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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-11-18 · Heft 47 (18.11.1892) · p. Seite 564

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 47 (18.11.1892)
Date
1892-11-18
Page
Seite 564 (sequence 12)
Language
German
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564 Anschauung zum Begriff, vom Konkreten zum "Abstrakten; die zu entwickelnde Religionslehre müßte hinter dem Gebete, aus dem sie erst entwickelt werden soll, ihren Platz finden. Der Verfasser spricht in seinen ungemein beherzigenswerthen „Winken zur Benutzung dieses Buches" davon, daß der Lehrer beim Religionsunterricht mit der Anregung der Aufmerksamkeit der Schüler zu beginnen habe. Wir meinen, die sachgemäßste Erregung der Aufmerksamkeit wäre die Erinnerung an das Gebet, aus dem die Religionslehre zu entwickeln ist. Was die Verrheilung des religiösen Unterrichtsstoffes betrifft, so ist sie mit so außerordentlichem Geschick und Verständniß durchgeführt, daß nur uns kaum eine sachgemäßere Vertheilung vorstellen können. An die Morgengebete bis '"CTI schließt sich an die Lehre von der Heiligung des Körpers und der Seele zum Dienste Gottes. Die Segenssprüche über JT2TX und geben "Anlaß zur Besprechung der Zeichen der Anerkennung und Verehrung Gottes. Hierauf folgt ein umfangreicherer Abschnitt über Anerkennung und Verehrung Gottes in Worten, und zwar im "Anschluß all mEH ■»piDS die Ruhmesthaten Gottes; im Anschluß an n\rn2",01 PEtT DK’lp die Anerkennung Gottes als Schöpfer, Gesetzgeber ulld Erhalter der Natur, als Offenbarer der Lehre, als Leiter ulld Beschützer der Menschen und Erlöser Israels, überhaupt der ganzen Herrlichkeit und Vollkommenheit Gottes; im Anschluß an eine schöne Abhandlung über Gebet ulld Beten. Mit der Erklärung des Zusauunenhangs der können wir uns hingegen nicht befreunden; der Zusammenhang ist so künstlich hergestellt und an den Haaren herbeigezogen, daß die ganze Erklärung uns wie ungesundes Maggidus anlnuthet. Auch die künstliche Verbindung gleich zu Anfang des Buches 1>ag>. 4 Abs. 6 lind e) und an anderen Stellen gefällt uns nicht. Muß denn immer schematisirt werden? — Weiter folgt im Anschluß an Dim die Anerkennung und Verehrung Gottes in Leidenszeiten (Fasttage) im Anschluß an die Thoravorlesungdie Anerkennung der Thoraund Beschäftigung mit ihr, im Anschluß an die Heiligung des Gottesnamens. An die Freitagabend- und Sabbathgebete reiht sich eine ausführliche Behandlung und Erläuterung des Sabbaths und eine vielleicht allzu detaillirte Darstellung der Sabbathgebote. Sehr schön schließt sich die ganze Sittenlehre an 'p'lS an, und der ganz neue Eintheilungsgrund, der die Sittenlehre auf den kombinirten Ausspriichen Simeons des Gerechten und Rabbi | Simeons ben Gamliel basiren läßt (Thora, Gottesdienst, Liebesthaten; Wahrheit, Gerechtigkeit, Friede», hat unfern ungetheilten Beifall. Die | ganze Darstellung der Sittenlehre berührt uns ungemein sympathisch.! Der Verfasser giebt nicht weitschweifige Erklärungen und langathmige Begründungen; er faßt sich so kurz und prägnant als möglich und läßt dafür Bibel und Talmud reden. Er giebt eigentlich nichts weiter als Ueberschristen, die in ihrer kategorischen Kürze ungemein wirksam sind, z. B. "Arbeite und schaffe! Sei gerecht! Verletze nicht Ehre und Ruf i des "Andern! Diene deinem Vaterlande! Beherrsche deine Triebe! Sei barmherzig! Suche den Frieden! An diese Ueberschristen reiht sich eine treffliche Auswahl klassischer Sittensprüche aus unserem Schriftthum; wir bedauern nur, daß sich der Verfasser öfters mit bloßen Citaten (freilich nur im Anschluß au eine größere Reihe wörtlich angeführter Belege) begnügt hat. Was soll das Eitiren in einem Schulbuch? Welcher Schüler schlägt seine Bibel nach, mn das betreffende Eitat aufzusuchen? Bei dieser Gelegenheit möchten wir auch die Bemerkung nicht unterdrücken, daß wir statt des bloßen Hinweises auf die Namen: Mose, Josua, Elieser ben Hyrkanos, Akiba, Maimonides u. s. w. lieber eine mehr oder minder ausführliche Darstellung wenigstens bei den nachbiblischen Personen gesehen! hätten. Gerade eine solche Einflechtung von anschaulichen Erzählungen i aus Midrasch und Geschichte ist von nicht zu unterschätzender pädagogischer Bedeutung. Der bloße Hinweis auf biblische und nachbiblische Geschichte scheint mehr ein Wink für den Lehrer, als fiir den Schüler bestinnnt zu sein. — An die Neumonds- und Festgebete schließt sich die Besprechung des Kalenders und der Festtage. Die Behandlung der Festtage in ihrer zmn Theil ganz originellen durchgehends anregenden Darstellung hat uns im Allgemeinen sehr gefallen. Nur die Abhandlung pag. 404 ff.: der Mensch in seiner Gottähnlichkeit, die menschliche