Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 48 (25.11.1892)
- Date
- 1892-11-25
- Page
- Seite 572 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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572 zweiten Theil des „lui'i'is Babel" den Grund zu der Wissenschaft der vergleichenden Sprachforschung, indem er fast alle wichtigen Sprachstamme, von den ältesten orientalischen bis zu den modernen europäischen Sprachen, in den Kreis seiner Untersuchung zieht und dieselben auf Grund der Vergleichung unter große Gesichtspunkte ordnet. Und obgleich er sich die eminente Schwierigkeit, ja die Unmöglichkeit, in diesem Sprachgewirr überall auf übereinstimmende Wurzeln zu stoßen, nicht verhehlte, so ist ihm doch auch die letzte Konsequenz seiner Intentionen nicht entgangen: er konstruirte auf Grund seiner vergleichenden Sprachstudien eine Polygraphia, ein Volapük, und konstatirt mit großer Genugtuung die ehrenvolle Thatsache, daß mehrere Kaiser und „sogar" ein Papst in ihren Mußestunden sich dieser Weltsprache bedient hätten. Wir schließen mit der Hoffnung, daß unseren Lesern die mit diesem merkwürdigen Manne angeknüpfte Bekanntschaft nicht unlieb sein wird. Tenn es liegt ja vor Allem darin eine gewisse Beruhigung für uns, zu sehen, daß auch die schärfsten Denker in vieler Hinsicht so ganz Kinder ihrer Zeit gewesen sind. Um so mehr bewundern nur dann allerdings auf der andern Seite die großartige Freiheit, mit der das Genie über die einengenden Schranken des Vorurtheils denkend und schaffend hinausgreift. E. F. FEUILLETON Me Tochter des Philosophen. Eine Erzählung von Max Ring. Es war an einem Freitag Abend, als der berühmte Philosoph Moses Mendelssohn in Berlin aus der Synagoge nach seinem Hanse i» der Spandauerstraße znrückkehrte, nachdem er sein Gebet verrichtet hatte. Unterwegs gesellte sich zu ihm der reiche und sehr angesehene Banquieur Beit, dem es eine Ehre war, an der Seite seines gelehrten Glaubensgenossen so gesehen zn werden. Ihre Unterhaltung drehte sich anfänglich um die Verhältnisse der jüdischen Gemeinde und um einige Kultusangelegenheiten, bis allmälig das Gespräch eine persönliche Wendung nahm. Aufgemuntert durch die humane Freundlichkeit seines philosophischen Begleiters trat Herr Veit mit einem Anträge hervor, der ihm schon lange Zeit am Herzen lag. Nach einer etwas verlegenen Einleitung verlangte er in aller Form für seinen Sohn die Hand der ältesten Tochter Mendelssohns, Namens Dorothea. Dieser war mcht wenig überrascht, obgleich er die Voctheile einer in jeder Beziehung glänzenden Partie wohl zri würdigen ivußte. Er selbst hatte die rauhe Schule der Armuth durchlaufen müssen, ehe er sich zu einem nur mäßigen Wohlstand emporgearbeitet. Der Philosoph war auch zugleich Kaufmann und praktisch genug, die mit dem Besitz verbundenen Annehmlichkeiten des Lebens nicht gänzlich zu verachten, obgleich er kein größeres Gewicht darauf legte, als der Weise soll und muß. Wie jeder gute Vater war er bedacht, das Glück seiner Kinder zu sicher» und ihnen den mühsamen, kummervollen Weg zu ersparen, den er selbst durchgemacht. Deshalb glaubte er den ehrenvollen Antrag des reichen Banquiers nicht von der Hand weisen zu dürfen, da dieser neben seinem bedeutenden Vermögen noch den Ruf eines Ehrenmannes genoß. Auch der Sohn desselben war dem Philosophen persönlich bekannt, da er zuweilen sein gastfreies Haus besuchte, wo er durch sein bescheidenes gutmüthiges Wesen sich Mendelssohns Wohlwollen erworben hatte. „Ich will," sagte er daher nach einiger Ueberlegung, „Ihren ehrenvollen Eintrag erst mit meiner Frau besprechen und vor allen Dingen das Herz meiner Tochter zu erforschen suchen. Wenn diese zufrieden ist, werde ich