Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 48 (25.11.1892)
- Date
- 1892-11-25
- Page
- Seite 570 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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570 die du nicht verletzen darfst. Bereichte keinen Benschen'), beschäme Niemand, so wirst auch dn nicht beschämt werden'-), denn mit dem Mast, mit dem der Mensch messet, wird auch ihm gemessen '). Wer aber seinen Nächsten beschämt, der wird einst selbst beschämt4). Das ist auch das Ende der Stolzen, sie verlieren selbst die Ehre und Achtung, die sie besahen, denn wer sein Auge auf das wirft, was ihm nicht gehört, der verliert, was er besitzt, und erhält nicht, was er begehrt ''). Wer sich selbst erhebt, den erniedrigt der EwigeH. Der rechtschaffene Mensch aber wähle die Bescheidenheit zur Richtschnur seines Lebens, sie wird ihn vor Gram und Aerger beschützen, er wird stets geachtet und angesehen sein') und nicht das Loos der Stolzen theilen, die zur Strafe ihr Vermögen verlieren)). Kapitel 12. Menschenliebe. Der Ewige spricht: Meine geliebten Kinder! Nichts fehlt mir, daß ich von euch etwas zu verlangen brauchte, ich bitte euch nur, daß ihr euch gegenseitig liebet, achtet und ehrfürchtet.'') Liebe jeden Menschen!") Was ist Menschenhast? Wenn man die Weisen liebt, aber deren Jünger haßt, oder die Jünger liebt und das unwissende Volk haßt. Der Mensch soll alle Menschen lieben.11) Du sollst nicht hassen deinen Bruder in deinem Herzen. Ist darunter vielleicht zu verstehen, daß du ihn nicht thatlich angreifest, ihn nicht schlagest? Nein: In deinem Herzen steht geschrieben, worunter nur der Hast im Herzen zu verstehen ift12) oder eine alte Feindschaft.^) Hungert dein Feind, so gieb ihm Brod zu essen, hat er Durst, reiche ihm Master zum Trinken. Selbst wenn er die Absicht hat, dich zu tobten, aber hungrig und durstig in dein Haus kommt, dann gieb ihm nur schnell zu essen und zu trinken. Du schüttest brennende Kohlen auf sein Haupt, unb der Ewige wird es dir vergelten, daß er ihn dir gegenüber friedlich stimmen wird.") Hat der Mensch erst das Gebot: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" übertreten, so wird er einst auch die Verbote: „Dn sollst nicht hassen" und „Du sollst dich nicht rächen und keine Feindschaft nachtragen" vernachlässigen sowie die Vorschrift: „Dein Bruder bete mit Dir", deren Uebertretuug den: Blutvergießen gleichkommt, unberücksichtigt lassen.") Indessen hüte dich, allzuviel Freunde in dein Haus zu bringen.") Prüfe sie, bevor du dich ihnen anschließest, ob sie Deine Liebe auch verdienen und ob sie nicht eigennützige Zwecke verfolgen, denn Liebe, die von einer Sache bedingt ist, ist keine Liebe?') Wohl ist es nicht angenehm, einsam und verlassen dazustehen, wohl ist besser der Tod, als ohne Freunde leben,") dessen ungeachtet aber ist es rathsam, sich zu vergewissern, ob man es mit aufrichtigen Freunden, wie die des Hiob"), zu thun hat. Auch vor dem Rathgeber nimm dich in Acht 20), ob er nicht seine Vortheile im Auge habe, geschweige, daß du Jemanden einen bösen Rath ertheilst, daß du zu deinem Nächsten nicht sprechest: „Verkaufe deine Ochsen und kaufe dafür einen Esel", damit du einen Vortbeil dadurch erzielst.2') Gin Bauprojekt der grauen Vorzeit. ein biete? Buch bar über mit Plaue» unb Zeichnungen verfaßt. Das ist bet „Tunis Bubet sive Arcliontolngia“ von Atha nasins Kircher. Der mystische Titel des Buches unb ber berühmte Name des Verfassers bürsten oft schon ben Wunsch rege gemacht habe», etwas Genaueres über Inhalt unb Tenbenz bieses alten Werkes zu erfahren. Diesen» Wunsch trägt ein namhafter Architekt nunmehr Rechnung; eine um so angenehmere Aufgabe, als! sich daraus ein boppelier Nutzen ergeben bürste: einmal bie Bekanntschaft mit einem ebenso merkwürdigen als bebeutenben Werke, und sodann