Gesellschaft, der Mensch in seiner Ohnmacht u. s. w. erscheint uns verfehlt. Wie läßt sich eine so schwere philosophische Darstellung in einem Schulbuch rechtfertigen? Ueberhaupt will uns bedünken, als ob der Verfasser bisweilen mehr an die Eltern und Lehrer als an die Schüler gedacht habe; allein das scheint uns nicht richtig. Man kann nicht gut ein Buch zugleich für Lehrer! und Schüler, für Eltern und Kinder schreiben. — .Zum Schluffe folgen! die Kapitel von der Hochschätzung alles Gottgeweihten in Anlehnung an den Priestersegen, über die Ehe in Anlehnung an 'pDVTX über die Speisegesetze in Anlehnung an das Tischgebet, uns etwas zu ausführlich, und wir möchten fast sagen zu realistisch dargestellt; und ganz zum Schluß die Anerkennung der göttlichen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit und die Trauervorschriften in Anlehnung an Wir sprachen bisher nur von der Bedeutung des Buches als Religionsbuch. In erster Linie ist dasselbe aber ein vollständiges Gebetbuch mit fortlaufender gegenüberstellenden Uebersetzung, und als solches ein Hilfsbuch für den Schüler zur Vorbereitung und Wiederholung, neben welchem das uniibersetzte Gebetbuch freilich das Hauptgebetbuch für die Schule fein und bleiben soll. Die Uebersetzung ist durchweg ausgezeichnet; sie ist bis in das Einzelste so sorgfältig erwogen und verräth so viel gesunden pädagogischen Takt, daß wir derselben, bis auf ganz unwesentliche Ausstellungen, rückhaltlose Anerkennung zollen müssen. Wer selbst viel mit Gebetübersetzen zu thnn hat, der weiß, wie schwer oft eine wörtliche und doch zugleich gut deutsche Uebersetzung zu finden ist, und er wird mit mir dem Verfasser dieser Uebersetzung für seine Gabe von Herzen dankbar sein. Den Gebeten sind kurze dankenswerthe Bemerkungen über Quelle und geschichtliche Veranlassung beigefügt, und auch über die gottesdienstliche Verwendung der Gebete giebt das Buch genaue Auskunft. Was dem Buche allein schon einen hervorragenden Werth verleiht, und was wir als ganz besonders rühmenswerth hervorhebeu möchten, das sind die, den Inhalt des Gebetes und Gebetstückes zusammenfassenden, trefflichen Ueberschristen über allen Gebeten, die allein schon dem Gebetbuch den Stempel eines Religionsbuches aufprägen. Einzelne spezielle Ausstellungen und Wünsche, die für das große Publikum von keiner Bedeutung sind, haben wir dem Verfasser persönlich mitgetheilt zur eventullen Beachtung bei Veranstaltung einer zweiten Auflage, welche wir dem vortrefflichen Buche recht bald aus vollem Herzen wünschen. Alle unsere Einwände und Bedenken sind nicht derart daß sie der Bedeutung und der Brauchbarkeit des Buches irgend welchen Eintrag thäten. Unser Haupteinwand ist, daß es, weil zugleich für Eltern, Lehrer und Schiller bestimmt, dem Schüler zu viel und bisweilen über seinen geistigen Horizont Hinausgehendes bietet. Wir möchten den Verfasser geradezu bitten, aus diesem Buche, durch Ausscheidung alles abstrakten Lehrstoffes, ein nur für den Schüler bestimmtes Lehrbuch zu machen. Die Ueberschristen über ben Gebeten allein genügten schon, nur könnten sie, wie bei den Sittenlehren, in eine kategorische Form umgewandelt werden; den einzelnen Gebeten wären die entsprechenden Bibelverse (alle in extenso und nicht in kleinem Druck) und, wie wir oben ' angedeutet haben, anschauliche talmudische und midraschische Dichtungen sowie Erzählungen aus der (biblischen und?) jüdischen Geschichte hinzuzufügen. Doch das find Zukunftswünsche. Wir können das Buch auch so, wie es heute vorliegt, mit gutem Gewissen zur Einführung in jüdische Religionsschulen empfehlen; wir empfehlen es dringend allen jüdischen Lehrern, denen die gedeihliche Entwicklung unseres religiösen Jugendunterrichts wahrhaft an: Herzen liegt, wir empfehlen es auch jüdischen Familien, denen nnfer Gebetbuch bisher ein Buch mit sieben Siegeln gewesen: sie werden die Siegel gelöst finden und einen ungeahnten Reichthum an sittlichen Gedanken, an Glaubensinnigkeit, an begeistertem Gottvertrauen in diesem „Volksbuch unserer Religionsgemeinschaft" entdecken. U 6ei der Redaktion rinyegangene üüchrr H. L. Strack: Der Blutaberglaube in der Menschheit, Blutmorde und Blutritus. Vierte, neubearbeitete Auflage. München 1802. C. H. Beck. I. Plato: Zur Geschichte des Eregese. Jnaug.-Diss. Frankfurt a. M. 1892. I. Kauffmann. Eh. Bäumker: Avencebrolis (Ibn Gabirol) fons vitae. Münster 1892. Aschendorff. Bd. 2. L. A. Rosenthal: Ueber den Zusammenhang der Mischna. Straßburg 1892. K. I. Trübner. Bd. 2. M. L. Rodkinsohn: Uistorv ok aiuulets, obarms anä tabsimm^ Newyork 1892. Selbstverlag. Druck und Verlag von Rudolf Molle in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.

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