nichts dagegen haben, obgleich ich Ihnen nicht i verschweigen will, daß ich nicht im Stande bin, meinem Kinde eine Ihrem Vermögen entsprechende Mitgift und Aussteuer zu geben." „Was reden Sie?" sagte der durch diese Zustimmung erfreute Banquier. „Gottlob! Mein Sohn braucht nicht auf Geld zu sehen Liebenswürdigkeit und Bildung sind die einzigen Schätze, die er bei seiner Zukünftigen sucht, und wo kann ec die in höheren! Maße finden, als bei der Tochter des berühmten Mendelssohn. Der bloße Gedanke, mit einem solchen Mann in verwandtschaftliche Verbindung zu kommen, macht mich so glücklich, wie ich es gar nicht sagen kan». Ich sehe daher einer günstigen Antwort mit wahrer Ungeduld entgegen." „Die soll Ihnen zu Theil werden, sobald ich mit meiner Frau und Tochter gesprochen habe. Morgen früh hoffe ich Sie in der Synagoge zu sehen und Ihnen bereits Antwort geben zu können. Wie dieselbe auch ausfallen mag, da ich meine Tochter nie zwingen werde, so wünsche ich, daß wir die alten Freunde bleiben." „Gewiß!" bekräftigte der Banquier, indem er die hingehalteuc Hand des Philosophen ergriff und herzlich drückte. Als Mendelssohn in seine Wohnung trat, brannte der fiebenarmige Leuchter auf dem gedeckten Tisch und erhellte das bescheidene Zimmer. Die sorgsame Hausfrau hatte zu Ehren des Sabbaths sich und die Kinder festlich geschmückt und ging dem geliebten und verehrten Hausvater bis an die Schwelle der Thür entgegen. Nachdem er sie geküßt, breitete er »ach alter Sitte, die er so viel wie möglich beibehielt, seine Hände über die gcsammte Familie aus und sprach in hebräischer Sprache den Segen des Herrn über jeden Einzelnen. Dorothea brachte ihm das schwarze Sammtkäppchen, das er mit dem dreieckigen Hute vertauschte, worauf sie sich entfernte, wn in der Küche nach dem Abendessen zu sehen. Während die übrigen Kinder auf einen Wink des Vaters ebenfalls das Zimmer verließen, machte Mendelssohn seine Frau mit dem Anträge des Banquiers bekannt. Diese war sogleich dafür im höchsten Grade eingenommen, da sie durch eine vortheilhafte Verbindung das Glück der Tochter gesichert glaubte. Mit Mühe nur hielt sie Mendelssohn ab, sogleich in die Küche zu eilen und Dorothea mit dem ihr zugedachten glänzenden Loose bekannt zu machen. Dies geschah noch int Laufe des Abends, nachdem Dorothea ihre jüngeren Geschwister zu Bette gebracht und die Freunde gegangen waren, die gewöhnlich an jedem Freitag Abend sich bei Mendelssohn einzufinden pflegten. Alles, was auf Bildung und Gelehrsamkeit in Berlin Anspruch machen durfte, wurde hier gastlich empfangen und freundlich ausgenommen; es herrschte ein heiterer, freier Geist der Duldung und Humanität, eine feine Geselligkeit, gleichweit entfernt von gelehrter Pedanterie wie von oberflächlicher Frivolität. Mit tiefen philosophischen Gesprächen wechselte ein froher Scherz, zu dem Mendelssohn meist selbst das Zeichen gab. Die neuesten litterarischen Erscheinungen wurden hier ebenso gründlich als gefällig abgehandelt von Männern, welche selbst den bedeutendsten Antheil an der Schöpfung und Erweckung dieser neuen Litteratur hatten. Alles dies trug dazu bei, diesen Gesellschaften einen eigenen Reiz zu verleihen imb das Haus des jüdischen Philosophen zu einem glänzenden Mittelpunkt der Berliner Bildung zu machen, die von hier aus sich strahlenförmig über die ganze Residenz verbreitete. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn behauptet wird, daß Berlin seinen Ruf als Hauptstadt der Intelligenz großen Theils in jener Zeit dem Mendelssohn'schen Hause und den Freunden desselben zu verdanken hatte. In einer solchen Umgebung und an der Seite eines solchen Vaters war Dorothea zu einer eigenthümlichen Erscheinung auf-