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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-11-25 · Heft 48 (25.11.1892) · p. Seite 571

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 48 (25.11.1892)
Date
1892-11-25
Page
Seite 571 (sequence 7)
Language
German
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Ehr.) wiedergiebt, sind die Gründe, 'welche für den Thurmban geltend gemacht werden, erheblich praktischere als die in der heiligen Schrift angegebenen. Einmal nämlich sollte dieser Thurm mit seinen kolossalen Dimensionen einen Zufluchtsort bieten, falls es Gott wieder einmal einfallen sollte, eine Sintflnth aber die Länder sich ergießen zu lassen. Ferner aber — und dies lagt Maimonides — hatten die Babylonier, deren Interesse für die Erforschung des Sternenhimmels ja allgemein bekannt ist, die Hoffnung, von diesem Thurme aus den« Mond und der Sonne, welchen ne zudem die Hauptschuld an der Weltüberschwemmung beimatzen, io nahe zu kommen, daß sie in das Wesen und die Wirknngsart dieser Gestirne einen direkten Einblick zu erhalten erwarten durften. Jedenfalls sind dies zwei Gesichtspunkte, welche geeignet sind, oen Gedanken an jenes Bauunternehmen in einein ganz anderen Lichte als in dem bloßer Frivolität oder müßiger Neugierde erscheinen pi lassen. Diese Ueberlieferungen theilt Kircher nur nebenher mit, da es ihm ja in erster Linie darauf ankam, die direkte» Angriffe gegen die Wahrhaftigkeit der Heiligen Schrift abzuwehren. Wir kommen jetzt zu diesen Angriffen. Der alte jüdisch-hellenische Philosoph Philo fl. Jahrh. p. Ehr.) hatte die ganze Erzählung von dem Thurmbau zu Babel als eine Fabel hingestellt, unter der näheren Begründung, daß einerseits schon die Idee von dem Ban nies Thurmes, der bis zum Himmel reicht, als ein Hirngespinst zu vetrachten, andererseits der Vorgang gar nicht vorstellbar sei, daß ins der ganze» Menschenmenge, die damals eine Sprache sprach, nlötzlich die einzelnen in verschiedenen Lauten zu sprechen begonnen baden sollten; die verschiedenen Sprachen müßten sich vielmehr allmählich entwickelt haben. Mit diesen Einwänden wird Kircher dank einer eigenthümlichen Argumentation leichter fertig, als wir erwarten oüten: jene Bezeichnung von der Höhe des Thurmes sei nur als Symbol für einen sehr hohen Thurm aufzufassen, der Versuch einer »'attischen Ausführung daher sehr wohl denkbar; der zweite Einnand 'aber wird einfach mit dem stets vernichtenden Hinweise bceitigt, daß die plötzliche Sprachverwirrung „zwar aus natürlichen Gründe» nicht zu erklären sei, daß aber Jeder, der nicht den Verstand arloren habe, einsehen müßte, daß dem allmächtigen Gott, dem nichts bi schwierig ist, auch dies nicht unmöglich gewesen." Ich habe diese Art der Beweisführung erwähnen zu müssen geglaubt, weil sie höchst harakteristisch ist für die Thatsache, wie stark damals auch in so behütenden Köpfe» geniales Denkvermögen und traditionelles Vor- »theil auf einander stießen. Kircher kommt dann auf die näheren Umstände des Bauplanes » sprechen, wobei nun die beabsichtigten Dimensionen natürlich in en Vordergrund treten, weil durch diese die Gottlosigkeit der damaigen bgbylonischen Menschensippschaft und die Gerechtigkeit des darauf »folgten göttlichen Strafgerichts in das hellste Licht gestellt wird, per Thurm sollte nach der Tradition, die hier von Kircher nicht »ehr als Symbol aufgefatzt wird, bis an den „ersten Bogen des 'Himmelsgewölbes" stoßen, oder nach der samaritanischen Lesart bis »n das < Loolnin Lnnae, die Mondbahn. Die Entfernung des Mondes von der Erde war damals dank der Arbeit hervorragender Astronomen mit recht großer Genauigkeit bestimmt, und zwar zu 56 Erdradien im Apogäum und 52 Erdradien im Perigäum; auch