Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 48 (25.11.1892)
- Date
- 1892-11-25
- Page
- Seite 566 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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566 Um jedoch den drückendsten Ucbelständen zu begegnen, haben sich die Gemeinde-Behörden im Prinzip bereit gefunden, zur Errichtung einer Baracke einen Theil des Grundstücks Oranienburgerstraße 31 herzugeben. Herr Kommerzienrath Louis Simon und dessen Gattin Jda geb. Lehweß haben der Gemeinde in hochherziger Weiie 100,000 Mark zum Ban einer Baracke schenkungsweise angcboten." In den Altersversorgungsanstalten der Gemeinde finden zur Zeit 191 Hospitaliten Unterkunft und Pflege. Durch die Veranstaltungen zur Pflege von Waisenkindern, an ihrer Spitze das Reichenheim'sche Waisenhaus, wird die Erziehung von 286 Kindern bewerkstelligt. Mit besonderem Dante hebt der Bericht unter den zahlreiche» wohlthütigen Zuwendungen das Legat des seligen Tr. Ephraim im Betrage von 1,250,000 Mark hervor, welches es dem Vorstande gestattet, bei seinen Humanitären Ausgaben wechselnden Bedürfnissen Rechnung zu tragen, ohne an feste unabänderliche Normen gebunden zu sein. Fassen wir Alles zusammen, so gewahrt der Bericht den befriedigenden Eindruck, daß die Männer, welche zur Zeit an der Spitze der Berliner Genreinde stehen, sowie Diejenigen, welche in dem jüngsten Verwaltnngsabschnitte ihnen helfend zur Seite gestanden haben, auf ihre Leistungen, wie auf ihre Erfolge mit Genngthnung zurückblicken dürfen. Möge der jüdischen Gemeinde für lange hinaus eine gleiche friedliche Entwickelung vergönnt sein! A. B. Gallische Briefe. IV. L e m b c rg, im November. Nun ist die Zeit, in der die Geschichte gleichsam ruhte, in der ans dem Kampfplatze der Politik Wassenstillstand herrschte, die liebe, gemüthliche „Gnrkcnzeit" vorüber, und ich will wieder einmal den Lesern dieses geschätzten Blattes etwas über die Lage ihrer Brüder in Galizien berichten. Tic polnischen Philosemiten sind endlich zur Einsicht gelangt, das; die jüdischen „Anssauger" ihnen über den Kopf wachsen, und haben ihnen das Trödeln verboten. Und in der That! Ein solcher Trödler verdient im Durchschnitt 30—10 Kreuzer täglich, und wenn cs ihm sehr gut geht, und wenn er kein „raffinirter Aussanger" ist, kann er eS auch bis zu 50 Kreuzern täglicher Revenuen bringen, und das ist doch ein Raub an der „christlichen Gesellschaft". Man hat also diesen Armen ihren einzigen und, unter den gegebenen Verhältnissen, einzig möglichen Nahrungszwcig abgcschnitten. Freilich sind die Herren nicht so weit gegangen, irgend welchen Ersatz zu bieten. Das ist ja auch gar nicht nöthig. Vorläufig beträgt die Zahl der Opfer dieses Verbotes in Lemberg selbst 200, und wenn man die Familien dieser brodlos gewordenen Trödler mit in Rechnung zieht, hat man das gräßliche Bild von tausend hungernden und frierenden Menschen ganz vor Angen. Aber die Inden müssen sich selbst helfen. Ties mußte auch wohl Baron Hirsch eingesehen haben, als er in Galizien Institutionen ins Leben rief, die berufen sind, den galizischen Juden im Laufe der Zeit zu ehrlichen und ergiebigen Erwerbsquellen zu verhelfen. Wenn! auch daS „Kuratorium der Baron-Hirsch-Stistnng" vcrhältnißmäßig! ans das Kultnrmomcnt zu viel Gewicht legt, ohne irgendwie den! akuten Lebensfragen Rechnung zu tragen, so darf man doch die! hervorragende Bedeutung seiner Leistungen keineswegs unterschätzen.! Wie sehr ivichtig und fruchtbar diese Wirkungen sind, zeigt »ns j der letzte Rechenschaftsbericht, den Tr. Arnold Rappaport in der Sitzung vom 29. September l. I. erstattet hat. Dieser zeigt besonders einen sehr bedeutenden Fortschritt gegen die Thätigkeit der frühern