. Die mit praktischem Sinn begabte Mutter ließ es ebenfalls nicht an ihrem Zureden fehlen, indem sie auf das bedeutende Vermögen des Banquiers und auf die damit verbundenen Annehmlichkeiten hinwies. Trotz aller Romantik war Dorothea so lebensklug, um den Werth dieser irdischen Glücksgüter zu schützen. Weit mehr wurde sie von dem Gedanken bestimmt, daß diese Verbindung von den Eltern gewünscht und ihr lebhaft anempfohlen wurde. So gab sie denn ihre Einwilligung mit jener Ergebenheit, welche die Töchter ihres Volkes meist in den elterlichen Willen zeigen. — Erst als Dorothea allein in ihrem Bette lag, machte sich ihre unterdrückte Stimmung gewaltsam in einem Thrünenstrome Luft. Sie weinte um eine Liebe, die sie nie gekannt, um Gefühle, von denen sie nur eine unbestimmte Ahnung hatte. Wenn sic aber daran dachte, daß sie einem fremden Mann von nun an angehören sollte, so schauerte sie unwillkürlich zusammen. Sie wollte von ihrem Lager aufspringcn und sich zu den Füßen ihres eben so klugen wie milden Vaters werfen. Sie wußte, daß es nur eines Wortes bedurfte, um sie ihres gegebenen Versprechens zu entbinden; aber sollte sie wie ein thörichtes Kind in einem Augenblick widerrufen, was sie so eben erst ohne jeden Zwang gewählt, durfte sie die deutlich ausgesprochene Freude ihrer Mutter zerstören? Würde nicht der zwar nachsichtige aber auch charakterfeste Vater nach dem Grunde einer so plötzlichen Sinnesänderung fragen, und welche Gründe konnte sie ihm Vorbringen? Sein klarer Verstand, das fühlte sie, würde sich nicht mit den Träumen und Phantasien eines Mädchenherzens begnügen lassen. Seine Humanität und Menschenliebe hatten nichts mit Gefühlsschwelgerei und mit einer Liebe zu thun, von der sie selbst nur aus Romanen sich eine phantastische Vorstellung gebildet hatte. Sie Hütte die Kraft gehabt, einer Welt zu widerstehen, aber nicht dem feinen Lächeln eines Mendelssohn, womit er ihre kindischen Einbildungen in seiner sokratischen Weise widerlegt und trotz seiner Milde lächerlich gemacht haben würde. Sie selbst war ihm zu ähnlich und zu sehr in seinem Geist erzogen, um nicht mit derselben Schärfe über ihren Zustand zu denken. Aus Furcht, sich eine Blöße vor ihm zu geben, bekämpfte sie die aufsteigenden Zweifel und vagen Empfindungen, die sie nach und nach als unwürdige Schwäche aus