ein Einblick in die Werkstätte eines großen Geistes, ber selbst da »och Großes zu schaffen fähig ist, wo er auf unsichereni unb nur aus Laune gewühltem Boden zu bauen scheint, j Der Name des Athanasius Kircher ist wohl auch weiteren! Kreisen heute noch bekannt; dagegen bürsten verhältnißmäßig Wenige wissen, mit welchem Recht er als einer der größten Gelehrten seiner an solchen so reichen Zeit — er lebte von 1601 bis 1680 — bezeichnet wirb. Wenn wir uns von seiner Thätigkeit ein Bild zu machen versuchen, so erregt zunächst die Vielseitigkeit seines Wissens unsere höchste Bewunderung. Kircher bekleidete bereits im Alter von 17 Jahren in Würzburg eine Profeffur der Mathematik, ber! Philosophie, ber hebräischen unb ber syrische» Sprache. In diesem Titel aber ist Kirchers geistiger Gesichtskreis bei Weitem nicht er schöpfend gekennzeichnet, da sich in seinen zahlreichen Werken ganz umfassende Kenntnisse auch der Astronomie, ber Physik, der Völkerkunde und vor Allem ber Sprachkunde im weitesten Sinne bokumentiren. Bei dem Studium seiner Werke bars man es nun aber 1 nie vergessen, ober vielmehr man wird dauernd daran erinnert, daß Kircher dem Jesuitenorden angehörte und daher gegenüber ben Fort- , schritten naturwissenschaftlicher Erkenntniß ablehnend sich zu! verhalten verpflichtet war. Unb die Rücksichten auf die biblische» : Traditionen, die er in der Eigenschaft als orthodoxer katholischer; Geistlicher stets im Auge behielt und behalten mußte, scheinen auch j ben Ausgangspunkt für ben „Turris Babel“ gebildet zu haben, dessen j Inhalt zuerst in Form eines Vortrags vor der VII. allgemeinen! Jesuitenversammlung zu Rom zur Kenntniß weiterer Kreise gelangte ' unb, wie Kircher in ber Präfatio des 1679 im Druck erschienenen Werkes wohlgefällig bemerkt, „mit nicht geringem Beifall" ausgenommen mürbe. Seine erste Sorge war es, durch dieses Werk die Einwände, welche gegen die Wahrheit der Erzählung von den, Thurmbau z» Babel und der sich daran schließenden Sprachverwirrung erhoben waren, zu entkräften und nachzuweisen, daß hier wie überall die! Heilige Schrift als unangreifbare Autorität dastehe. Nach der in! üblicher Länge und Breite verfaßten Vorrede verfehlte er nicht, ale j erstes, wichtigstes Desiderat ben Nachweis zu erbringen, baß in bei 275 Jahren von der Vernichtung des Menschengeschlechts bis zu der i Sprachverwirrung aus der Familie Noah bereits eine so außer; ordentliche Nachkommenschaft hervorgegangen sein konnte, daß es zr j dein Unternehmen des Thurmbaus an ber nöthigen Menge vor Leuten nicht fehlte; Kircher kommt bei dieser Volkszählung dein auch aus Zahlen, welche durch ihre Länge durchaus befriedigen, wo bei er allerdings an die Zeugungskraft des damaligen Menschen Die Phantasie des Mittelalters hat sich viel damit beschäftigt, ben Thurm von Babel zu rekonstruiren. Ein berühmter Gelehrter hat zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts sogar 0 Aboth 4, ■-) Moed Katrin. :!) Sotah 5. 4) Kalah. 5) Sota h 9. B Erubin U> 7) Zanhedri» »2. si Snkka 29.!’) Tana öebe Eliajahn rabba Kap. 28. ">, 2tbott)],L2. " > Abothb. Rabbi Nathan, Kap. 1ä. •-) Torath.Kohaniin Kdvschini. >4 Tana debe Elijah». ") Midrasch Mischte Kap. 27. > u Sisri Schophkiin. Ii;) Berachoth ,7) Aboth 5, Ui. >ch Taanith 29. hl, Baba Baira 1». Tanhedrin 76. Sisra Kdoschiui. geschlechts Anforderungen stellt, die heute doch ein wenig exorbitair erscheinen. Er kommt dann zu dem Thurmbau selbst. Nembrod! der Sohn des Chus und ein Mann von eminenter Begabung'?! giebt in einer gewaltig zündenden Rede der Bevölkerung die An i regung zu dem Ban eines Riesenthurmes, für den er als höchst ge schickter Baunreister — die Babylonier waren insgemein als solch? berühmt — ein Modell bereits gefertigt hatte. Der Erfolg seine? 0 Stach Josephas identisch mit dem großen Jäger Nimrod.