Berichtsperiode. Während der vorhergegangcne Bericht neun Volksschulen (in Tarnow, Neusandec, Chrzanow, Zablocie, Stanislau, Kolomea, Buczacz, Boryslaw und Wolanka), zwei Abendschulen (in Tarnow und Chrzanow) und eine Handwerksschnle für Schlosserei und Tischlerei (in Krakau), also zusammen zwölf Schulen aufweist verzeichnet der gegenwärtige die Neugründung von neun Volksschulen (in Horodenka, Gwozdzice, Manasteczyska, Sassow, Zborow, Mielec, Brzesko, Wisnic und Rozwadow), drei Abendschulen (in Kolomea, Boryslaw und Rozwadow), zwei Kindergärten (in Stryj und Klasnv) und eine Industrieschule für Korbflechterei (in Mielec); zusammen also sind bereits 27 Anstalten in Thätigkeit. Die Schulen in Brody und Tarnopol genießen beträchtliche Unterstützungen. Ferner sind noch in Gründung begriffen: eine Volksschule (in Rawa Ruska), sechs Abendschulen, ein Kindergarten (in Wisnic), eine Schlosserwerkstattc (in Rzeszow) und eine Industrieschule für Kammfabrikation (in Sassow). Es werden somit binnen kurzer Zeit im Ganzen 37 Schulen ihre Lehrthütigkeit in Galizien ausüben. Die Zahl der die genannten Schulen besuchenden Knaben beläuft sich ans 3652, — eine jedenfalls imposante Zahl, wenn man bedenkt, daß in den kleinen galizischen Städtchen, in denen diese Aktion ins Werk gesetzt wurde, noch immer Bildungsschen und Fanatismus absolute Alleinherrschaft besitzen. In der That versuchten auch die „Chnssidim" dieser Städte, glücklicherweise ohne Erfolg, Front zu machen gegen die Unternehmungen des Baron Hirsch. Ja, sie verstiegen sich so weit, daß sie in Stryj die neubegründete Kinderschnle mitsammt ihren Leitern, Begründern und Urhebern in Bann legten; in Belz (Sitz eines Wunderrabbi) den Delegaten des Kuratoriums arg mißhandelten. Allerdings wäre zu wünschen, daß die Herren etwas mehr mit den wirklichen Thatsachen rechneten. „Schule" ist bei den jetzt in Galizien herrschenden Verhältnissen noch immer ein abschreckendes Wort für den unter der Domäne seines „Rabbi" stehenden Inden. Wer Gelegenheit hatte, mit dem eigentlichen Wesen der Chassidim etwas näher bekannt zu werden und sie beobachtete, wie sie, bei ihrem manchmal geradezu erstaunlichen Scharfe sinn, in den wichtigsten Fragen, wie Erziehung und Verheirathung ihrer Kinder und dergleichen, sich nicht ans ihre eigene Urtheilskraft verlassen, sondern direkt bestimint werden von dem Machtwort, ja sogar von dem bloßen Blick ihres Rabbi, — der wird auch einsehen das; man diese Elemente niemals an die „Schule" wird heranziehen können. Es wäre daher viel fruchtbarer und erfolgreicher, eine gründliche Reform des „Cheder" durchzuführen, das die Vorstände der Gemeinde, freilich unterstützt von dem Gelde der Hirsch-Stiftung, unter ihre Aufsicht und Verwaltung nehnren müßten. Wenn z. B. jetzt in Lemberg, wo die „Ehedarim" von Amtswegen geschlossen wurden, der Knltusvorstand eiligreifen wollte, die „Melamdim" (Lehrer) be solden und einen geregelten, den Anforderungen der Pädagogik entsprechenden Unterricht einführen würde, dann wäre die „Schule" unter dem Namen „Cheder" fertig, ohne jedoch gerade diejenigen Elemente abzustoßen, welche heranzuziehen die Aufgabe der Stiftung ist. Es wäre jedenfalls wünschenswerth, daß die Kuratoren die hiei gegebene Anregung berücksichtigen, zumal sie doch mit den prälimi »irten Ausgaben von 120,000 Gulden jährlich noch nicht ihre ganzen. Einnahmen erschöpft haben, vielmehr über noch sehr beträchtliche Fonds frei verfügen können. Ist die Hirsch'sche Millionen-Stiftung berufen, ein wichtiger kultureller und, wenn sie in ihre eigentlichen Bühnen eingelenk! werden wird, auch ökonomischer Faktor im Leben der galizischen Inden z» sein, so ist andererseits das Auftreten einer jüdisch-pvli