der mittlere Werth des Erdradius war bereits ziemlich gnt bekannt. So bot es denn keine weiteren Schwierigkeiten, die Höhe des Thurmes zahlenmäßig sestzustellen; Kircher erhält für dieselbe den Werth von 185,544 italienischen Meilen.') Die Basis des Thurmes, welche entweder (nach arabischen Autoren) kreisförmig oder (nach Anderen) quadratisch gebaut war, berechnete Kircher ebenfalls, indem er den Radius derselben oder ihre Seite mit 8000 Schritt annahm. Aus diesen Elementen, Basis und Höhe, wurde der Rauminhalt des Thurmes zu 2,977,850 Kubikmeilen ermittelt. Damit begnügte sich Kircher noch nicht, sondern berechnete znm Ueberflnß noch, wie viel Ziegelsteine von gewisser Größe zur Fertigstellung des Thurmes nothwendig gewesen wären; die von ihm dafür erhaltene Zahl wollen wir jedoch unscrm Leser aus zarter Rücksicht vorenthalten. Es folgen nun seine Eoimekliiii.'i (Schlußfolgerungen), die zu originell sind, als daß sie übergangen werden sollten. Sie lauten (in der Uebersetzung aus dem Lateinischen): „1. Folgerung: Wenn 3426 Jahre lang ununterbrochen von vier Millionen Menschen gearbeitet, und der Thurm jede Woche in seinem ganzen llmfange eine Meile gewachsen wäre, so würde der Thurm in diesem Zeitraum nicht vollendet sein. 2. Folgerung: Wenn das Holz aller Wälder des ganzen Erdkreises zusammengetragcn würde, dazu die ganze Erde in Lehm und Thon und der Ocean mit allen Meeren und Flüssen in Asphalt verwandelt würde, so würde doch das Holz zum Kochen der Backsteine, die Erde zu Lehm und der Ocean zu Asphalt nicht ausreichen. Man müßte also einen neuen Erdkreis gründen, und zwar müßte dieser zur Aussiihrung dieses Thurmes doppelt so groß als der bestehende sein. 3. Folgerung: Wenn ein Reiter jeden Tag 30 Meilen auf dem steilen Anstieg des Thurmes zurücklegen würde, so würde er in 800 Jahren dessen Spitze noch nicht erreicht haben. 4. Folgerung: Dieser Thurm würde mit seiner Masse die Erde um viele Parasangen überragt haben. Eine eitle und thörichte Vermessenheit der Menschen war es daher, an Solches zu denken oder es gar in Angriff zu nehmen; und deshalb, weil sie Gott und Menschen trotzten und selbst dem Himmel den Krieg zu erklären sich in ihrer Vermessenheit nicht scheuten, war es ein gerechtes Gericht Gottes, solchen Trotz mit der Verwirrung der Sprache zu strafen." Natürlich müssen wir uns ein weiteres Eingehen auf diese außerirdischen Hypothesen versagen. Hinznfügcn wollen wir nur noch, daß die Rechnung Kirchers bezüglich des Kubikinhalts des Thurmes im Verhältnis; zu dem der Erde nierkwürdigerweise nicht stimmt, da nach den angegebenen Dimensionen der Inhalt des Thurms keineswegs den der Erde übertrefsen, sondern sogar nur ‘/nooo des Erdinhalts ausmachen würde. Die Masse des Thurms würde aber im Verhältnis; zu der Erdmasse noch geringer sein. Bisher wird der Leser sicher den Eindruck gewonnen haben, daß es sich in dem citirten Werke »m eine Spielerei handle, die eigentlich eines großen Gelehrten und scharfen Denkers völlig unwürdig ist. Um so mehr wird er erstaunen, wenn er nun hört, zu welch wahrhaft genialem Schluß dasselbe Werk hinleitet. Die von ihm als Thatsache angenommene Erzählung von der Sprachverwirrung (hebräisch: Babel) führt unsern alten Autor mit zwingender Konsequenz zu dem Schluß, daß aus den damals entstandene» Sprachen sich die eine Ursprache, welche jene Thurmbauer vor der Sprachverwirrung sprachen, müsse rekonstruiren lassen, wenn es nur gelänge, die gemeinsamen Wurzeln aufzufinden. Und so legt er, unterstützt von seinen phänomenalen Sprachkenntnissen, in dem 0 60 ital. Meilen auf eine» Grad des ErdäqnatorZ; demnach eine ital. »heile — '/, geogr. Meile.

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